„Miserabel“: Welches große St. Pauli-Problem Trainer, Spieler und Fans nervt
Die Explosion der Emotionen nach dem Last-Minute-Ausgleich übertönte den Fakt, dass sich der FC St. Pauli in Köln beinahe wieder selbst geschlagen hatte. Ein miserabler offensiver Freistoß der Kiezkicker hatte die Führung der Gastgeber eingeleitet. Ein maximal bitterer Beleg für die latente Standard-Schwäche der Braun-Weißen. Abwehrchef Eric Smith und Alexander Blessin finden bei aller Freude und Erleichterung über das glückliche Remis klare Worte, denn das Problem muss behoben werden, wenn St. Pauli in der Liga bleiben will.
Es sind leider keine Daten zu finden, die belegen, dass sich die Kiezkicker mit dem Herausholen eines Freistoßes in der gegnerischen Hälfte oder eines Eckballes einen klaren Vorteil verschaffen, mit der Ausführung für Gefahr sorgen und signifikant ihre Chancen erhöhen, ein Tor zu erzielen. Zu schwach ist St. Pauli bei ruhenden Bällen.
St. Pauli leitet mit Freistoß das Gegentor durch El Mala ein
Beim Remis in Köln (1:1) kippte diese Schwäche bei offensiven Standards auf fast groteske Weise ins Gegenteil und sorgte für maximale Gefahr – aber für das eigene Tor! Eine von Mathias Pereira Lage schwach getretene und unpräzise Freistoßflanke in den Strafraum konnte vom FC zu leicht geklärt und mit einem langen Befreiungsschlag in einen Konter verwandelt werden, den Said El Mala fünf Minuten nach Anpfiff der zweiten Halbzeit eiskalt zur FC-Führung abschloss, weil er im Laufduell gegen Pereira Lage mit Ball am Fuß schneller war als St. Paulis Franzose ohne und weit und breit kein anderer Kiezkicker für weitere Verteidigungsversuche zu sehen war.
Ein schwacher Freistoß als Geschenk, eine schlechte defensive Absicherung als vorweihnachtliche Einladung, fertig war der Rückstand, der die zehnte Niederlage in Serie besiegelt hätte, wenn nicht Ricky-Jade Jones in der vierten Minute der Nachspielzeit noch den glücklichen Ausgleichstreffer erzielt hätte. Dann wäre über die fatale Szene in der 51. Minute ganz anderes gesprochen worden.
Alexander Blessin ärgert sich über „dummes Tor“
Klartext gab es dennoch zu hören. Von einem „dummen Tor“ sprach Trainer Blessin im Anschluss an die offizielle Pressekonferenz in kleinerer Runde, nannte den Treffer und die Art und Weise einen „Nackenschlag“, der die müden Beine vier Tage nach dem Sieg im DFB-Pokal in Mönchengladbach noch schwerer werden ließ. „Solche Fehler dürfen wir nicht machen“, betonte der Coach, der sich nicht nur über den schwachen Freistoß ärgerte, sondern auch das Abwehrverhalten danach. „Wir waren von der Positionierung ganz schlecht organisiert.“
Solch ein Gegentor, „darf normalerweise nicht passieren im Profi-Fußball“, stellte Eric Smith klar, als Abwehrchef durchaus für die Organisation der Hintermannschaft bei Standards mitverantwortlich. „Wir müssen es uns angucken und schauen, was passiert ist, aber natürlich hat jeder eine Rolle bei Standards. Wir dürfen keine Gegentore kassieren bei offensiven Standards für uns. Das ist nicht gut genug.“ Und in der Konsequenz fatal: „Wir arbeiten so hart und dann, wenn man für ein oder zwei Sekunden nicht fokussiert ist, kann das heißen, dass all die Arbeit umsonst war.“
St. Paulis Ecken und Freistöße: „Miserabel“
Der schwache Freistoß von Pereira Lage war beileibe kein Einzelfall. Zu viele Freistöße und Eckbälle in diesem Spiel seien „miserabel“ gewesen, wie Blessin unumwunden einräumte und diese Defizite ziehen sich auch durch die vergangenen Wochen. Gerade wenn eine Mannschaft verunsichert ist, sich aufs Verteidigen verlegt und Probleme hat, aus dem Spiel heraus Chancen zu kreieren, sind Standardsituationen ein wichtiges Mittel, um Torgefahr zu erzeugen. Vor dem gegnerischen Tor, versteht sich. Die schwache Standard-Qualität nervt auch die Fans, was nachvollziehbar ist, wenn einer St. Pauli-Ecke in der Regel ein gegnerischer Ballbesitz oder Abstoß folgt und sehr selten eine eigene Abschlussaktion – nicht über, nicht neben, sondern auf das Tor.
„Wir müssen uns da hinterfragen und verbessern“, sagt der Chefcoach zum Standard-Problem. Und Verbesserungspotenzial und -bedarf sieht er auch beim Thema Flanken und andere Hereingaben von außen durch die beiden Schienenspieler Louis Oppie und Arkadiusz Pyrka.
Zu wenig gute Bälle von außen: Oppie und Pyrka gefordert
Bei den Bällen, die von außen hereingebracht werden, mangelt es zu oft an Präzision, dem richtigen Timing und es kommen zu selten flache scharfe Hereingaben in die Schnittstelle zwischen dem letzten Abwehrspieler und dem gegnerischen Torwart, die Blessin häufiger sehen will. Das hat auch etwas mit Mut zu tun, wofür es Selbstvertrauen braucht, welches wiederum in einer Niederlagenserie nicht gerade im Übermaß vorhanden ist. Nachvollziehbar.
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Klar ist aber auch: Das Angriffsspiel über die Außenbahnen muss sich verbessern, damit die Stürmer häufiger und besser im Strafraum in Szene gesetzt werden. Was nützt die beste Box-Besetzung, wenn dann keine verwertbaren Bälle kommen? „Viele Sachen gehen in die Richtung“, sagt der Coach, bei dem am Ende der außergewöhnlich herausfordernden englischen Woche mit drei Auswärtsspielen innerhalb von sieben Tagen und nach zuletzt einem Sieg im Pokal und einem Punktgewinn in der Liga das positive Gefühl überwiegt, „aber in diesem Bereich müssen wir noch feilen“. Schnell und nachhaltig.
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