„Frust an Wolfsburgern auslassen“: Kann St. Pauli auf die Bayern zählen?

Bayern-Stürmer Harry Kane fasst sich enttäuscht an den Kopf
Frust und Trauer: Bayern-Torjäger Harry Kane nach dem K.o. im Champions-League-Halbfinale gegen Paris

Wochenlang haben sie beim FC St. Pauli fast gebetsmühlenartig betont, den Klassenerhalt trotz einer immer länger werden Serie von Spielen ohne Sieg nach wie vor in der eigenen Hand zu haben. Das lag in erster Linie an den Misserfolgen der Konkurrenz. Aber mit dem Klassenerhalt in der eigenen Hand ist es wie mit einem Stück Schokolade in der eigenen Hand: wenn man einfach nichts damit macht und wartet, dann schmilzt das Gute dahin und am Ende gibt es eine ziemliche Schweinerei. Jetzt sind die Kiezkicker nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf andere angewiesen. In diesem Fall: den FC Bayern. Eine Bank in Sachen Schützenhilfe? Aus München gibt es Signale, die den Hamburgern Sorgen machen dürften. Wird das Pokalfinale zum Problem für St. Pauli?

Während der Vorletzte vom Kiez am Samstag beim favorisierten Tabellendritten RB Leipzig antritt (15.30 Uhr), der rund um sein Heimspiel übrigens im großen Stil das zehnjährige Jubiläum des Bundesliga-Aufstiegs feiert, empfängt der Endgegner der Braun-Weißen im Klassenkampf, der Tabellen-16. VfL Wolfsburg, bekanntlich den Rekordmeister und auch neuen Deutschen Meister im später beginnenden Topspiel (18.30 Uhr). An der nicht zeitgleichen Ansetzung hatte es Kritik gegeben.

Alexander Blessin hofft auf Sieg von Bayern in Wolfsburg

Die Braun-Weißen und die „Wölfe“ sind zwei Spieltage vor Saisonende punktgleich (26) und der VfL hat aufgrund des um drei Treffer besseren Torverhältnisses die Nase knapp vorn. Von der reinen Papierform her wird es für beide Klubs an diesem Spieltag Niederlagen setzen, möglicherweise deutliche, bevor St. Pauli und Wolfsburg dann eine Woche später im Saisonfinale am Millerntor aufeinandertreffen – mutmaßlich im ultimativen Duell um die Relegation. Aber was ist die Papierform in dieser Phase der Saison schon wert?

Natürlich schauen die Kiezkicker nach ihrem eigenen Spiel in Leipzig auf Wolfsburg, was Trainer Alexander Blessin gar nicht erst abstreiten wollte. Klar ist, dass er auf die Bayern baut, die das Halbfinal-Aus in der Champions League gegen Paris Saint-Germain verdauen müssen. „Sie sind sicherlich enttäuscht, was auch nachvollziehbar ist. Die Hoffnung ist, dass sie ihren Frust ein bisschen an Wolfsburg auslassen.“

Wie wirkt bei Bayern das Champions-League-Aus nach?

Noch vor wenigen Wochen wäre wohl jeder fest von einer Niederlage der Wolfsburger am vorletzten Spieltag ausgegangen, die bis Mitte April zwölf Spiele lang sieglos waren und im Hinspiel mit 1:8 förmlich untergegangen waren, aber es haben sich einige Dinge verändert. Schon nach dem vorzeitigen Titelgewinn in der Liga war bei den Münchnern ein Spannungsverlust und veränderter Fokus zu sehen, der auch mit den anstehenden Königsklassen-Krachern gegen PSG zu tun hatte und zu einem knappen 4:3-Sieg gegen Mainz (nach 0:3-Pausenrückstand) sowie einem 3:3 gegen Schlusslicht Heidenheim geführt hatte. Der Halbfinal-K.o. dürfte auch nicht folgenlos sein.

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Tränen bei Harry Kane und anderen Bayern-Profis nach dem Remis im eigenen Stadion gegen den Titelverteidiger, dazu nachvollziehbare Wut über mindestens fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen. Die Bayern haben emotionale Tage hinter sich und stecken möglicherweise noch immer im Psycho-Tief.

Kompany und die Rotations-Taktik für das DFB-Pokalfinale

Völlig unklar ist deshalb, in welcher körperlichen und vor allem mentalen Verfassung der eigentlich haushohe Favorit nach dem schmerzhaften Königsklassen-Ende in der Volkswagen Arena antritt und aufspielt – und auch in welcher Formation gegen die aufstrebenden „Wölfe“, die zuletzt einen Sieg und zwei Remis verbuchen konnten und ums sportliche Überleben kämpfen.

„Es ist meine Rolle vorzuleben, wie wir reagieren müssen. Die Motivation für das, was noch kommen kann, überwiegt“, betonte Bayern-Coach Vincent Kompany bei der Pressekonferenz am Freitag vor dem Spiel und das klingt erst einmal gut in den Ohren aller St. Paulianer. Aber mit dem, was kommen kann, meint der belgische Coach nicht das Wolfsburg-Spiel, sondern das DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart am 23. Mai und das mögliche Double.

Bayern ohne Topstars in Wolfsburg? „Frische“ entscheidet

Deshalb werde er am letzten Spieltag gegen den 1. FC Köln die Bestbesetzung auf den Platz schicken, als Generalprobe, kündigte Kompany an. „Für das Spiel habe ich den Gedanken, dass wir den Rhythmus wegen des Pokalfinals behalten wollen.“

Und in Wolfsburg? Nach Kompanys Logik wäre das nächste Spiel das beste, um den müden und frustrierten Superstars eine Pause zu gönnen. Er werde nach dem Kriterium „Frische“ entscheiden, kündigte der FCB-Coach an, denn seine Spieler haben „am Mittwoch ganz spät gespielt, sehr intensiv, haben wenig Erholung“. Eine Bayern B-Elf ist immer noch ein hochklassiges Team, aber die Spiele gegen Mainz und Heidenheim haben gezeigt, dass die durchrotierte Formation schwächer spielt.

Kompany verspricht, dass Bayern die nötige Spannung hat

Die Vorbereitung auf Wolfsburg werde genauso intensiv und akribisch sein wie auf PSG, versicherte Kompany. Er wisse, dass es für den Gegner um alles gehe und der VfL darauf hoffe, dass der Favorit die Partie mit weniger Spannung angehe, aber „keine Chance!“, betonte der Bayern-Coach. Die für ein solches Duell nötige Spannung werde sein Team „leben in dieser Vorbereitung und das ist die einzige Priorität“.

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Es wäre überraschend, wenn Kompany seine Bestbesetzung ins Rennen schickt. Sicher verzichten müssen wird er auf Alphonso Davies, der sich gegen Paris abermals eine Muskelverletzung zugezogen hat. Abgesehen von dem Linksverteidiger ist die Frage eher, wie umfangreich eine Rotation ausfällt und wie die „B-Elf“ auftritt, denn das Aus in der Champions League dürfte auch die Reservisten mitgenommen haben. Eine Trotz-Reaktion ist ebenso denkbar. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass in der Liga vieles bis alles möglich ist. Insofern gilt für St. Pauli nicht nur bei den eigenen Spielen, sondern auch in puncto Schützenhilfe das Prinzip Hoffnung.