Kommentar: St. Paulis Glücksfall Göttlich ist zum Handeln fast schon gezwungen
Es ist der formal wichtigste Punkt bei der Mitgliederversammlung des FC St. Pauli am Samstag: die Wahl des Präsidenten. Dass sich die Spannung dieses siebten Tagesordnungspunktes allein aus der Frage speist, ob Oke Göttlich die 98 Prozent der Stimmen, die er 2017 und 2021 erreichte, toppen kann, sagt vieles aus über die Arbeit des höchsten Vereinsvertreters, dessen vierte und letzte Amtszeit qua Satzung bis 2029 andauern wird.
15 Jahre wird Göttlich dann Präsident gewesen sein. Schon jetzt hat der 49-Jährige mit Ausnahme des in dunkler Vorzeit agierenden Wilhelm Koch alle Vorgänger überflügelt. Göttlich führt den Verein dabei ganz anders als prominente Vorgänger wie der glücklose Patriarch Heinz Weisener oder der gewitzte und schrille Theater-König Corny Littmann. Göttlich eckt nicht weniger an; gerade sein konfrontativer Stil machte den Diplom-Sportwissenschaftler und Musikunternehmer zu einer prägenden Figur.
Kaum einer traute Oke Göttlich diesen Weg bei St. Pauli zu
Nur wenige trauten ihm diesen Weg am 16. November 2014 zu. Gerade einmal 78 Prozent der Mitglieder hatten für den damals 38-jährigen Ex-Journalisten gestimmt. Ein Fan an der Spitze des Vereins, nicht wenige Mitglieder beäugten den Nachfolger von Stefan Orth skeptisch. Und die Aufgaben, die vor Göttlich lagen, erschienen gigantisch. Der Verein stand auf Platz 17 der Zweiten Liga – zwischen Aue und Aalen. Finanziell war man auf Augenhöhe mit dem FSV Frankfurt und Sandhausen, sportlich nicht mehr ganz.
Elf Jahre später zeigt sich, dass es eine Weile gedauert hat, bis der Verein sportlich den Weg eingeschlagen hat, den sich Göttlich von Beginn an gewünscht hatte. Nicht jede Personalentscheidung saß. Dass Göttlich bei der Trainer-Entscheidung für Jos Luhukay der Expertise des damaligen Geschäftsführers Andreas Rettig folgte, sollte sich als schwerer Fehler erweisen. Dass Göttlich es aber überhaupt schaffte, im Fußball angesehene Persönlichkeiten wie Rettig oder Ewald Lienen zu St. Pauli zu lotsen, zeigte früh, dass er nicht in zu engen Clustern denkt. Als wichtigste und bahnbrechende Entscheidung sollte sich die Verpflichtung von Sportchef Andreas Bornemann im Mai 2019 herausstellen.
Der Badener kompensierte den fehlenden Stallgeruch mit einer starken Expertise. Göttlich stellte sich auch in schwersten Phasen hinter seinen Manager, stärkte ihn, sorgte für Befriedungen innerhalb eines kompliziert zu führenden Vereins. St. Pauli funktioniert nach anderen Regeln als andere Klubs. Die Fans genießen ein stärkeres Mitspracherecht, Entscheidungen für Sponsoren und Ausrüster müssen immer genau unter die Lupe genommen werden. Moralische Maßstäbe sind höher als anderswo.
Göttlich schärfte das Profil des FC St. Pauli wie kein Zweiter
Und Göttlich zeichnet es aus, dass er nie Versuche unternommen hat, an diesen Maßstäben zu rütteln. Im Gegenteil. Der gebürtige Barmbeker, der in Wilhelmsburg und Sankt Peter-Ording aufwuchs, schärfte das Profil des FC St. Pauli wie kein Zweiter. Im Kampf von Fußballklubs gegen rechtsextreme Strömungen ist er Vorreiter und Brückenbauer. Im Kampf um eine gerechtere Verteilung von TV-Geldern, eine größere Solidarität im Haifischbecken Bundesliga und gegen einen Einstieg von Investoren ist er Traditionalist, Visionär und (im besten Sinne) Nervensäge.
Göttlichs Stimme hat Gewicht im deutschen Fußball. Im DFL-Präsidium ist er ein Stellvertreter von Hans-Joachim Watzke, dem ebenso wie Leverkusens Boss Fernando Carro trotz oft gegensätzlicher Ziele kaum kritische Worte zu entlocken sind, wenn sie über Göttlich sprechen. Dessen Verlässlichkeit wird geschätzt. So dient er St. Pauli. Auf vielen Ebenen.
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Unter Göttlich hat der FC St. Pauli seinen Umsatz nahezu verdoppelt, die Mitgliederzahl fast verdreifacht, die Transfererlöse mehr als verzehnfacht, die Zahl interner Streitigkeiten deutlich reduziert und mit der Gründung einer Genossenschaft einen zukunftsträchtigen Schritt getätigt. Ein noch größerer Schritt könnte die Erweiterung des Stadions werden. Das Millerntor muss wachsen, damit St. Pauli wachsen kann. Göttlich ist daher zum Handeln bei dieser komplexen Aufgabe fast schon gezwungen. Die Zweifel, dass er das managen kann, sind im November 2025 deutlich kleiner als vor elf Jahren.