Kommentar: St. Paulis Wut auf die Gelb-Sucht der Schiris ist völlig berechtigt

Schiedsrichter Timo Gerach zeigt eine Gelbe Karte
Referee Timo Gerach eilt mit der gezückten Gelben Karte zur St. Pauli-Bank. So geschehen im Spiel gegen die Bayern.

Die Aussage der Statistik könnte lauten, dass da ein Vulkan brodelt, der sich im Ausbruchsfall nicht im Griff hat. Drei Gelbe Karten hat St. Paulis Trainer Alexander Blessin nach zehn Spieltagen angehäuft und scheint damit würdiger Nachfolger von Fabian Hürzeler (31), der in der Vorsaison sieben Verwarnungen kassiert hatte. Während der aktuelle Brighton-Coach beim Vokabular ab und an daneben lag, ist der 20 Jahre ältere Blessin allerdings nicht verdächtig, sich in der Wortwahl zu vergreifen. Es ist also vieles anders als vorher, führt dann aber doch zum nahezu identischen Ergebnis und ist somit ein deutlicher Hinweis darauf, dass es ein Problem gibt. Dieses zu lösen, wird allerdings schwierig, wenn eine der beteiligten Parteien die offensichtliche Ansicht vertritt, dass eigentlich nur die anderen was falsch machen.

„Ich war außerhalb von der Coaching Zone und habe eine Handbewegung gemacht, die sie halt nicht mögen“, erklärte Blessin die Gelbe Karte aus dem Bayern-Spiel, beklagte den Mangel an Möglichkeit der Kommunikation mit den Unparteiischen und bezeichnete den Umgang der Vierten Offiziellen mit den Trainer als „teilweise zu arrogant“.

Auch Zorniger und Dotchev hatten zuletzt Schiri-Ärger

Mit der Wahrnehmung ist er weiß Gott nicht alleine. Fürths Ex-Coach Alexander Zorniger hatte erst vor wenigen Wochen kritisiert: „Bei der Schiedsrichtersitzung wird immer von Respekt gesprochen. Gerade eben ist der Weg zum Respekt eine Einbahnstraße.“ Zudem beklagte er die fehlende Berücksichtigung der emotionalen Komponente. „Wir können nicht mit dem Puls agieren, mit dem die Schiedsrichter agieren können. Weil bei uns hat Sieg und Niederlage schon eine Auswirkung, bei ihnen ist es egal.“ Wenige Wochen nach diesen Sätzen wurde überdeutlich, was Zorniger meinte – als er in Fürth beurlaubt wurde.

Aues Pavel Dotchev, 59 Jahre alt, seit 22 Jahren im Geschäft und über 20 davon null Komma null verhaltensauffällig, sah im vergangenen Dezember die erste Gelb-Rote Karte seiner Amtszeit und war in dieser Saison am vergangenen Spieltag bereits wegen vier Gelber Karten gesperrt und verzweifelt: „Wenn ich mit dem Schiedsrichter spreche, bekomme ich Gelb. Wenn ich nicht mit ihm spreche, bekomme ich auch Gelb. Ich bin im Moment überfordert mit den Schiedsrichtern. Es wird immer schlimmer.“

Alexander Blessin beschwert sich beim Vierten Offiziellen
Blessin und Co Peter Nemeth (l.) hatten Zoff mit dem Vierten Offiziellen René Rohde (r.).

Weitere Beispiele gibt es zuhauf und entsprechend einen nicht von der Hand zu weisenden Missstand. Einen, der wie so viele auf dieser Welt – ob nun privat, im Beruf oder auf politischer Ebene – vor allem mittels Dialog aus der Welt geschaffen werden könnte. Der macht aber nur dann Sinn, wenn die Parteien aufeinander zuzugehen verstehen. Dass sich die Trainer mitunter danebenbenehmen und die Karten redlich verdienen, räumt Blessin durchaus ein: „Dass es manchmal zu wild ist, gebe ich gern zu. Ich will die Schuld nicht nur bei anderen suchen.“

St. Pauli haderte zuletzt mit mehreren Entscheidungen

Aber es ist ebenso Teil der Wahrheit, dass Referees auch überziehen oder falsch liegen können. In der öffentlichen Darstellung der pfeifenden Zunft aber wird vermittelt: Fehler machen vor allem alle anderen. Es hat fast schon reflexartige Züge, wie nahezu jede umstrittene Schiedsrichterentscheidung auf Nachfrage als korrekt eingestuft und teils nicht mehr nachvollziehbar begründet wird. In Bezug auf St. Pauli waren dies zuletzt die folgenden:

  • ein elfmeterreifes Foul an Manolis Saliakas in Karlsruhe, das originellerweise zu einem „Unfall“ erklärt wurde.
  • ein nicht erfolgter Platzverweis für den Mainzer Dominik Kohr, nachdem er Elias Saad ins Krankenhaus getreten hatte. In der Begründung hieß es unter anderem, das Trefferbild sei „nicht gesundheitsgefährdend“ gewesen, was fast schon sarkastisch anmutet. Saad musste in Folge dieses Fouls inzwischen am Sprunggelenk operiert werden.

  • eine nicht erfolgte zweite Gelbe und somit Gelb-Rote Karte für Bayerns Kim für ein Foul mit gestrecktem Bein an Andreas Albers. Dieses wurde als „fahrlässig, aber nicht rücksichtslos“ eingestuft, weil Albers’ Bein ebenfalls gestreckt war.

Dazu kam – wie eingangs erwähnt – Blessins Klage über ein arrogantes Verhalten des Vierten Offiziellen. Gegenüber der MOPO bestätigten inzwischen weitere St. Paulianer diesen Vorwurf, der freilich von Schiri-Sprecher Alex Feuerherdt via „Abendblatt“ als haltlos abgetan wurde. Die Verwarnung für Blessin hingegen halte man für „angemessen“. Welch Überraschung!

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Womit wir wieder beim Grundsatzproblem wären. Blessin hat übrigens in 123 Pflichtspielen als Coach in Belgien drei Gelbe Karte gesehen („Da war die Kommunikation immer gut“), in Deutschland brauchte es dafür nur zwölf Partien (inklusive DFB-Pokal). Wo da wohl der Fehler liegt?