„Große Welle des Hasses“ gegen das woke St. Pauli – besonders Irvine im Visier
Der VfL Wolfsburg ist nicht gerade als Fußballklub bekannt, der für sonderlich viel Aufregung sorgt – manchmal nicht einmal in Wolfsburg. Von Schlagzeilen ganz zu schweigen. Groß war auch deshalb der Wirbel, für den jüngst Stürmer Kevin Behrens sorgte, bundesweit. Mit homophoben Äußerungen, für die er von seinem Klub bestraft worden ist. Der Spielplan sorgt für die ironische Volte, dass der VfL jetzt bei einem Verein antritt, der wie kein Zweiter für Toleranz, Diversität und Offenheit einsteht. Oder wie es Kevin B. aus W. möglicherweise formulieren würde: für schwule Scheiße.
Beim FC St. Pauli ist der Regenbogen allgegenwärtig und viel mehr als nur ein Symbol. Der Fall Behrens wiederum ist viel mehr als ein Eklat um eine Einzelperson in einer nach Aufregern gierenden Welt. Schlimmer: die Welle an Zustimmung, die er bekam. Das hat das Problem sichtbar gemacht, mit dem sich auch der Kiezklub seit dem Aufstieg deutlich verstärkt konfrontiert sieht: Häme, Homophobie, Hass. Die Schattenseite des Erfolges. Doch der Verein wehrt sich.
Es wird farbenfroh am Millerntor, wenn der Kiezklub am Samstag die Wolfsburger zum vierten Heimspiel der Saison empfängt. Kevin Behrens dürfte es zu bunt werden. Soll es auch.
Das aktive Netzwerk „St. Pauli Pride“ hat Mitglieder und Fans dazu aufgerufen, das Spiel zum Rainbow-Aktionstag zu machen, mit Fahnen, Kleidung oder anderen Utensilien in Regenbogenfarben ins Stadion zu kommen.
„Es ist wichtig, dass wir Flagge zeigen. Kevin Behrens soll genau das zu sehen bekommen, was er nicht mag – und davon so viel wie möglich“, sagt Tanja Rieckmann-Mekhchoun, eine der Gründerinnen von „St. Pauli Pride“, im Gespräch mit der MOPO. „Unser Verein ist bunt, unser Stadion ist bunt. Er soll es richtig ungemütlich haben.“ Kevin im Regenbogenland. Kein Märchen.
„St. Pauli Pride“-Gründerin über Behrens: „Ist doch klar, wie der tickt“
Der Anlass ist klar. Wolfsburgs Stürmer, immerhin auch einmaliger Nationalspieler, hatte sich bei einer internen Autogrammstunde geweigert, auf einem Regenbogen-Trikot zu unterschreiben und soll gesagt haben: „So eine schwule Scheiße unterschreibe ich nicht.“ Die Worte dürften so gefallen sein, denn dieser Darstellung ist weder von ihm noch von seinem Verein widersprochen worden. Stattdessen hat der VfL den 33-Jährigen mit einer Geldstrafe in unbekannter Höhe belegt. Inhaltlich von seiner Aussage distanziert hat sich Behrens übrigens nicht.
„Es ist doch klar, wie der tickt. Sowas sagt man nicht aus Versehen. Das ist Homofeindlichkeit pur“, sagt Rieckmann-Mekhchoun, selbst queer und mit einer Frau verheiratet, die ebenfalls Fan und im Verein engagiert ist. „Aber es geht hier längst nicht nur um Kevin Behrens. Das Ausmaß an Vorurteilen, an Beleidigungen und Hass ist schlimm. Es nimmt leider wieder zu.“
Das spürt auch der Verein, der sich wie kein zweiter in Deutschland und auch Europa gegen Rassismus, Faschismus, Antisemitismus und für Toleranz, Diversität und ein buntes und friedliches Miteinander einsetzt – oftmals offensiv, demonstrativ und laut. Einer der bekanntesten Slogans: „Lieb doch, wen du willst.“
Seit vielen Jahren flattert auf dem Dach des Millerntorstadions neben den Flaggen mit dem Vereinswappen und mit dem Totenkopf auch die Regenbogenfahne im Wind. Kapitän Jackson Irvine spielt mit Regenbogenbinde am Arm. Das diesjährige Pokaltrikot zieren Regenbogenfarben. Nur einige Beispiele. Es sind Statements. Aber auch Spiegel.
„Das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist ja kein neues auf St. Pauli, das wir hier erst hingebracht hätten“, sagt Präsident Oke Göttlich zur MOPO. „Vielmehr sind diese Themen für unsere Mitgliedschaft und Fans sehr wichtig. Wir sehen Vielfalt als einen positiven Wert, und der Stadtteil St. Pauli und der FC St. Pauli sollen ein Hafen für unterschiedliche Liebesentwürfe, sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten sein.“ Man wolle ein „offenes Miteinander“.
Vielen gefällt das nicht, manche nervt oder provoziert das. Es werden mehr. Sie werden lauter. Ungehemmter. St. Pauli ist schon lange Zielscheibe für ein bestimmtes Klientel. Seit dem Aufstieg haben die Anfeindungen gegen den Kiezklub enorm zugenommen.
Bunter Vogel: Jackson Irvine oft Ziel der Anfeindungen
„Wir hatten bereits gegen Ende der vergangenen Saison eine besonders große Welle des Hasses erlebt, als beispielsweise unser Kapitän Jackson Irvine mit einer Regenbogen-Fahne auf unserer Meisterfeier aufgetreten war“, berichtet Medienchef Patrick Gensing der MOPO. „Entsprechende Fotos auf Social Media wurden mit Hunderten homo- und transfeindlichen Kommentaren geflutet.“
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Damit nicht genug: Nach der Vertragsverlängerung von Irvine vor Saisonbeginn „mussten wir ein großes Medium bitten, die Kommentarfunktion zu schließen, da es so viele und krasse Hass-Kommentare gab.“ Weil sich Irvine gerne mal die Haare färbt oder Fingernägel schwarz lackiert. Auch die vereinseigenen Kanäle werden geflutet. „Wir kommen auch kaum hinterher, entsprechende Kommentare zu löschen.“
Größere Bühne, größere Aufmerksamkeit. Je heller das Rampenlicht desto dunkler die Schatten und finsterer die Gestalten in den Untiefen der digitalen Netzwerke, bewaffnet mit einem Endgerät.
Das spürt der FC St. Pauli insbesondere im Zuge der immensen Steigerung seiner globalen Social-Media-Reichweite durch Kooperationen mit DFL International oder Berichterstattung des Instagram-Channels 433, eines großen Players mit rund 75 Millionen Abonnenten. Dort wurden Reels mit Irvine und Eric Smith in der Kommentarspalte gefeiert, aber es wimmelte auch vor spöttischen und beleidigenden Kommentaren, zumeist homophob.
St. Pauli geht rechtlich gegen Hatespeech vor
„Wenn ich solche Kommentare lese, wird mir schlecht“, sagt Tanja Rieckmann-Mekhchoun. „Es ist krass, dass sich so viele Leute vom Regenbogen oder den Werten, für die unser Verein steht, provoziert fühlen. Auch Leute, die uns gar nicht kennen. Die lehnen ja nicht uns als Fußballverein ab, sondern das, wofür der FC St. Pauli sonst steht. Aber wie kann man Toleranz, Offenheit oder Antifaschismus ablehnen – und auch noch mit Hass begegnen?!“
Der Kiezklub lässt die Anfeindungen nicht auf sich sitzen. „Wir gehen auch gegen Hatespeech vor – beispielsweise durch Sperrungen oder rechtliche Schritte“, sagt Gensing. Letzteres betrifft vor allem Drohungen oder Aufrufe zur Gewalt gegen Vereinspersonal.
Der Hass kommt dabei nicht nur aus einer Richtung. „Wir treten für Humanität und Diversität ein – und werden deswegen zum Feindbild von Rechtsextremen und religiösen Fanatikern“, so Gensing.
Klein beigeben oder zurückhaltender auftreten, kommt für den Verein nicht infrage, im Gegenteil. „Wir sind noch lange nicht am Ziel, was die Gleichstellung von LGTBQI*-Personen betrifft“, findet Luise Gottberg, Vizepräsidentin des FC St. Pauli. „Solange es Anfeindungen und rechtliche Ungleichheiten gibt, werden wir die Regenbogenfahne öffentlich immer wieder hissen.“ Generell sei „Sichtbarkeit in dieser Diskussion ein wichtiger Punkt“, denn: „Bei uns sind Regenbogen-Symbole und -Fahnen normal. Anderswo stoßen sich Menschen daran. Daher ist eine Normalisierung des Regenbogens so wichtig.“
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Der Kiezklub will aktiv und dabei laut bleiben. „Als FC St. Pauli werden wir uns nicht einschüchtern lassen, sondern weiterhin offen für diese Werte eintreten“, kündigt Gensing an. „Wir wollen unsere Reichweite nutzen, um Sichtbarkeit für wichtige Themen zu schaffen – auch und gerade in der Bundesliga.“