Millionen für Fujita, Smith, Ando? Wie St. Pauli zu Verkäufen von Topspielern steht
Ein Abstieg ist eine Zäsur. Finanziell und personell. Der FC St. Pauli wird Spieler verlieren. Jene, deren Verträge auslaufen, aber auch solche, die noch gebunden sind und den ein oder anderen Kiezkicker, der fest eingeplant und gebraucht wird für den Neustart in Liga zwei. Ein sportlicher Substanzverlust liegt in der Natur eines Abstiegs, aber der Verein könnte Schmerzensgeld kassieren und noch wichtiger: Kapital für neue Spieler. Aber es geht längst nicht nur um Nachfrage und Angebot, sprich: Kohle, sondern auch um Überzeugung und Bereitschaft für einen Neuanfang. Der Sportchef redet Klartext – auch beim heiklen Thema Klauseln.
Die Kaderplanung läuft spätestens jetzt, wo klar ist, in welcher Liga St. Pauli in der kommenden Spielzeit kickt, auf Hochtouren. Für Sportchef Andreas Bornemann fängt die neue Spielzeit mit dem Abschluss der Analyse der abgelaufenen Saison an, wie er zu Wochenbeginn betont hat.
FC St. Pauli: „Bock“ auf die Neuausrichtung in Liga zwei
„Der Verein bleibt nicht stehen“, sagt Bornemann. Der Abstieg sei eine „Riesen-Enttäuschung, aber auf keinen Fall das Ende.“ Er gibt sich vor dem Re-Start im Unterhaus und einem neuen Anlauf in Richtung Bundesliga kämpferisch: „Wir haben Bock, ich habe Bock!“
Das Fundament der Mannschaft sei gefestigt und mit Auge gegossen. „Wir haben den Kader so aufgestellt, dass wir für den Fall, dass wir runtergehen sollten, gesund und stabil aufgestellt sind“, betont Bornemann.
Transfer-Millionen kann St. Pauli gut gebrauchen, um den Handlungsspielraum zu vergrößern, aber hat sie nicht unbedingt nötig, stellt der 52-Jährige klar. „Das Entscheidende ist, dass wir nicht unter Druck geraten, den nächsten Etat decken zu müssen und dafür auf Transfererlöse angewiesen zu sein. Es ist kein wirtschaftlicher Zwang.“
Andreas Bornemann über Angebote für Leistungsträger
Es gibt Angebote für Leistungsträger, die noch unter Vertrag stehen, oder es werden noch Offerten kommen. Das ist der normale Gang der Dinge und des Geschäfts. Und es wird vertraglich gebundene Spieler geben, die eine neue sportliche Herausforderung oder finanzielle Gehaltsstufe suchen, kurz: die wechseln wollen.
„Das wird im Einzelfall abzuwägen sein“, sagt Bornemann zu möglichen ungeplanten Abgängen. In der vergangenen Saison waren es Philipp Treu und Elias Saad, die vor Ende der Vertragslaufzeit für Millionen-Ablösen den Kiezklub in Richtung SC Freiburg und FC Augsburg gewechselt waren.
Wolfsburg lockt Wahl, Fujita dürfte wegwollen – und Ando?
Treu-Kumpel Hauke Wahl etwa wird von Wolfsburg umworben und wollte nach dem Spiel gegen den VfL nichts zu seiner Zukunftsplanung sagen, obwohl sein Vertrag bei den Braun-Weißen auch für die kommende Saison gilt. Wie ernst es dem VfL nach dem gewonnenen Endspiel um die Relegation letztlich ist, wird sich zeigen.
Einen Spieler wie Joel Chima Fujita (24) könnte St. Pauli gut gebrauchen für das Projekt Wiederaufstieg, weil er noch jung und entwicklungsfähig ist und zu einem Führungsspieler einer neuen Mannschaft wachsen könnte. Andererseits ist es schwer vorstellbar, dass der japanische Nationalspieler bei seiner Karriereplanung die zweite Bundesliga als passende nächste Etappe sieht.
Pyrka hat einen Markt, Smith will WM-Bühne nutzen
Sein auf zehn Millionen Euro geschätzter Marktwert ist zwar zu hoch angesetzt, aber bei einem Fujita-Verkauf dürfte der Kiezklub sicher auf mindestens die Hälfte hoffen können. Landsmann Tomoya Ando (27), den St. Pauli im Winter verpflichtet hatte und der voll durchgestartet ist, wäre ein perfekter Eckpfeiler für einen Neuaufbau, aber die Abwehr-Kante dürfte Begehrlichkeiten geweckt haben. Gleiches gilt für Außenverteidiger Arkadiusz Pyrka (23), der nach einer überzeugenden ersten Spielzeit in Braun-Weiß bei Angeboten aus der Bundesliga oder einer anderen europäischen Topliga zu einem Wechsel tendieren könnte.
Eric Smith, dem in der Vergangenheit immer wieder Wechselabsichten unterstellt worden waren, dürfte die WM-Bühne mit der schwedischen Nationalmannschaft nutzen wollen, um nach einer durchwachsenen Saison sein Aktienkurs zu steigern und sich für einen letzten großen Vertrag zu positionieren. Mit 29 Jahren ist eigentlich jetzt der geeignete Zeitpunkt für einen Wechsel. Der Kiezklub dürfte ihm keine Steine in den Weg legen, wenn die Ablöse stimmt.
Bornemann: St. Pauli kann es sich leisten, „nein“ zu sagen
Zum Schnäppchenpreis will St. Pauli keinen Leistungsträger abgeben und sieht sich für potenziell harte Verhandlungen gut gewappnet. „Es ist Teil der Handlungsfähigkeit, Nein sagen zu können. Das ist ja auch eine Handlung“, erklärt Bornemann. Das dürfte bei einem jungen Spieler wie Pyrka eher möglich sein, als bei einem Wahl oder Smith.
Ein Vorteil aus Sicht des Sportchefs: „Die Verträge sind nicht mit irgendwelchen Klauseln versehen, weil wir das einfach ablehnen.“ Da es keine Ausstiegsklauseln mit einer festgelegten Ablösesumme, für eine bestimmte Liga oder bestimmte Vereine gibt, ist alles frei verhandelbar.
Es liegt in der Natur der Sache, dass der Sportchef im Vorfeld des Transfersommers öffentlich eine starke Position seines Vereins für mögliche Verhandlungen betont. Gleichzeitig ist es sehr schwer, Spieler oder auch Trainer zu halten, die unbedingt wegwollen, laufender Vertrag hin oder her. Siehe Treu. Siehe auch Fabian Hürzeler.
FC St. Pauli braucht Spieler, die beim Neustart „all in“ sind
Für einen frischen Neustart in Liga zwei braucht es Spieler, die sich damit identifizieren können, keine Kicker, die gegen ihren erklärten Willen nach dem Abstieg im Kader bleiben, das ist auch Bornemann klar. „Du brauchst ja eine Gruppe, die genauso überzeugt das Thema angeht in der nächsten Saison, wie wir.“
Dass es im Einzelfall (und Ausnahmefall) anders geht, zeigt der Fall Jakov Medic. Der FC St. Pauli hatte im Sommer 2022 ein aus Vereinssicht zu niedriges Angebot des VfB Stuttgart für den Innenverteidiger abgelehnt und den Kroaten erst ein Jahr später für rund drei Millionen Euro zu Ajax Amsterdam ziehen lassen.
Alexander Blessin: Abgänge sind auch „eine Chance“
Trainer Alexander Blessin, der am Montag den Eindruck vermittelte, auch in der kommenden Saison Trainer des FC St. Pauli sein zu wollen, sieht in Abgängen von Leistungsträgern und Führungsspielern „auch eine Chance“, denn es gehe auch darum, Raum für Neues und Entwicklung anderer Spieler zu schaffen oder, wie er es nennt: „Wir müssen den Kader vielleicht auch an der einen oder anderen Stelle aufweichen.“ Eines stellt Sportchef Bornemann unmissverständlich klar: „Wir zwingen niemanden, hier zu spielen.“ Das sei nicht sinnvoll. Und schon gar nicht zielführend.