St. Pauli-Trainer Alexander Blessin verzieht während des Spiels gegen Union Berlin das Gesicht

Ein Gesicht, das Bände spricht: Alexander Blessin und St. Pauli haben nunmehr acht Liga-Niederlagen in Serie kassiert. Foto: WITTERS

„Kotzt mich an“: Horror-Serie belastet Blessin – warum St. Pauli an ihm festhält

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Die Last der Niederlagen ist ihm anzumerken. Bei allem Kampfgeist, den Alexander Blessin in diesen Tagen zeigt und artikuliert: Die schwarze Serie und sportlich prekäre Lage der Kiezkicker beschäftigt ihn sehr und das gilt auch für seine Zukunft als Trainer des FC St. Pauli. Offen sprach der Coach nach der 0:1-Heimniederlage gegen Union Berlin, der achten Liga-Pleite nacheinander und einem braun-weißen Negativ-Rekord, über die Härte des Geschäfts. Die Ergebnisse bleiben aus, der Druck auf ihn nimmt zu. Bei einem anderen Klub wäre Blessin vermutlich schon gefeuert worden. Die Gründe, warum die Vereinsführung trotzdem noch an ihm festhält. Auch ein Blick in die Vergangenheit lohnt.

Es war in dem Moment ein schwacher Trost, aber er tat trotzdem gut. Nach der Partie im eiskalten Millerntorstadion hatte der Trainer einen kurzen Moment mit der Familie. Wie so oft waren Ehefrau Charlotte und die Töchter Franziska, Victoria und Patricia zur Unterstützung live dabei gewesen, hatten auf der Tribüne mitgefiebert, gezittert, gebibbert. Beim kurzen Treffen zwischen Spielschluss und Pressekonferenz gab es Küsschen und Umarmungen für den Ehemann und Papa. „Da holt man sich dann wieder die Kraft und das ist letzten Endes das aller, aller, allerwichtigste“, sagte Blessin dazu.

Acht Pleiten in Serie: Rekord für St. Pauli, neu für Blessin

Kraft kann der Trainer gut gebrauchen. Viel Kraft. Denn die Zeiten sind hart und werden härter.

Acht Niederlagen in Serie in der Bundesliga – das ist ein braun-weißer Negativ-Rekord. Das ist auch Neuland für Blessin, nicht erst seit Sonntag. „Das war schon vor zwei Wochen, das war auch schon vor drei Wochen so“, sagte er nach der offiziellen Pressekonferenz in einer kleineren Medien-Runde. Die längste Erfolglos-Strecke seiner Trainerkarriere hinterlässt Spuren. „Das ist eine Situation, die absolut unbefriedigend und ärgerlich ist. Das kotzt mich an“, gibt der 52-Jährige unumwunden zu. Das Spielglück ist derzeit nicht auf Seiten seines Teams. „Ich hasse diesen Spruch eigentlich: Wenn du die Kacke an den Hacken hast, dann hast du halt die Kacke an den Hacken.“

Um seinen Job muss Blessin nach wie vor nicht akut bangen. Auch nach der Niederlage gegen Union, die bitter, unnötig und unglücklich war, gab es wieder verbale Rückendeckung der Vereinsführung – gleich doppelt.

Andreas Bornemann: „Machen mit diesem Trainer weiter“

Das Vertrauen in den Coach sei „sehr stabil, auf allen Ebenen“, betonte Sportchef Andreas Bornemann bei Sky. „Das ist auch das Entscheidende. Wir werden in der inhaltlichen Arbeit, mit dem Trainer und dem Trainerteam versuchen, die Wende hinzukriegen. Wir sind in dieser Frage völlig klar: Wir machen es mit diesem Trainer und diesem Trainerteam weiter.“

Kämpferisch gab sich Alexander Blessin im Teamkreis nach dem Spiel und auch an den Mikrofonen der TV-Anstalten. imago/Oliver Ruhnke
Alexander Blessin hält eine Ansprache im Kreis seiner Spieler nach der 0:1-Niederlage gegen Union Berlin.
Kämpferisch gab sich Alexander Blessin im Teamkreis nach dem Spiel und auch an den Mikrofonen der TV-Anstalten.

Präsident Oke Göttlich erteilte ebenfalls jeglichen Trainer-Diskussionen eine Absage. „Da gibt es überhaupt keine Spekulation. Er ist unser Trainer“, machte Göttlich am Sonntagabend bei DAZN klar. Schon eine gute Woche zuvor hatte Göttlich auf der Mitgliederversammlung den Zusammenhalt beschworen, die Arbeit von Bornemann und Blessin gelobt und den weiteren gemeinsamen Weg mit dem Trainer betont.

Rückendeckung gibt Blessin „ein gutes Gefühl“

Worte, die Blessin wichtig sind, ihn aber nicht in Sicherheit wiegen. „Dass ich Leute hinter mir habe, die Verantwortung tragen, die mich unterstützen und sagen, wir schaffen das gemeinsam, gibt mir ein gutes Gefühl“, sagt der gebürtige Stuttgarter. „Aber es ist natürlich trotzdem Scheiße, acht Spiele am Stück zu verlieren, das ist nicht wegzudiskutieren.“

Blessin hat sich, wie er sagt, „auch bewusst St. Pauli ausgesucht damals“, weil sich der Verein den Gesetzen des Geschäfts nicht so schnell beugt wie andere Klubs, nicht dafür bekannt ist, Trainer schnell oder vorschnell zu feuern. Dass er seinen Job in Hamburg noch hat nach einer derartigen Niederlagen-Serie, sieht er als Ausnahme. „Wenn man im Fußball guckt, dann kommt das nicht so oft vor.“ Naiv ist der Familienvater jedoch nicht. „Letzten Endes weiß ich ja auch, dass das Geschäft irgendwann dann mal zuschlägt und hart ist.“ Er gibt sich kämpferisch: „Ich werde sicherlich nicht aufgeben.“

Darum hat der Kiezklub weiter Vertrauen in Blessin

Warum hält St. Pauli weiter an Blessin fest und setzt darauf, dass ihm die Wende gelingt? Dafür gibt es mehrere Gründe.

Ein gewichtiger Grund ist die Gesamtkonstellation. Hätten die Kiezkicker nicht schon sieben Punkte auf dem Konto nach einem starken Saisonstart, der gezeigt hat, dass es die Mannschaft besser kann als in den vergangenen Wochen, dann sähe die ganze Sache womöglich anders aus – und säße Blessin vielleicht nicht mehr auf der Trainerbank der Braun-Weißen. Dank dieses Punkte-Polsters steht St. Pauli auf Tabellenplatz 16 vor Mainz (6 Punkte) und Schlusslicht Heidenheim und nur drei Zähler Rückstand sind es bis Rang 13 und Augsburg. Der HSV ist als Vierzehnter zwei Punkte entfernt.

Die Serie ist unterirdisch, die Tabellensituation noch nicht

„Es ist im unteren Bereich alles eng beieinander. Im näheren Bereich von uns sind noch ein paar Vereine“, sagt Blessin und weil sich auch Bornemann und Göttlich („Es geht doch für uns darum, möglichst viel unten mit dran zu bleiben, drin zu bleiben“) ähnlich äußern, lässt sich erahnen, dass dies eine gemeinsame Sichtweise ist. Aber der Trainer sagt auch: „Wir wollen nicht zu sehr auf andere gucken. Letzten Endes müssen wir schon irgendwann punkten, das ist klar.“


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Kurz gesagt: Die aktuelle Serie des Misserfolges ist dramatisch, die tabellarische Situation ist es aber noch (!) nicht. Und es ist erst knapp ein Drittel der Saison herum. Nicht ausgeschlossen, dass der Kiezklub am 28. Spieltag nach acht Niederlagen in Serie anders handeln würde. Allerdings kann die Tabelle auch ein trügerisches Bild vermitteln, was den Ernst der Lage angeht, aber Bornemann ist ein starker Analytiker, der im Erfolg und auch im Misserfolg einen nüchternen Blick bewahrt.

Bornemann ist von der täglichen Arbeit Blessins überzeugt

Der Sportchef – und das ist der zweite entscheidende Punkt – ist weiterhin von der inhaltlichen Arbeit Blessins und seines Teams überzeugt und sieht noch ausreichend Anhaltspunkte, dass in der aktuellen Konstellation die Wende gelingen kann. Bornemann ist keiner, der bei seinen Entscheidungen nur auf Ergebnisse oder Stimmungen im Umfeld schaut, sondern in erster Linie auf die tägliche Arbeit, Perspektiven, die Bereitschaft und Offenheit des Trainers für Veränderungen und auch das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft. Auch das scheint zwar nicht immer spannungsfrei, aber noch gut oder zumindest gut genug zu sein.

Das größte Potenzial für eine deutliche Verbesserung der sportlichen Situation sieht die Vereinsführung immer noch bei der Mannschaft und nicht bei einem Trainerwechsel. Das wird dadurch deutlich, dass Göttlich die bislang von Blessin geleistete Arbeit in den Vordergrund rückt und nicht nur die vergangenen Wochen. „Er hat eine Mannschaft hier mit uns geformt, mit Andreas Bornemann zusammen. Und ganz ehrlich: Wir sind der FC St. Pauli. Wir können uns hervorragend einschätzen und einordnen.“

Oke Göttlich: „Die Qualität ist da. Wir haben gute Jungs“

Defensive Stabilität sei jetzt das gemeinsame Ziel. „Alexander Blessin hat letztes Jahr das zweitbeste Team in Sachen Abwehrreihe hinbekommen. Wir werden in diesem Jahr wieder versuchen, uns zumindest defensiv wieder ins Mittelfeld der Tabelle einzuordnen“, so Göttlich, der auf die „hervorragende Arbeit“ des Trainers in den ersten Saisonspielen verweist. „Wir haben offensiv deutlich mehr Qualität als im letzten Jahr.“ Allerdings schießt die Mannschaft zu wenige Tore (9), in den vergangenen fünf Spielen gerade mal ein einziges. „Klar, das läuft momentan noch nicht“, räumt der Präsident ein. „Aber die Qualität ist da. Wir haben gute Jungs, wir haben gute Leute. Es geht jetzt darum, dieses Mannschaftsgefüge wieder zusammenzukriegen, die Köpfe hochzubringen.“

Wieder nix: James Sands, Martijn Kaars, Eric Smith und Karol Mets ist die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. WITTERS
Enttäuschte St. Paulianer gegen Union Berlin
Wieder nix: James Sands, Martijn Kaars, Eric Smith und Karol Mets ist die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.

Ein Befreiungsschlag und die erhoffte große Wende sind Blessin trotz mehrerer Anläufe, klarer Ansagen, Appelle und auch einiger durchaus gravierender Veränderungen in der Startelf noch nicht gelungen. Aber bei den jüngsten Niederlagen in Freiburg (1:2) und gegen Union (0:1) war wieder mehr Stabilität und defensive Identität zu erkennen.

Spiele gegen Freiburg und Berlin als kleine Fortschritte

Fortschritte? Eher Fortschrittchen seit dem erschütternden 0:4 gegen Mönchengladbach am 1. November. Aber immerhin in die richtige Richtung. Auch das ein Grund, warum der Trainer weiter Rückendeckung bekommt. Dennoch: Auftritte wie in Freiburg und gegen Berlin werden nicht reichen, um die Liga zu halten. Es muss eine deutliche Leistungssteigerung und nachhaltige Stabilisierung gelingen, um wieder regelmäßig die Chance auf Punkte und Siege zu haben.

Göttlich schlug angesichts des Negativ-Rekordes seines Vereins nochmal den ganz großen Bogen, vielleicht auch, um die Wucht der historischen Minus-Marke abzuschwächen. „In der Geschichte gab es auch noch nie, dass die Bundesliga so weit auseinander war marktwerttechnisch, wie in diesem Jahr. Und das wird jedes Jahr schlimmer“, wies der Präsident auf die Mehr-Klassengesellschaft hin. Das ist allerdings weder eine neue Erkenntnis, noch hilft es der Mannschaft im Tagesgeschäft weiter. Gleichwohl zeigt es: Die Vereinsführung nutzt nicht die beispiellose Niederlagenserie, um den Trainer vor die Tür zu setzen, sondern ordnet die Misere anders ein. Man könnte kritisieren: relativiert die Krise.

Blessin ist „dankbar“, sieht sich in der „Verantwortung“

Für Blessin ist es ein Segen, wenn Göttlich stattdessen betont, dass Stabilität die „Marschroute“ sein müsse und „der einzige Weg“ sei, „wie der FC St. Pauli gemeinschaftlich diese Liga und diesen Klassenkampf annehmen kann“. Das klingt so, als bekomme der Trainer noch viel Zeit und einige Gelegenheiten, um mit seinem erarbeiteten Vertrauens-Kredit die Mannschaft wieder in die Erfolgsspur zu bringen und mindestens bis zur Winterpause in Reichweite des ersten Nichtabstiegsplatzes zu halten.

Der Trainer ist „dankbar“, wie er angesichts der Rückendeckung offen sagt, „aber ich weiß auch, dass ich da jetzt in der Verantwortung stehe.“ Der Unterschied zwischen einer Schenkung und einem Kredit ist, dass man zurückzahlen muss. Blessin weiß, dass es Zeit wird, und blickt voraus auf die fünf Spiele bis Weihnachten, angefangen mit dem Auswärts-Brocken in München am kommenden Samstag. „Wir haben – das Spiel gegen Bayern ausgeklammert – vier Gegner, die schlagbar sind“, so der Coach. Erklärtes Ziel ist es, „mal in einem dreckigen Spiel ein 0:0 oder ein 1:0 mitzunehmen und daraus wieder Mut zu schöpfen und dann vielleicht eine kleine Serie einzuleiten.“

Bis Weihnachten müssen Punkte her, am besten zwei Siege

Das ist nicht nur ein logisches Vorhaben, es ist regelrecht ein Muss, wenn man auf den Spielplan schaut, denn dem Bayern-Kracher und dem DFB-Pokalspiel in Mönchengladbach (2.12.) folgen Liga-Duelle bei Aufsteiger Köln (6.12.), zu Hause gegen Schlusslicht Heidenheim (13.12.) und auswärts beim Tabellenvorletzten Mainz (21.12.).

Bei allem Frust über die aktuelle Situation hat Blessin seine Zuversicht nicht verloren, will dementsprechende Aussagen ausdrücklich nicht als „Durchhalteparolen“ eingeordnet wissen. „Ich bin, weil ich die Jungs im täglichen Training sehe, überzeugt, dass wir das zusammen schaffen. Wir wollen den Karren aus dem Dreck ziehen.“

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Ein Vergleich bietet sich an, der auch erklärt, warum die Verantwortlichen derzeit die Ruhe bewahren und noch nicht zum Äußersten gehen. In der Vorsaison hatte St. Pauli nach elf Spieltagen acht Punkte auf dem Konto und damit nur einen Zähler mehr als jetzt und stand wie aktuell auf Tabellenplatz 16. Vier Liga-Spiele später und an Weihnachten waren es dann 14 Punkte. Das könnte eine Orientierungshilfe sein…

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