Innenansicht des ausverkauften und stimmungsvollen Millerntorstadions

Immer voll, immer Musik drin: Das Millerntorstadion des FC St. Pauli Foto: WITTERS

Jan Delay? Vicky Leandros? Wie es mit St. Paulis Stadion-Hymne weitergeht

kommentar icon
arrow down

Aus den Augen aus dem Sinn, sagt ein Sprichwort. Aus den Ohren aus dem Sinn? Für das „Herz von St. Pauli“ gilt das ganz bestimmt nicht. Das emotionale Thema Stadion-Hymne beim Kiezklub bewegt nach wie vor sehr viele Fans und wird leidenschaftlich diskutiert. Ein Nachfolge-Song ist immer noch nicht gefunden. In dieser Saison werden bei Heimspielen wie vom Verein angekündigt verschiedene Lieder in dem traditionellen Zeitfenster eine Viertelstunde vor dem Anpfiff abgespielt, Pannen inklusive. Die Reaktionen auf die Tracks sind wie die Musikrichtungen und auch das Publikum selbst: sehr divers. Welche Songs bislang gespielt wurden, wie St. Pauli Meinungen und Vorschläge sammelt, wer überhaupt neue Lieder aussucht, auf die Playlist und ins Stadion bringt – und wie das Hymnen-Thema für die kommende Saison geplant ist.

Der Nächste, bitte! Gemeint ist der nächste Song. Vor dem Topspiel am Samstagabend gegen den FC Bayern München (18.30 Uhr) wird etwa 15 Minuten vor Anpfiff „Herzlich willkommen im Club“ der Hamburger Akustik-Pop-Band Liedfett gespielt. Es ist bereits Song Nummer 13 seit Saisonbeginn, nachdem gut zwei Jahrzehnte lang stets die Hymne „Das Herz von St. Pauli“ ertönte, die im Februar 2025 aufgrund der bekannt gewordenen Nazi-Verstrickungen von Texter Josef Ollig erst ausgesetzt und dann schließlich abgesetzt worden war.

Statt Herz von St. Pauli: Welche Lieder gespielt wurden

Angefangen mit bekannten Stücken aus dem Kiezklub-Kosmos wie „Das hier ist Fußball“ von Thees Uhlmann am 1. Spieltag gegen Dortmund über „St. Pauli“ der italienischen Ska-Punk-Band Talco oder „Mehr als Fußball“ der Deutsch-Punks LAK hin zu „1Traum“ der Millerntor Allstars und zuletzt gegen Freiburg „Mein Kiez“ des jungen Rappers Ottomatisch. Eine komplette Liste der bislang abgespielten Songs hat der Verein gerade auf seiner Homepage veröffentlicht.

Ein eindeutiger Fan-Favorit hat sich noch nicht herauskristallisiert, was nicht verwunderlich ist. Ein beträchtlicher Teil des Anhangs trauert immer noch dem „Herz von St. Pauli“ hinterher und nicht wenige Fans wünschen sich ein Comeback, während andere eine neue feste Hymne wollen, aber die Meinungen darüber, welcher Song dafür am besten geeignet ist, zum Teil weit auseinandergehen – geschweige denn, welche Musikrichtung.

Warum Rihanna und Deine Cousine für Irritationen sorgten

Kurios: Zwei Lieder wurden gleich zweimal gespielt, was für Irritationen und auch Kritik sorgte, aber jeweils eine Panne war. So tönte das bei den Ultras beliebte und bei Auswärtsfahrten obligatorische „Diamonds“ von Rihanna (mit auf St. Pauli umgedichteten Textzeilen) nicht nur vor dem DFB-Pokal-Spiel gegen Hoffenheim am 28. Oktober aus den Boxen des Stadions, sondern nochmals beim Derby-Heimspiel im Januar. Grund dafür ist nach Vereinsangaben, dass beim ersten Mal eine zu kurze Version abgespielt worden war. Dass das Lied „St. Pauli“ der Hamburger Sängerin Deine Cousine nicht nur beim Heimspiel gegen Stuttgart lief, sondern auf zwei Wochen später gegen Werder Bremen gleich noch mal – eine reine Panne. Eigentlich hätte gegen Bremen Jan Delay mit dem Lied „St. Pauli“ auf dem Programm gestanden, was ein passendes Timing gewesen wäre, da er Werder-Fan ist.

Apropos Jan Delay. Der Song dürfte in einem der verbleibenden Heimspiele gegen Köln (17. April), Mainz (3. Mai) und Wolfsburg (16. Mai) nachgeholt werden. Dann passt vielleicht der Refrain sogar noch besser zum Klassenkampf der Kiezkicker: „Auf St. Pauli brennt noch Licht, da ist noch lange noch nicht Schicht. Denn im Großen und im Ganzen hab’n wir allen Grund zum Tanzen.“

St. Paulis Endspurt: Zeit für Jan Delay und Vicky Leandros?

Auch ein echter Klassiker wird heiß gehandelt und könnte noch erklingen: „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros. Der Schlager aus dem Jahr 1975 wurde in der Vergangenheit schon häufiger nach wichtigen Siegen am Millerntor gespielt, zuletzt nach dem Saisonfinale und Bundesliga-Aufstieg im Mai 2024. Als dauerhafte Hymne taugt der Song allerdings weniger. Dem Punkrock-affinen Teil des Millerntorpublikums dürfte „St. Pauli leuchtet nur hier“ von Rubberslime – bislang noch nicht gespielt – gefallen.

Ausgesucht wurden und werden die Lieder in dieser Saison übrigens von mehreren Personen, darunter Stadion-Sicherheitschef Sven Brux, Medienchef Patrick Gensing, Marketingleiter Martin Drust sowie dem Personal in der Sprecherkabine des Stadions. „Welcher Song läuft, wird von Spiel zu Spiel entschieden“, heißt es auf MOPO-Nachfrage. Darüber hinaus erreichen den Verein auch neue Kompositionen, darunter von Künstlern und Bands aus dem St. Pauli-Kosmos.

FC St. Pauli stellt klar: „Hymne lässt sich nicht verordnen“

Noch ist offen, ob es künftig überhaupt eine feste Hymne geben wird – und angesichts des breiten Geschmacks- und Meinungsspektrums geben kann. „Eine Hymne lässt sich nicht verordnen. Und vielleicht wird ein einzelner Song dem FC St. Pauli auch gar nicht gerecht“, teilt der Verein mit und ruft Mitglieder und Fans weiterhin zu Meinungen und auch Vorschlägen auf, die in einem Blog-Post geäußert werden können – zugleich ein wichtiges Stimmungsbild für den Klub, was die Hymnen-Frage angeht.

Das könnte Sie auch interessieren: Wie einst gegen Beckenbauer: St. Pauli mit Sondertrikot gegen den FC Bayern

Ein „Leipziger Modell“ mit drei verschiedenen Hymnen, um es möglichst allen Fans und Geschmäckern recht zu machen, soll es am Millerntor nicht geben – dann lieber weiterhin musikalische Vielfalt und Abwechslung und damit auch immer wieder Raum für Neues. Die Sehnsucht nach einer wiederkehrenden und gewohnten Hymne, die jeder kennt, mitsingen kann und auch mitsingen mag und die auf diese Weise für ein Kollektiv-Gefühl im Stadion sorgt, ist jedoch bei vielen Fans groß. Aber: Jede Tradition hat mal als Innovation angefangen.

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
test