„Lauf-Stier“ mit Barfuß-Ritual, der „Fußball atmet“: Ex-HSV-Trainer Fink über Fujita
Er war weder der erste, noch wird er der letzte Transfer dieses Sommers beim FC St. Pauli sein – aber er ist der vielleicht spannendste. Rund drei Millionen Euro hat der Kiezklub für den japanischen Nationalspieler Joel Chima Fujita auf den Tisch gelegt, der hierzulande nur Insidern ein Begriff war, in der belgischen Liga aber als Aufsteiger und einer der besten defensiven Mittelfeldspieler galt. Einer, der den 23-Jährigen gut kennt und ihn sportlich wie menschlich einschätzen kann, ist der frühere HSV-Coach Thorsten Fink – denn er hat Fujita trainiert. Was können der Kiezklub und seine Fans erwarten? Die MOPO hat mit Fink über seinen ehemaligen Spieler gesprochen.
Klare, kernige, prägnante Worte. Dafür war Fink schon als Spieler bekannt und daran hat sich auch in seiner Zeit als Trainer nicht viel geändert. Und so gibt es im Gespräch über St. Paulis Überraschungs-Transfer auch keine Standardsätze, Belanglosigkeiten, Höflichkeitsfloskeln oder Allgemeinplätze zu hören, sondern anschauliche Beschreibungen des Fußballers und Menschen Fujita.
Thorsten Fink hat Joel Chima Fujita in Belgien trainiert
Eine Saison lang – 2023/2024 – war Fink der Trainer des Japaners bei VV Sint-Truiden, die erste Spielzeit der beiden beim belgischen Traditionsklub, der seit 2017 mehrheitlich dem japanischen Unternehmen DMM gehört und seit Jahren viele japanische Spieler im Kader hat. Es gebe auch eine Kooperation mit dem japanischen Verband, erzählt Fink. Die Mannschaft beendete die Saison im Mittelfeld der Liga. Fink zog weiter zum namhafteren Ligakonkurrenten KRC Genk, Fujita blieb und entwickelte sich weiter, machte einen Leistungssprung.
Fink muss nicht lange überlegen, er erinnert sich gut an Fujita. „Für den zählt nur Fußball“, sagt der 57-Jährige, der von 2011 bis 2013 den HSV trainierte. „Der lebt Fußball, atmet Fußball, schläft Fußball, isst Fußball.“ Fujita sei „absolut ehrgeizig und professionell“, wolle lernen und ordnet dem Ziel seines sportlichen Aufstiegs alles unter.
Fink über Fujita: „Ein Kämpfertyp, immer voller Einsatz“
Auch Fujitas hervorstechendste Qualitäten beschreibt Fink sehr anschaulich: „Er ist ein Lauf-Stier. Unermüdlich. Der kann ohne Probleme zwölf Kilometer laufen im Spiel – in jedem Spiel.“ Passt perfekt zu St. Paulis laufintensiver Spielweise. „Und er ist ein Balleroberer. Nicht so sehr der Typ Spielmacher im zentralen Mittelfeld, aber jemand, der sehr viele Bälle abfängt und gewinnt. Ein Kämpfertyp, immer voller Einsatz“, führt Fink, in seiner aktiven Zeit selbst Mittelfeldspieler (367 Bundesligaspiele u.a. für Bayern München und 51 Partien in der Champions League), aus und fügt mit einem Lächeln an: „Das passt doch gut zum Arbeiterklub St. Pauli.“
Im Spiel mit dem Ball hat sich Fujita vor allem in der abgelaufenen Saison verbessert und eine gute Passpräzision, Übersicht und starkes Spielverständnis gezeigt. „Er hat einen guten Weg gemacht“, befindet Fink, der das als Trainer eines Ligakonkurrenten aus der Ferne interessiert beobachten hat, insbesondere natürlich in der Vorbereitung auf die direkten Duelle der Vereine.
Fujita kennt Abstiegskampf, kann Klassenerhalt
Dass Fujita mit Sint-Truiden eine schwierige Saison hatte und erst in der Relegations-Runde den Klassenerhalt schaffte, könnte ein Vorteil für St. Pauli sein. Trotz seiner jungen Jahre kennt Fujita den Druck des Abstiegskampfes und hat als einer der Schlüsselspieler seiner Mannschaft Verantwortung übernommen und regelmäßig Topleistungen abgerufen. Er war einer der Garanten für den Verbleib in der Jupiler Pro League.
Einen „positiven Typen“ nennt Fink den 1,75 Meter großen Defensiv-Spezialisten, ehrgeizig, aber nicht verbissen, sondern fröhlich. „Der hatte immer ein Lächeln im Gesicht.“
Fujita und das Barfuß-Ritual wie Luis Enrique
Auch ein besonderes Ritual ist Fink in Erinnerung geblieben. „Er geht immer zuerst barfuß auf den Platz, um sich zu erden, ein Gefühl zu kriegen, sich mit dem Boden zu verbinden, Energie aufzunehmen – wie Luis Enrique“, erzählt Fink und es klingt nicht belustigt, wie er das sagt, sondern respektvoll. Fink kennt die japanische Mentalität und Kultur gut, hat den dortigen Topklub Vissel Kobe trainiert und zwei Pokale gewonnen.
„St. Pauli kann sich freuen“, sagt Fink über die Verpflichtung seines ehemaligen Spielers. Er ist gespannt, wie sich Fujita in der Bundesliga schlägt. „Man darf nicht vergessen, dass er ein junger Spieler ist. Er hat noch Potenzial und ist nicht am Ende seiner Entwicklung.“