„Herzzerreißend“: St. Pauli leidet nach dem späten Doppel-Schock bei Bayern
Fußball kann brutal sein. Der Schmerz war den Spielern des FC St. Pauli anzusehen. Alles gegeben, verdammt viel richtig gemacht, der Übermannschaft und Torfabrik der Liga massive Probleme bereitet, Weltklasse-Torjäger Harry Kane mehr oder weniger abgemeldet, das Publikum in der Allianz Arena über weite Phasen ruhiggestellt oder genervt, eigentlich auch noch das nötige Glück gehabt, mit Ablauf der 90 Minuten den Überraschungs-Coup ganz dicht vor Augen … und dann zerplatzt er. Plopp, Plopp.
Zwei Tore des FC Bayern in der Nachspielzeit besiegelten den 3:1 (1:1)-Sieg der Münchner und die neunte Niederlage in Serie der Kiezkicker, die erstmals in dieser Saison auf einen Abstiegsplatz abrutschten. Die Lobeshymnen der Experten machen es nicht besser. Aber der Auftritt macht auch Mut und stärkt den Trainer.
Hauke Wahl: Niederlage gegen Bayern „extrem bitter“
Wie so oft war es Hauke Wahl, der als einer der Führungsspieler die Aufgabe übernahm, Worte zu finden. „Wir sind unfassbar unglücklich“, sagte der Abwehr-Routinier in den Katakomben der Arena mit leiser Stimme, auf der letzten Etappe des Interview-Marathons, in der Mixed Zone. „Wir waren knapp dran, dass endlich unsere Serie reißt, und jetzt stehen wir hier mit null Punkten“, hatte er zuvor in die TV-Mikrofone gesprochen. „Wir haben alles auf dem Platz gelassen.“ Aber nichts Zählbares mitgenommen. Das sei „extrem bitter“.

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Die Dramaturgie der Schlussphase, die Art und Weise der Niederlage, sorgte dafür, dass die leidenschaftliche und bravouröse Leistung zunächst kein Trost war. „So zu verlieren ist herzzerreißend“, sagte Mittelfeldabräumer James Sands, der „einfach nur enttäuscht“ war. Linksverteidiger Lars Ritzka, der in der Startelf gestanden hatte, weil Louis Oppie eine Pause brauchte, nannte das Ende des Spiels „brutal“.
St. Pauli rutscht auf einen Abstiegsplatz
Zu allem Überfluss hatte Schlusslicht Heidenheim im parallel laufenden Spiel gegen Union Berlin in Bayern-Manier mit einem Doppelschlag in der 90. und in der 6. Minute der Nachspielzeit einen Sieg herausgeschossen, die Kiezkicker (sieben Punkte) damit überflügelt und auf Rang 17 gedrückt. Sollte der neue Tabellenletzte Mainz (sechs Punkte), der erst am Sonntag in Freiburg antritt, mindestens einen Punkt holen, wäre St. Pauli Letzter.
„Hart“ sei die Niederlage, meinte Trainer Alexander Blessin, weil seine Mannschaft so viel richtig gemacht und noch mehr investiert und das Erfolgserlebnis so dicht vor Augen gehabt habe. Ein Remis in München wäre ein gefühlter Sieg gewesen, wenn man bedenkt, wie viele Mannschaften in der Allianz Arena schon vorgeführt und abgeschossen worden waren. „Je länger das Spiel dann gelaufen ist, desto mehr hat man das Gefühl, da geht was. Umso bitterer, wenn man in der dritten Minute der Nachspielzeit so bestraft wird. Die Jungs hätten sich mehr verdient gehabt.“
Hountondji schießt 1:0 und beendet Durststrecke
Fast alles war über 90 Minuten für den Außenseiter gelaufen in dem ungleichen Duell vor 75.000 Zuschauenden, darunter rund 7500 St. Pauli-Fans, die für mächtig Stimmung im zweitgrößten Stadion Deutschlands gesorgt hatten. Das frühe 1:0 durch Andréas Hountondji (6. Minute) nach feinem Zuspiel von Mathias Pereira Lage hatte St. Pauli in die Karten gespielt.

Leider verletzte sich der Beniner, dem nach acht Spielen Durststrecke endlich sein vierter Saisontreffer gelang, am Oberschenkel und musste bereits in der 18. Minute ausgewechselt werden. Die Diagnose steht noch aus. Blessins Mannen konnten sich mit der Führung im Rücken noch mehr auf das laufintensive, aggressive und leidenschaftliche Verteidigen fokussieren. Auch der Ausgleich kurz vor der Halbzeitpause durch Guerreiro (44.) ließ die Dämme nicht brechen. Das Kiez-Bollwerk hielt auch im zweiten Durchgang.
Didi Hamann schwärmt: „Herausragend verteidigt“
„Herausragend verteidigt“ habe St. Pauli, schwärmte Sky-Experte Didi Hamann regelrecht. „Das geht kaum besser.“ Vor allem gegen eine Weltklasse-Offensive wie die von Bayern. Kane wurde im Kollektiv hervorragend verteidigt, hatte gerade mal 28 Ballkontakte im ganzen Spiel, was ein Riesenkompliment für die Hamburger ist. Sky-Experte Erik Meijer sah es wie Hamann: „St. Pauli hat fantastisch verteidigt.“

Auch das für eine Überraschung nötige Glück hatten die Gäste von der Elbe gehabt, sogar dreimal bei den Pfostentreffern von Karl (23.), Bischof (35.) und Kane (81.). Es war das Glück des Tüchtigen.
Kiezkicker hatten nur 20 Prozent Ballbesitz
20:80 Prozent Ballbesitz ist ein extremer Wert und dokumentieren die spielerische Überlegenheit des Rekordmeisters, aber wer in der Allianz Arena munter mitspielen will und sein Heil im Vorwärtsgang sucht, kommt schnell ganz böse unter die Räder. Man frage beim HSV nach. Dennoch hätte St. Pauli im Spiel mit Ball aus der einen oder anderen Situation mehr machen können oder die Pille nicht so schnell wieder verlieren dürfen. „Spielerisch war es nicht so gut“, merkte Wahl zu Recht kritisch an. „Wir haben nicht so viele Lösungen gefunden, da müssen wir ehrlich sein.“

Trotzdem hatte St. Pauli sogar die späte Riesenchance zum erneuten Führungstreffer als Joel Chima Fujita bei einem Konter Louis Oppie mustergültig schickte, doch der Linksfuß verzog seinen Schuss deutlich (90.). Es war das fehlende Puzzleteil, um an einem Tag, an dem so viel passte, und in einem Spiel, in dem für einen Erfolg einfach alles passen muss, am Ende einem eigentlich in allen Bereichen übermächtigen Gegner etwas Zählbares entreißen oder sogar ganz und gar triumphieren zu können.
Bayern schockt St. Pauli in der Nachspielzeit – doppelt!
Gegen viele andere Gegner wäre es bei einem 1:1 geblieben, aber der finale Dauerdruck der Münchner war extrem. „Bayern hat alles nach vorn geworfen“, sagte Wahl, „und dann ist es natürlich gerade bei deren Qualität schwer, alles wegzuverteidigen.“
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Eine perfekt getimte Flanke von Kimmich in der dritten Minute der Nachspielzeit hatte der Innenverteidiger im Kopfball-Duell mit Díaz wortwörtlich um Haaresbreite verpasst, der Ball sprang seinem Gegenspieler an die Schulter und von dort ins Tor. Es passte ins braun-weiße Unglück und Trainer Alexander Blessin war sich nicht ganz sicher, nachdem er später die TV-Bilder gesehen hatte, ob Schiedsrichter Felix Zwayer nicht auch auf Handball hätte entscheiden können, weil der Ball Schulter und auch Oberarm berührt habe. In der sechsten Minute der Nachspielzeit hatte schließlich der eingewechselte Jackson dann nach einem Konter mit dem 3:1 den Deckel drauf gemacht.
St. Pauli will das Positive mit in die nächsten Spiele nehmen
Für die Kiezkicker gilt es jetzt, das Positive aus dem Spiel mitzunehmen in die nächsten Aufgaben, am Dienstag im DFB-Pokal-Achtelfinale in Mönchengladbach und am Samstag in der Liga bei Aufsteiger Köln. „Die Art und Weise, wie wir kompakt verteidigt haben, jeder für den anderen da war, immer ein Zweiter zum Unterstützen dagewesen ist“, müsse auf diesem Level bleiben, fordert Ritzka. „Nur so geht’s, nur so kommen wir aus dieser Situation raus und ich glaube fest daran, dass die Mannschaft das weiterhin umsetzen kann und dann auch wieder punkten wird.“
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Der Auftritt in München war die nächste Steigerung nach zuletzt wieder stabileren Auftritten gegen Freiburg (1:2) und Union Berlin (0:1). „Wir haben da von kleinen Schritten gesprochen. Das heute war ein großer Schritt“, befand Blessin bei aller Enttäuschung. Und es war eine Leistung, die seine Position stärkte.
Wahl: In der Mannschaft keine Trainer-Diskussion
Mag nach nunmehr neun Niederlagen in Serie der Druck auf den Trainer naturgemäß hoch sein, innerhalb der Mannschaft werde der Coach nicht infrage gestellt, versicherte Wahl: „Wir haben die Diskussion gar nicht.“ Er verwies auf den „super Matchplan, den das Trainerteam ausgearbeitet hat und wir haben es einfach perfekt ausgeführt“. Fast perfekt. Und ganz perfekt hätte es sein müssen, um die zweite Mannschaft der Liga zu sein, die den Bayern Punkte klaut.
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