Kommentar: St. Pauli hat eine große Chance – aber eine Sache darf nicht passieren
Es ist immer wieder verblüffend, wie schnell sich die Dinge im Fußballgeschäft drehen können. Ende Mai, nach den Aufstiegen des HSV und des 1. FC Köln sowie dem verpassten Aufstieg der SV Elversberg, da schien für die meisten Experten klar, wo die Reise des FC St. Pauli in der nun beginnenden Saison hingehen würde. Kleinster Etat, niedrigster Marktwert des Kaders – in den Augen vieler war der Kiezklub Abstiegskandidat Nummer eins.
Wenige Wochen später schien sich dies zu verfestigen. Mit Philipp Treu, Elias Saad, Morgan Guilavogui und Noah Weißhaupt hatte St. Pauli vier Stammspieler verloren. Der Kader liege in Trümmern, hieß es damals in einem Medium, das wie so viele Außenstehende die Transfers von Sportchef Andreas Bornemann zumindest skeptisch beäugte. Und tatsächlich waren es ja Namen, die da aus Peterborough, Gliwice, Brest, Klagenfurt, Burnley und St. Truiden kamen, die nur eingefleischten Fachleuten ein Begriff waren.
Trotz DFB-Pokal herrscht bei St. Pauli eine Euphorie
Nun aber, da der erste Anpfiff am Millerntor kurz bevorsteht, ist die Skepsis gewichen. Rund um den FC St. Pauli herrscht vor dem Start eine ungeahnte Euphorie – und das trotz der kurios anmutenden Pokal-Darbietung gegen Regionalliga-Klub Eintracht Norderstedt, bei dem die Braun-Weißen es fertigbrachten, aus 41 Torschüssen und den ersten zwei Elfmetern kein Tor zu erzielen.
Der Stimmungsumschwung liegt begründet in den starken Vorbereitungsspielen gegen Silkeborg, Karlsruhe, Nizza und Verona. Das hat die „Sport Bild“ dazu veranlasst, St. Pauli im aktuellen Bundesliga-Formbarometer auf Platz zwei zu setzen (gleichauf mit dem FC Bayern und 16 Plätze vor dem HSV). In Joel Chima Fujita (der, der aus St. Truiden kam) sehen viele, die inzwischen genauer hingeschaut haben, einen Spieler, der einen entscheidenden Anteil daran haben kann, St. Pauli auf das nächste Level zu heben.
Die Verantwortlichen scheinen diese rasante Änderung der öffentlichen Meinung mit Wohlwollen, aber ohne verfrühte Genugtuung wahrzunehmen. Es gibt schließlich auch noch gar keinen Grund zur Selbstzufriedenheit und zudem noch ein kleines Risiko. St. Pauli wird nämlich auch in dieser Saison nur dann erfolgreich sein, wenn die Mannschaft aufnimmt, dass es einzig und allein das Ziel sein kann, sich Schritt für Schritt zu verbessern, um am Ende wirklich die Klasse zu halten. Und vor allem, wenn sich jeder diesem Ziel unterordnet. Oladapo Afolayan darf sich dabei vielleicht etwas stärker, aber nicht als einziger, ambitionierter Profi, angesprochen fühlen. Wer miese Stimmung verbreitet, muss sehr schnell in die Schranken verwiesen werden, denn schon ein einziger fauler Apfel könnte dafür sorgen, dass sich die Laune rund um den FC St. Pauli schnell wieder dreht – in die falsche Richtung.