„Kollege ist noch nicht lange dabei“: Watzke und Neuendorf attackieren St. Pauli-Boss
St. Pauli-Präsident Oke Göttlich hat nach seiner in der MOPO vorgebrachten Forderung, einen Boykott der Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko in Erwägung zu ziehen, nachgelegt. Auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt bekam der 50-Jährige allerdings kaum Rückenwind für seinen Vorstoß. DFL-Boss Hans-Joachim Watzke reagierte gar genervt.
„Ich persönlich würde raten, nicht zu fahren aufgrund der jetzigen Situation, wie sie sich jetzt in dem Land darstellt“, sagte Göttlich der „Sportschau“. Er betonte, dass er keine Politik betreibe. „Und es sind auch nicht der FC St. Pauli und Oke Göttlich, die hier Politik betreiben. Die Politik wird betrieben durch Gianni Infantino und Donald Trump, die eine Propagandashow mit dem Friedenspreis schon abgezogen haben“, sagte er.
Wie kam Göttlichs Vorstoß in der DFL an? „Kritisch“
Als warnendes Beispiel nannte Göttlich die WM 2018 in Russland, die trotz internationaler Kritik nicht boykottiert wurde. Diese habe gezeigt, „wohin es führt, wenn man zu viel große Bühne bei großen Sportveranstaltungen gibt“. Auf die Frage, wie sein Vorstoß in den Präsidien von DFB und DFL aufgenommen worden sei, antwortete Göttlich knapp: „Kritisch.“
Er sei „vielleicht anderer Meinung als viele meiner Kollegen. Bin dann aber auch ein Demokrat, der verstehen kann, wenn es am Ende dazu führt, dass mehrheitlich beschlossen wird, dass ein Boykott vielleicht auch nicht das richtige Zeichen des deutschen Fußballs ist“, sagte Göttlich.

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Ligapräsident Watzke machte deutlich, dass eine WM-Boykott-Debatte derzeit „momentan nicht reif“ und deshalb „völlig fehl am Platz“ sei. Er habe keine „größeren Diskussionen“ zu dieser Thematik vernommen, führte der 1. Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes aus. „Ich habe eine Einzelmeinung irgendwo gelesen.“
Bayern-Boss Dreesen positioniert sich gegen Göttlich
Präzise hatte Göttlich in der MOPO über einen WM-Boykott gesagt: „Ich frage mich wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber konkret nachzudenken und zu reden. Und für mich ist dieser Zeitpunkt definitiv gekommen.“ Er betonte: „Das Leben eines Profifußballers ist nicht größer als das Leben von sehr vielen Menschen in verschiedenen Regionen, die derzeit von dem WM-Gastgeber direkt oder indirekt angegriffen oder bedroht werden.“
Auch Bayern-Vorstandschef Jan-Christian Dreesen positionierte sich klar dagegen. Göttlichs WM-Boykott-Überlegungen seien lediglich eine „einzelne“ Stimme, sagte Dreesen. „Es hat noch nie eine WM gegeben, die boykottiert worden wäre. Ich wüsste nicht, warum wir nicht an dieser WM teilnehmen sollten.“
DFB-Präsident Neuendorf: Diskussion kommt zur „Unzeit“
Auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf hält nichts von der momentanen Diskussion über einen WM-Boykott. Die Debatte sei „zum jetzigen Zeitpunkt völlig verfehlt“ und komme zur „Unzeit“, sagte der 64-Jährige. Das DFB-Präsidium wird sich laut Neuendorf dennoch am Freitag mit dem Thema beschäftigen. Die Politik von US-Präsident Donald Trump sei für den DFB „sehr schwer zu bewerten, das überlassen wir der Politik“.
Und dann wurde Neuendorf persönlich und kritisierte Göttlich, der ja nun sein Vize ist, ganz offen. „Der Kollege ist noch nicht so lange dabei. Aber in der Regel ist es bei uns so, dass wir diese Themen so sozusagen zunächst mal in den Gremien besprechen und dann uns dazu eine Meinung bilden. Er ist jetzt leider vorgeprescht mit dem Thema“, sagte er.
Ob er Anhängern eine Reise zur WM empfehlen könne, ließ Neuendorf offen: „Das muss jeder Fan erst mal für sich entscheiden – mit Unterstützung der Bundesregierung. Das muss die Politik bewerten und Empfehlungen abgeben an die Menschen, die in USA reisen wollen.“
CSU-Boss Söder über Göttlichs Vorstoß: „Völliger Quatsch“
Auslöser der Diskussion ist die aggressive Politik von Trump. Dazu zählen seine Haltung zu Grönland, neue Zoll-Drohungen gegenüber Co-Gastgeber Kanada sowie die Eskalation bei Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis. Dort kam es innerhalb von zweieinhalb Wochen zu einem zweiten Todesopfer. Diese Entwicklungen sorgen international für Verunsicherung.
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Aus der Politik gibt es inzwischen erste Stimmen, die einen Boykott der WM ins Spiel bringen. Die Bundesregierung wollte sich diesen Stimmen allerdings nicht anschließend und erklärte, dass dies eine unabhängige Entscheidung des DFB sein müssen. CSU-Chef Markus Söder titulierte derweil Göttlichs Vorstoß als „völligen Quatsch“. (sid/dpa/fa)
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