Millerntor-Ausbau auch bei Abstieg? Was machen eigentlich St. Paulis Stadion-Pläne?
Home, sweet home. Am Millerntor hat der FC St. Pauli in den vergangenen Wochen wertvolle Punkte im Klassenkampf geholt und dabei auch Topteams geärgert. Seit Ende November sind die Braun-Weißen zu Hause unbesiegt. Das eigene Stadion als Festung, Faustpfand und Hoffnungsspender, aber beim wirtschaftlichen Wachstum und damit der Entwicklung des Kiezklubs auch ein Bremsklotz. Die viel zitierte gläserne Decke. Immer voll, stets zu klein – und es wird immer schlimmer. So dringend der Verein einen Stadion-Ausbau und die Fans von morgen benötigt, so still ist es um die großen Pläne geworden. Wo steht das Mammut-Projekt? Und welche Folgen hätte ein Abstieg?
Zusammenfassung:
- St. Pauli holte in den letzten sieben Heimspielen 12 von 21 Punkten.
- Das Millerntor-Stadion ist mit 29.546 Plätzen stets ausverkauft, es gibt Bedarf für 10.000-15.000 Plätze mehr.
- Der Stadionausbau gilt als essenziell für die wirtschaftliche Zukunft und den sportlichen Erfolg des Vereins.
Die Zahlen sprechen Bände. In den vergangenen sieben Heimspielen hat St. Pauli 12 von 21 möglichen Punkten geholt und damit glatt die Hälfte der bislang 24 Zähler in dieser Saison. Auch bei der Sonntags-Partie gegen den SC Freiburg war das Millerntor ausverkauft und mit seinen 29.546 Plätzen am Limit. Und wie immer überstieg die Nachfrage das Ticket-Angebot um ein Tausendfaches.
St. Pauli würden „10.000 bis 15.000 Plätze mehr“ guttun
„Wir wissen um unsere Limitierung“, sagt Präsident Oke Göttlich im Gespräch mit der MOPO. „Das Millerntor ist in der Ersten Liga ständig ausverkauft, in der Zweiten Liga war das bis auf einige Ausnahmen genauso. Uns täten hier 10.000 bis 15.000 Plätze mehr sehr, sehr gut.“
Um diese Anzahl an Plätzen soll das Stadion ausgebaut werden. Keine bloße Idee, sondern ein konkreter Plan, den Göttlich bei der Mitgliederversammlung im November 2025 erstmals öffentlich und mit bewusster Signalwirkung verkündet und viel Applaus bekommen hatte. Ein Ausbau sei eine Notwendigkeit für den mitgliedergeführten Klub im immer härter werdenden Wettbewerb.
Was ist seitdem passiert? Gibt es Fortschritte? Überhaupt Anfänge? Die MOPO hakte beim Kiezklub nach. Von dem Schwung, der auch im Zuge der Hamburger Olympia-Bewerbung entstanden war, ist auf den ersten Blick nicht viel geblieben. Aus dem öffentlichen Fokus ist das Thema ohnehin verschwunden. Auch innerhalb des Vereins haben derzeit andere Projekte Priorität. Sportlich der Kampf um den Klassenerhalt. Strukturell der Ausbau der Kollaustraße sowie in der Sommerpause der Umbau des Ballsaals der Haupttribüne für mutmaßlich rund drei Millionen Euro.
Millerntor-Ausbau ist für den FC St. Pauli „essenziell“
Komplett auf Eis liegt das Stadion-Projekt aber nicht, zu wichtig ist es für die Zukunft des FC St. Pauli, auch die sportliche. „Der Stadionausbau ist essenziell, um überhaupt auf lange Sicht wirtschaftlich die Möglichkeiten zu erhalten, dauerhaft ein oberer Zweitligist oder ein etablierterer Erstligist zu sein“, betont Göttlich. „Unabhängig von Präsidien, Politikern und anderen Personen muss ein größeres Stadion das Ziel sein, um diesen Verein weiterzuentwickeln.“ Zu argumentieren, St. Pauli habe es auch mit dem bestehenden Stadion in die Bundesliga geschafft und müsse deshalb nichts verändern, sei „gefährlich“, warnt er.
Brenzlig ist trotz des Aufschwungs der letzten Wochen die sportliche Situation der Kiezkicker. Die Frage, ob ein Abstieg den Ausbau torpedieren oder bremsen würde, verneint der Präsident. Der Verein werde das Thema unabhängig vom Ausgang dieser Saison und der mittelfristigen Liga-Zugehörigkeit „angehen, weil es eine wesentliche gläserne Decke bei der Entwicklung des FC St. Pauli ist“. Dass die Chancen größer und die Geschwindigkeit bei der Planung und Umsetzung höher sein dürften, wenn der Verein Erstligist bleibt, ist aber auch Göttlich klar. Eine bessere Argumentationsgrundlage und Position in Verhandlungen mit dem Senat und Behörden inklusive. Abzuwarten bleibt, wie sich der Ausgang des Olympia-Referendums am 31. Mai auf das Vorhaben und das Tempo auswirkt.
Bei Projekten dieser Größenordnung und Komplexität ist der Auftakt grundsätzlich langwierig und auch oft langweilig. Was die ersten und nächsten Schritte angeht, sagt Göttlich: „Wir werden wohl in diesem Jahr gewisse Machbarkeiten prüfen. Wir müssen Studien entwickeln, Entwicklungsschritte begleiten, mit den Behörden in enger Abstimmung sein, mit dem Bezirksamt Mitte, welches uns wirklich auch in wesentlichen Punkten unterstützt, Gespräche führen, um zu sagen, was die ersten Schritte sind und wann sie kommen.“
Millerntor-Pläne: Ecken schließen, Tribünen überbauen
Das bestehende Stadion soll ausgebaut werden, zu attraktiv ist die innerstädtische Lage, noch dazu im Herzen des Stadtteils. Die wahrscheinlichste Variante: Die offenen Ecken werden baulich geschlossen, Nordtribüne und Gegengerade überbaut.
Was Details und mögliche Modelle angeht, hält sich der Verein bedeckt, verweist auch darauf, dass die „Stadion AG“, die sich eigeninitiativ zusammengeschlossen hat, nicht in offizieller und autorisierter Funktion unterwegs ist. Die Kommunikation nach innen ist wichtiger. „Wir müssen bei der Frage, wie wir unser Stadion weiterentwickeln wollen, natürlich auch mit der Mitgliedschaft und Genossenschaft in Verbindung sein“, so Göttlich. Gleiches gelte für die Amateursport-treibenden Abteilungen. Man werde sich auch „mit den Fans und dem Viertel abstimmen, wenn es konkreter wird. Aber so weit ist es noch nicht. Es kursieren zwar bereits vermeintliche Pläne, aber das sind lediglich erste Skizzen, die teilweise gar nicht vom Verein kommen.“
Bis zu einem konkreten Umbau-Plan ist es ein sehr weiter Weg, ganz zu schweigen von einer Umsetzung, die laut Finanzchef Wilken Engelbracht frühestens in „fünf, sechs, sieben Jahren beginnen“ könne. Klingt wie ferne Zukunft, aber für die notwendigen ersten Schritte ist keine Zeit zu verlieren.
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Kurzfristig soll das Stadion als Festung beim Klassenerhalt helfen, zuvorderst die Menschen darin, durch Support. Das eine Vorhaben ist von dem anderen nicht zu trennen. „Oberste Priorität hat der Sport“, stellt Göttlich klar. „Wir wollen in der höchsten Liga spielen, das ist unsere Ambition. In der Bundesliga hast du als Verein eine andere Wahrnehmung, die natürlich hilfreich ist – auch für einen Stadionumbau.“