„Hatte ich nicht gedacht“: Ex-St. Pauli Torwart ist in Japan ein Star – auch privat

Svend Brodersen führt in Japan einen Abstoß aus
Svend Brodersen (28) spielt seit vier Jahren in Japan, aktuell bei Fagiano Okayama.

Von 2010 bis 2021 war Svend Brodersen beim FC St. Pauli. Er ist das letzte Torwart-Eigengewächs, das bei den Profis zum Einsatz kam. Seit vier Jahren spielt der 28-Jährige in Japan und ist glücklicher denn je. Dabei hatte er bei seinem Abschied aus Deutschland eigentlich einen anderen Plan. Die MOPO hat mit dem ehemaligen Kiezkicker über sein Leben in Asien und die Verbindung nach Hamburg gesprochen.

„Moin moin“, hallt es zu Beginn des Gesprächs aus dem Telefon. Svend Brodersen weiß auch nach vier Jahren in Japan noch, woher er kommt, auch wenn sein letzter Heimatbesuch im Dezember 2023 war. „Moin sage ich hier nicht oft“, scherzt der 28-jährige Hamburger, der aktuell bei Fagiano Okayama in der J-League unter Vertrag steht und beim FC St. Pauli elf Jahre lang zum Profifußballer reifte.

Von St. Pauli wollte Brodersen erst nur kurz nach Japan

Dass er jetzt schon so lange in Japan das Tor hütet, war ursprünglich nicht sein Plan gewesen. Der Schritt im Sommer 2021 ans andere Ende der Welt sollte eigentlich nur der Beginn einer spannenden Reise werden. „Es war die Idee, meinen Horizont zu erweitern und etwas von der Welt zu sehen“, erklärt Brodersen seinen Weg, der ihn aus Hamburg fortführte. Sechs Einsätze in der 2. Bundesliga, ein U21-Länderspiel und die Teilnahme an Olympia 2021 in Tokio – all das war ihm irgendwann zu wenig. „Ich dachte mir: Warum soll ich mir in Deutschland einen abkrampfen, in der 2. Liga auf der Bank sitzen oder in der 3. Liga spielen, wenn es noch mehr zu sehen gibt?“

Svend Brodersen und Leart Paqarada unterhalten sich
In der Saison 2020/21 spielte Brodersen an der Seite von Leart Paqarada viermal von Beginn an.

Australien oder auch die USA waren mögliche weitere Stationen, die er damals im Kopf hatte. „Dass ich Karriere hier in Japan mache, das hatte ich nicht gedacht.“ Doch in seiner neuen Heimat genießt er einen ausgezeichneten Ruf. Schon bei seiner ersten Station Yokohama FC war er eine feste Größe, im Januar 2024 ging es weiter zu Fagiano Okayama, mit denen er prompt aus der 2. Liga in die J-League aufstieg – zum ersten Mal in der Klubgeschichte.

„Für die Region war das der absolute Wahnsinn“, erzählt Brodersen: „Hier herrscht eine unglaubliche Euphorie.“ An Spieltagen ist die 700.000 Einwohner zählende Stadt in Vereinsfarben geschmückt, jedes Heimspiel ist ausverkauft, es gibt Public Viewing. „Es macht unglaublich viel Spaß.“

Ex-St. Pauli-Profi Brodersen wird in Japan gefeiert

Und der Underdog kann mithalten, ist aktuell Zwölfter mit neun Punkten Vorsprung auf die Abstiegsplätze. „Wir haben nicht die besten Spieler, aber sind ein richtiges Team. Das spüren auch die Leute hier“, berichtet Brodersen, für den der Klassenerhalt ein großer Erfolg wäre. Seinen Anteil trägt er dazu bei. In acht von 24 Spielen blieb er ohne Gegentor. Der „Kicker“ stufte ihn zuletzt in der Legionärs-Rangliste in die Kategorie „herausragend“ ein, in Japan wird er gefeiert.

Svend Brodersen bei einem Spiel in Japan in Aktion
Rückhalt: In dieser Saison blieb Brodersen schon achtmal ohne Gegentor.

Doch es ist nicht nur der sportliche Erfolg, der Brodersen länger in Japan verweilen lässt als ursprünglich mal geplant. Es ist auch das private Glück. Seit zweieinhalb Jahren ist der Torhüter mit einer Japanerin verheiratet. Im Juni kam die zweite Tochter zur Welt. Er spricht auf Deutsch mit den Kindern, sie auf Japanisch, gemeinsam reden sie Englisch und Japanisch. Das sei zwar „nicht das Gelbe vom Ei“, wie Brodersen mit einem Schmunzeln erzählt, aber das dürfte eine demütige Untertreibung sein. Schließlich führt er seine Interviews auf Japanisch und kommt auch im Alltag prima zurecht.

Dass er sich so gut integriert hat, bringt ihm Anerkennung. Die Leute, denen er begegnet, mögen ihn, sind überrascht, wie gut er als „Ausländer“ die Sprache spricht. Auch bei der Familie seiner Frau hat der in Eimsbüttel aufgewachsene Fußballprofi Eindruck hinterlassen. „Ihr Papa hat am Anfang mal gefragt, ob ich noch etwas anderes außer Fußball mache“, erzählt Brodersen mit einem Lachen, „aber das macht ja jeder Vater, oder?“ Vor allem war seine Antwort „ja“. Denn Brodersen studiert nebenbei Psychologie an einer Hamburger Fern-Uni. Bald sei das Studium abgeschlossen, berichtet er.

Svend Brodersen jubelt mit Ehefrau und Kind in Japan
Den Aufstieg im Dezember 2024 feierte Brodersen mit seiner Frau und seiner ​​​​​​​ersten Tochter.

Fußball, Familie, Studium, ein anderes Land – „so viele Eindrücke, dass man gar nicht so viel an zu Hause denkt“, sagt Brodersen. Und trotzdem ist die Verbindung nach Hamburg stark. Hier wohnen seine Eltern, seine Schwester und seine beiden Brüder. Alex (23) spielt in der Oberliga für HEBC, Leonard (22) wechselte 2024 von Teutonia 05 Ottensen zu Fortuna Düsseldorf II in die Regionalliga West. Letzterer spielte sogar kurzzeitig selbst in Japan. Für alles Wichtige gibt es eine Geschwistergruppe bei WhatsApp. „Das Verhältnis zu meinen Geschwistern ist sehr eng“, erzählt der große Bruder Svend.

Brodersen hält Kontakt zu Hamburg und zum FC St. Pauli

Auch zu seinem Ausbildungsverein FC St. Pauli besteht noch eine Verbindung. Mit Sportchef Andreas Bornemann und Präsident Oke Göttlich hat Brodersen regelmäßig Kontakt. Seit er vier Jahre alt ist, ist er Vereinsmitglied, hat eine lebenslange Dauerkarte. „Sowohl über den Aufstieg als auch den Klassenerhalt habe ich mich sehr gefreut.“

Mit Klaus Thomforde schreibt er ebenfalls häufiger. Die Klub-Legende war sein Torwarttrainer beim DFB. „Er verfolgt meine Karriere. Das weiß ich zu schätzen“, so Brodersen, der aber auch in Japan auf alte Bekannte trifft.

Svend Brodersen mit Ryo Miyaichi in Japan
Mit Ex-Kiezkicker Ryo Miyaichi traf sich Brodersen häufiger in Yokohama.

Mit Ryo Miyaichi, der von 2015 bis 2021 für St. Pauli spielte, traf sich der Familienvater schon in Yokohama. Auch mit dem ehemaligen HSV-Kapitän Gotoku Sakai tauscht er sich nach Spielen regelmäßig auf Deutsch aus. Für einen Schnack reichte es sogar einmal mit Andrés Iniesta, der seine Karriere bis 2023 bei Topklub Vissel Kobe ausklingen ließ. „Der hat mir mal einen Elfmeter reingedrückt“, erinnert sich Brodersen.

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Doch aller Vorzüge Japans zum Trotz weiß der 1,88-Meter-Hüne schon jetzt: „Ich liebe Hamburg und irgendwann werde ich zurückkehren.“ Auch seine Frau kann sich ein Leben im Ausland gut vorstellen. Aber noch ist der Tag nicht gekommen. Die Brodersens wollen noch in Japan bleiben. Alles deutet auf einen neuen Vertrag in Okayama hin. Ein „Moin“ wird ihm also noch etwas seltener über die Lippen kommen. An seine beiden Töchter kann er den Schnack aber schon einmal weitergeben.