Kommentar: Kritik an St. Paulis Flügen ist berechtigt, aber…
Keine 300 Kilometer beträgt die Luftlinie zwischen Hamburg und Leipzig, es scheint auf den ersten Blick abwegig, diese Strecke im Flugzeug zurückzulegen und nicht mit der Bahn. Besonders in Zeiten, in denen Inlandsflüge aus guten Gründen deutlich weniger nachgefragt werden als noch vor einigen Jahren. Und besonders, wenn der zumeist umweltbewusst handelnde FC St. Pauli besagtes Fortbewegungsmittel wählt – wie jetzt beim Pokalspiel. Nicht wenige bezichtigen den Verein, der auch schon nach Dortmund geflogen war, deshalb der Doppelmoral: Werben für Klimaschutz hier, Inlandsflüge da – wo bleibt da die Glaubwürdigkeit, lautet der Vorwurf. Abgesehen davon, dass die wutschnaubenden Kritiker ihre Online-Kommentare selten so konstruktiv formulieren, machen sie es sich zu einfach.
Man kann die Flüge für falsch halten. Man kann monieren, wie schlecht ihre Umweltbilanz ist (wenngleich St. Pauli Klima-Kompensation dafür zahlt). Auch die Anmerkung, der Klub setze mit den Flügen ein fragwürdiges Zeichen, ist berechtigt. Viele der Internetkommentatoren und manche im echten Leben verkennen aber, dass sich jeder Profiverein in einem Spannungsfeld bewegt, unentwegt zwischen sportlicher Ambition und eigenen Überzeugungen changieren muss.
FC St. Pauli muss immer mehr Kompromisse finden
Handelte St. Pauli nur wertegeleitet, bliebe der sportliche Erfolg aus – missachtete es zu viele seiner Werte, akzeptierten das die Fans nicht. Es braucht also Kompromisse, so unangenehm sie sein mögen. Und in einer Englischen Woche ist es der Regeneration eben zuträglich, Reisezeiten zu minimieren.
Bei St. Pauli hat in den vergangenen Jahren ein Vereinskulturwandel stattgefunden. Der Klub hat sich nicht von seinen Werten verabschiedet, die Verantwortlichen haben aber verstanden, dass es eine pragmatischere Abwägung zwischen Idealen und Ambitionen braucht, um sportlich erfolgreich zu sein. Den Aufstieg darf man als Belohnung werten. Dem Verein bietet sich nun die angestrebte größtmögliche Bühne für seine ehrenwerten Botschaften, siehe den Fall Kevin Behrens. Zugleich muss er es aushalten, wenn die Kritik – solange sie sachlich bleibt – jetzt härter ausfällt.