FC St. Pauli
Hrgota, Fujita, Irvine: Die zentralen Fragen beschäftigen St. Pauli
Der FC St. Pauli muss sein zentrales Mittelfeld komplett umbauen. Branimir Hrgota ist dafür ein neuer Baustein. Aber wie geht es mit Joel Chima Fujita und Jackson Irvine weiter?
Es weht ein frischer Wind auf dem Trainingsgelände an der Kollaustraße. Die Neuausrichtung der Mannschaft des FC St. Pauli für eine erfolgreiche Zweitligasaison nach dem Abstieg läuft auf Hochtouren und der Blick nach vorn scheint vielen Spielern gutzutun. Das Team wird umgebaut und vom neuen Trainer Marcel Rapp neu ausgerichtet. Für mehr Ballbesitz, mehr Dampf, mehr Gefahr – und natürlich mehr Tore. Entscheidend ist dabei das Mittelfeld als Maschinenraum, Schaltzentrale und auch Kreativwerkstatt. St. Paulis Herzstück-Projekt. Es ist eine komplexe und komplizierte Operation, bei der auch knifflige und brisante Personalfragen geklärt werden müssen.
Es soll wieder vorangehen für den Kiezklub. St. Pauli will im Unterhaus wieder mehr Siege feiern als Niederlagen kassieren und oben mitspielen. Voraussetzung dafür ist, dass es auch auf dem Rasen nach vorn geht. Rapp steht für aktiven, offensiven Ballbesitzfußball, mit klarer Struktur, aber auch mit taktischer Flexibilität und hoher Intensität auf Basis einer stabilen Defensive.
Bornemann: Hrgota „kann den Unterschied machen“
Das Mittelfeld ist die größte und zentrale Baustelle der Kiezkicker. Und dort braucht es neue Bauteile. Mit James Sands, der in den letzten Monaten der Abstiegssaison verletzt (und spürbar!) gefehlt hatte, hat der stabilste und robusteste Sechser den Kiezklub nach seiner Leihe in Richtung New York City verlassen. Danel Sinani, mit dem St. Pauli gern liga-unabhänig verlängert hätte, ist wiederum als zentraler Offensivspieler und einziger wirklicher Zehner von Bord gegangen.
Ein Neuer hat gerade angeheuert. Mit der ablösefreien Verpflichtung von Branimir Hrgota (33) hat der Verein genau diese Lücke geschlossen. „Natürlich ist es wichtig, so ein Profil im Kader zu haben“, betont Sportchef Andreas Bornemann im Gespräch mit der MOPO. Der Schwede sei ein Spieler, der „den Unterschied machen kann“.
Hrgota hat in der vergangenen Saison für seinen langjährigen Klub Greuther Fürth zwar für seine Verhältnisse nur noch bescheidende vier Tore (plus eines in der Relegation) erzielt, dafür aber als zentraler Mann hinter den Stürmern neun Treffer vorbereitet. Platz fünf in der Assist-Liste der Liga. Zudem kennt er das Unterhaus in- und auswendig und ist ein Führungsspieler.
Der Routinier soll beim braun-weißen Ziel helfen, mehr Gefahr – insbesondere aus dem Mittelfeld heraus – zu kreieren, durch Tore und natürlich auch durch Zuspiele. Allen voran der abschlussstarke Stürmer Martijn Kaars muss deutlich häufiger und besser in Szene gesetzt werden und wird sich im Unterhaus besser durchsetzen können.
Metcalfe, Klein und Rasmussen sind Option im Zentrum
Auch Connor Metcalfe könne laut Bornemann die offensive Rolle hinter den Spitzen ausfüllen. Aber erstens ist der Australier nach der WM noch zweieinhalb Wochen im Urlaub, zweitens trägt er Abwanderungsgedanken in sich, sollte er nicht die Chance auf deutlich mehr Spielzeit bekommen.
Der zweite Neue für das Mittelfeld neben dem offensiven Hrgota ist Metcalfes Landsmann Sam Klein. Der 22 Jahre alte und 1,88 Meter große Blondschopf mit norwegischen Wurzeln, der vom australischen Erstligisten Brisbane Roar gekommen ist, hat in den bisherigen Trainingseinheiten und Testspielen sein Können und Potenzial aufblitzen lassen, muss sich aber noch an das nächste Level, die Intensität und Spielgeschwindigkeit gewöhnen.
Ein Spieler aus den eigenen Reihen, der nach dem Abstieg mehr in den Fokus rücken könnte und das auch unbedingt anstrebt, ist Mathias Rasmussen. „Er ist ein richtig guter Fußballer, der im Mittelfeld auf verschiedenen Positionen spielen kann – als zweiter Sechser, Achter oder auch Zehner“, stellt Bornemann die Vielseitigkeit des Linksfußes heraus. „Bei einem Spielstil mit mehr Ballbesitz dürften seine Stärken noch mehr zum Tragen kommen. Matti kann eine gute Rolle spielen in der kommenden Saison.“
Fujita „ist interessant für andere Vereine“
Zentral für das Herzstück-Projekt ist die Frage, was mit Joel Chima Fujita passiert. Der Japaner galt nach dem Abstieg als sicherer Abgang, weil die Zweite Liga bei seinem ambitionierten Karriereplan ein Rückschritt wäre, aber noch immer steht er mit den Kiezkickern auf dem Trainingsplatz.
Wie geht es mit Fujita weiter? „Fakt ist, dass er bei uns einen laufenden Vertrag hat“, stellt Bornemann klar, schildert aber auch interessante Eindrücke auf und abseits des Platzes: „Joel trainiert gut, ist in den Testspielen engagiert und bewegt sich ganz normal im Kreis der Mannschaft.“ Und: „Er erweckt nicht den Eindruck, dass er nicht hier sein will. Joel verhält sich einwandfrei.“ Professionell. Das muss jedoch nicht heißen, dass sich der 24-Jährige und seine Berater nicht intensiv um einen Klub aus einer europäischen Top-Fünf-Liga oder einem Klub aus der finanzstarken zweiten englischen Liga als Vorstufe zur Erfüllung seines Premier-League-Traums bemühen.
„Wir wissen um seine Ambitionen, aber auch darum, dass er ein wichtiger Spieler für uns sein kann“, sagt Bornemann, der einen theoretisch möglichen Verbleib Fujitas nicht als Zumutung für den Nationalspieler oder Karriere-Knick wertet: „Auch in der sehr wettbewerbsfähigen zweiten deutschen Liga kann man sich weiterentwickeln.“ Ob Fujita das auch so sieht? Klar ist, dass der Mittelfeldmann einen Markt hat und „mit seinen Qualitäten interessant für andere Vereine ist“, weiß auch Bornemann.
Fujita könnte St. Paulis Rekord-Transfer werden
Es ist eine Frage des Angebots, nicht der Nachfrage. Fujitas Marktwert wird auf rund zehn Millionen Euro taxiert, was etwas zu hoch gegriffen scheint. Dennoch könnte er bei einem Abschied angesichts von noch zwei Vertragsjahren und seines jungen Alters zu St. Paulis Rekordverkauf (bislang Philipp Treu, 5,5 bis 6 Millionen Euro) werden.
Der Kiezklub wird einem abwanderungswilligen Fujita (ebenso wie im Fall Eric Smith) keine Steine in den Weg legen, solange die finanzielle Entschädigung adäquat ist. Die Transfereinnahmen wiederum könnten die Möglichkeiten des Vereins, in neue Spieler zu investieren, immens erweitern. „Wir beschäftigen uns damit, wenn es so weit sein sollte“, stellt Bornemann klar. „Das ist derzeit nicht der Fall, weshalb wir uns darauf konzentrieren, wie Joel seine Fähigkeiten bestmöglich bei uns einbringen kann.“ Daraus kann man lesen, dass es keine konkrete Offerte gibt oder zumindest kein Angebot, das St. Pauli als Verhandlungsgrundlage sieht.
Neben dem Faktor Geld ist auch der Faktor Zeit von großer Bedeutung. „Wichtig ist eine möglichst frühe Planungssicherheit, denn es geht um eine zentrale Rolle und Position“, betont der Sportchef. Je schneller die Fujita-Seite einen potenten Interessenten präsentiert, desto besser wäre ein Deal für alle Seiten, weil auch St. Pauli mehr Zeit hätte zu reagieren.
Wie sieht Rapp Irvines Rolle im Team?
Last but not least ist da die interessante und brisante Frage, was mit Jackson Irvine passiert. Zunächst sportlich. Der Kapitän hatte sich nach dem Abstieg klar zu St. Pauli bekannt. Aber welche Rolle kann und soll der 33-Jährige beim Neubeginn im Rapp-System spielen? Zumal er angesichts des Nach-WM-Urlaubs wohl erst nach dem Trainingslager zum Team stoßen und spät in die Vorbereitung einsteigen wird.
Sieht Rapp den Mittelfeldmann als Stammspieler und Eckpfeiler? Würde sich Irvine mit weniger arrangieren können und auch eine mögliche Abgabe der Kapitänsbinde akzeptieren? Wichtige Fragen, die (sich) der neue Coach stellen, besprechen und beantworten muss. Rapp ist nicht nur als Baumeister gefragt, sondern auch als Moderator und konsequenter Entscheider. Kommunikation gilt als seine große Stärke.
Nicht ausgeschlossen, dass Irvine Rapps Vorstellungen und Pläne nicht gefallen und er sich genötigt sieht, zu anderen Ufern aufzubrechen. Ebenso wenig darf zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen werden, dass es eine fruchtbare Zusammenarbeit – in welcher Form und Rolle Irvines auch immer – gibt. Die Operation am braun-weißen Herzstück hat gerade erst so richtig begonnen.
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