Last-Minute-Explosion, Aufstieg im Sitzen: St. Paulis Gewinner der verlorenen Saison

Die St. Pauli-Profis Arkadiusz Pyrka und Tomoya Ando kämpfen mit Bayern-Stürmer Nicolas Jackson um den Ball
Voll eingeschlagen: Tomoya Ando (r.) und Arkadiusz Pyrka (l.) gehörten zu den besten Kiezkickern der Abstiegs-Saison

Es ist nahezu unmöglich, einem Abstieg etwas Positives abzugewinnen, und es ist meistens der hilflose Versuch des Trostes. Niemand in den Reihen der Kiezkicker hatte und hat Grund zur Freude nach dem bitteren Gang in die Zweitklassigkeit. Verlierer sind alle Beteiligten. Und dennoch gibt es auch kleine Gewinner in den Reihen des Braun-Weißen, zugegeben: wenige. Aber sie könnten auch den FC St. Pauli wieder zu einem Gewinner werden lassen in der Zukunft. Sportlich oder finanziell.

Arkadiusz Pyrka: Das Energiebündel aus Polen hat sich in seiner ersten Saison als Stammspieler in der Bundesliga etabliert und blickt auf eine Saison mit 31 Einsätzen in der Liga (davon 30 in der Startelf) und vier im DFB-Pokal zurück. Pyrka profitierte dabei auch von den wiederkehrenden Verletzungen und Rückschlägen bei Positionskonkurrent Manolis Saliakas. Nach einem eher holprigen Start des Neulings in die Saison fing sich der 23-Jährige, entwickelte sich zum Leistungsträger und zu einem der stabilsten und verlässlichsten Kiezkicker der von Schwankungen geprägten braun-weißen Spielzeit.

Arkadiusz Pyrka war einer der besten Kiezkicker der Saison

Mit seiner sehr physischen und nimmermüden Spielweise war der robuste Rechtsfuß, der mehrfach auch auf der linken Schiene spielte, ein wichtiger Faktor und hat sich einen Namen gemacht. Pyrka zog mit 510 Sprints die zweitmeisten nach Mathias Pereira Lage (600) im Team an und lag auch mit 2002 intensiven Läufen hinter dem Franzosen (2115) auf Rang zwei im teaminternen Ranking. Insgesamt legte er über die Saison 299,6 Kilometer zurück – nur Hauke Wahl (318,8) und Joel Chima Fujita (317) liefen noch mehr.

Wenn Pyrka den Verein schon in diesem Sommer wieder verlassen (wollen) und gehen sollte, wird seine gute erste St. Pauli-Spielzeit dafür sorgen, dass der Kiezklub eine ordentliche Ablösesumme kassiert für den Dampfmacher, der 2025 ablösefrei gekommen war.

Kiez-Kante: Tomoya Ando, St. Paulis bester Zweikämpfer

Tomoya Ando: Der Japaner war zweifellos der größte Durchstarter der Mannschaft. Erst im Winter aus seiner Heimat gekommen, integrierte sich der Innenverteidiger trotz einer Sprachbarriere sportlich in Rekordzeit in der Stammelf und avancierte zum Leistungsträger und besten Zweikämpfer der Mannschaft. Mehr noch: Mit seinen 63,25 Prozent gewonnener Duelle belegt er ligaweit Platz elf – noch vor Topstars wie den DFB-Nationalspielern Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck.

Der 27-jährige Spätentwickler hat sogar noch weiteres Verbesserungspotenzial. Für St. Pauli wäre es ein Coup, die 1,90 Meter große Abwehrkante halten und zu einem Eckpfeiler des Neuaufbaus machen zu können, aber Ando hat sich ins Visier anderer Klubs gespielt und Anfragen sollte es mindestens geben.

Sein Marktwert hat sich innerhalb weniger Monate auf geschätzte drei Millionen Euro verdreifacht. Angesichts eines Vertrages, der noch mindestens zwei weitere Spielzeiten laufen dürfte, ist St. Pauli wie bei Pyrka in einer vergleichsweise guten Position.

Ceesay bricht seinen Tor-Bann – zu spät für St. Pauli

Abdoulie Ceesay: Die Aufsteiger-Story des Gambiers ist eine ziemlich verrückte, ebenso kurz wie rasant. Bis zum 32. Spieltag hatte es überhaupt nicht danach ausgesehen, als könne irgendetwas an der Spielzeit des Mittelstürmers als Erfolg bezeichnet werden. 17 Mal war Ceesay zu diesem Zeitpunkt eingewechselt worden – in der Regel für sehr wenige Minuten in der Schlussphase eines Spiels – und hatte als einziger St. Pauli-Angreifer noch kein Tor erzielen können. Dann die Explosion. In jedem der letzten drei Saisonspiele traf der 22-Jährige, brach den Bann und erlebte ein für ihn versöhnliches Ende einer schwierigen und lange frustrierenden Spielzeit.

Kurios: Die Serie von drei Toren an den letzten drei Spieltagen machte Ceesay sogar zu einem der erfolgreichsten Stürmer in Europas Topligen in diesem Zeitraum – statistisch gesehen.

Die Erfolgserlebnisse sollten dem noch jungen Offensivmann Auftrieb für die Zukunft geben. Zwar bleibt der stets einsatzfreudige, aber oft ungestüme und mit dem Ball am Fuß manchmal unbeholfene Nationalspieler ein „wilder“ Stürmer, wie es Trainer Alexander Blessin mehrfach nannte, aber eben einer, der Tore erzielen kann, wenn er die Chance dazu bekommt, in mehr als nur einer Handvoll Minuten pro Spiel. Aufgrund seiner Spielweise dürfte Ceesay auch in Liga zwei – sollte er bleiben (Vertrag bis mutmaßlich 2027) – ein Einwechsel-Stürmer bleiben.

St. Pauli steigt ab, aber Ben Voll steigt auf: zur Nummer eins

Mit seinem Tor-Dreierpack hat Ceesay jedenfalls auf sich aufmerksam gemacht, was das Interesse anderer Vereine zur Folge haben könnte und St. Pauli im Falle eines Transfers eine signifikant höhere Ablöse bescheren dürfte als vor dem 32. Spieltag zu erwarten gewesen wäre.

Ben Voll: Dieser Fall ist speziell, denn die positiven Entwicklungen für Voll haben nicht in erster Linie mit dessen Leistungen zu tun, sondern mit einer Vertragskonstellation bei einem Mitspieler. Durch St. Paulis Abstieg ist der Vertrag mit Stammkeeper Nikola Vasilj ausgelaufen (hätte sich im Falle des Klassenerhalts per Option um ein Jahr verlängert) und somit rückt der innerhalb der Mannschaft sportlich wie menschlich sehr geschätzte Voll nach zwei Jahren als Back-up auf der Reservebank nun zur neuen Nummer eins auf. So ist es geplant (MOPO berichtete). Ein Aufstieg im Sitzen sozusagen, nachdem Voll in der abgelaufenen Saison in der Liga keine einzige Minute absolviert hatte, aber sein Können immerhin in zwei Pokalpartien zeigen durfte.

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Belohnt werden jetzt neben seinen Qualitäten als Torhüter, wozu starke Trainingsleistungen zählen, auch seine Geduld, seine Loyalität und Teamfähigkeit. Anders gesagt: Hätte Voll in den vergangenen zwei Jahren immer wieder seine Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht und nach außen und innen Stunk gemacht, wäre er jetzt nicht die erste Wahl für die Zukunft im braun-weißen Tor.