Ex-St. Pauli-Trainer Frontzeck über sein Herz für den Kiezklub und eine schwere Zeit
Der letzte Besuch seiner früheren Wirkungsstätte, dem Millerntorstadion, ist schon lange her. Eine gefühlte Ewigkeit, sagt Michael Frontzeck. So lange, dass er sich gar nicht mehr genau daran erinnert, wann das war. Zu lange, räumt er ein. Eine baldige Rückkehr ist angedacht und lohnt sich, denn bei seinem ehemaligen Verein wird seit dieser Saison endlich wieder erstklassiger Fußball gespielt. Zunächst kommt aber der FC St. Pauli zu Besuch, in seine Heimat: Mönchengladbach. Geburtsstadt und längst wieder Lebensmittelpunkt. In der MOPO erinnert sich Frontzeck an seine Zeit beim Kiezklub und ungewöhnliche Zustände, spricht über die heutigen Kiezkicker und verrät, warum es ruhig um ihn geworden ist und wie es um seine Zukunft als Trainer steht.
Das Timing für den Besuch der Braun-Weißen: naja. „Es ist nicht der günstigste Zeitpunkt für St. Pauli, um nach Mönchengladbach zu kommen“, sagt Frontzeck im Hinblick auf die Partie am Sonntag im Borussia-Park und meint es sportlich: „Die Gladbacher haben acht Punkte aus den letzten vier Spielen geholt und einen großen Schritt gemacht, nachdem zuvor dort etwas Unruhe geherrscht hat.“ Der 60-Jährige ahnt: „Das wird eine schwierige Aufgabe für St. Pauli – aber keine unmögliche.“
Michael Frontzeck freute sich über den St. Pauli-Aufstieg
Uneingeschränkt klasse findet Frontzeck, dass es überhaupt zu diesem Duell seiner Ex-Klubs kommt – in Liga eins. „Ich habe mich sehr über den Aufstieg von St. Pauli gefreut. Er war absolut verdient. Sie haben guten Fußball gespielt und über weite Strecken dominiert in einer sehr engen und schwierigen Liga. Das war eine große Leistung. Da hat der ganze Verein einen tollen Job gemacht.“
Frontzeck, von Oktober 2012 bis November 2013 Trainer bei St. Pauli, verfolgt die Bundesliga interessiert und hat auch schon einige Spiele der Kiezkicker gesehen, im TV. Sein Fazit nach dem braun-weißen Saisonstart mit acht Punkten aus zehn Spielen: „Es ist alles im Soll, alles okay.“ Als Aufsteiger sei es vor allem wichtig, in allen Partien drin und nicht regelmäßig deutlich unterlegen zu sein. „Sie haben eigentlich in jedem Spiel die Chance gehabt, etwas mitzunehmen. Allerdings bewegen sie sich auch in einem Bereich, wo ein Spiel fast perfekt laufen muss, um zu punkten.“
Den aktuellen 16. Platz der „Boys in Brown“ hält der frühere Bundesliga-Profi und Nationalspieler nicht für besorgniserregend. „Es sind noch so viele Spiele zu spielen und es fließt noch verdammt viel Wasser die Elbe herunter“, sagt er mit einem Grinsen. „St. Pauli hat noch viele Chancen und wird noch einige Punkte holen und Siege einfahren.“
Traut er den Kiezkickern den Klassenerhalt zu? „Es wird schwer. Sie können es schaffen. Aber dafür muss alles passen.“ Frontzeck wünscht St. Pauli jedenfalls, in der Liga zu bleiben. „Ein zweites Jahr Bundesliga würde dem Verein sehr guttun in seiner Entwicklung, gerade auch, was die TV-Gelder angeht, die ja ein enormer Faktor sind.“
Frontzeck erlebte beim FC St. Pauli eine schöne Zeit
Die Sympathie für den Kiezklub ist nicht zu überhören. Frontzeck hat noch immer ein Herz für St. Pauli, wenngleich das Ende unrühmlich war und der Sympathieträger aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dem damaligen Sportchef Rachid Azzouzi und Präsident Stefan Orth vorzeitig gehen musste. Es gab unterschiedliche Auffassungen über die sportliche Ausrichtung. Es kam zum Bruch und der Verein stellte ihn frei. Groll hegt Frontzeck nicht. Nicht mehr. Die Sache ist ohnehin verjährt.
„Es war eine sehr schöne Zeit bei St. Pauli“, blickt er zurück. „Toller Verein, wunderschönes Stadion, fantastische Fans.“ Der Klub habe sich in den vergangenen gut zehn Jahren „enorm verändert“. Er meint das positiv. „Als ich dort angefangen habe, stand das Gebäude auf dem Trainingsgelände noch gar nicht. Da haben wir uns in Containern umgezogen, das war schon abenteuerlich. Auch das Millerntorstadion war da zeitweise eine Baustelle. Es hat sich seitdem vieles sehr gut entwickelt bei St. Pauli. Da sind kluge Leute am Werk.“
Der Draht zum Kiezklub ist allerdings abgerissen – endgültig mit der Beurlaubung von Timo Schultz im Dezember 2022, der zu Frontzecks Zeit als Chefcoach von St. Pauli dessen Co-Trainer war. „Zu Schulle hatte ich immer mal wieder Kontakt und habe ich bis heute ab und zu“, erzählt er. „Jetzt ist ja niemand mehr da, den ich noch aus meiner Zeit bei St. Pauli kenne.“ Das klingt nicht klagend oder vorwurfsvoll. Es sei einfach der Gang der Dinge nach einer so langen Zeit – insbesondere im schnelllebigen Fußballgeschäft.
In Gladbach ist Frontzeck nur selten im Stadion zu Gast
Das gilt auch für seinen Heimatklub, dem Frontzeck zwar verbunden ist, sich aber auch nicht aufdrängt und nicht als Dauergast bei Heimspielen auf der Tribüne oder in einer Loge hockt. „Ich bin selten im Borussia-Park“, berichtet er. Es klingt nach einer gesunden Distanz. Dabei geht mehr Vereinsnähe kaum.
Frontzeck ist in Mönchengladbach geboren, aufgewachsen, hat bei der Borussia einst sein Profidebüt gegeben – und später auch sein letztes Profispiel gemacht. Schon sein Vater Friedhelm, der im Februar 2024 verstarb, spielte für die Borussia. Nach seiner erfolgreichen aktiven Karriere war Frontzeck Junior zunächst als Co-Trainer von Hans Meyer und einem gewissen Ewald Lienen bei den „Fohlen“ tätig sowie von 2009 bis 2011 Chefcoach – sein Ende dort wurde übrigens durch eine Niederlage gegen St. Pauli besiegelt.
Seiner Stadt ist der sehr bodenständige Fußballfachmann immer treu geblieben, hat vor rund 20 Jahren mit Ehefrau Annette ein Haus in Mönchengladbach gebaut, das seitdem das familiäre Hauptquartier ist, wenngleich er sich bei seinen verschiedenen Trainer-Engagements immer eine Wohnung in der jeweiligen Stadt genommen hat. Besonders gut gefallen hat es beiden in der Hansestadt. „Meine Frau und ich mögen Hamburg sehr. Für uns ist es die schönste Stadt in Deutschland.“
Auch nach seinem Aus bei St. Pauli waren beide immer mal wieder in Hamburg zu Besuch, weil Sohn Tim einige Jahre in der hiesigen Gastronomie als Koch arbeitete, unter anderem für Tim Mälzer und beim Spitzenrestaurant Haebel. Mittlerweile ist der Sohnemann in heimatliche Gefilde zurückgekehrt. „Es wird mal wieder Zeit, Hamburg zu besuchen“, findet Frontzeck im Gespräch mit der MOPO, „und vielleicht auch mal wieder ans Millerntor zu gehen.“
Michael Frontzeck offenbart erstmals schwere Krankheit
Wenn nicht doch noch mal ein Trainerjob dazwischenkommt. Es ist ruhig geworden um ihn, seit er 2022 nach einer Saison als Co-Trainer beim VfL Wolfsburg (von Mark von Bommel, anschließend Florian Kohfeldt) auf eigenen Wunsch seinen Vertrag auflösen ließ.
Die Hintergründe kamen nie an die Öffentlichkeit. Bis jetzt. „Ich hatte eine schwere Krankheit, die mich da ausgebremst hat und zu einer Pause gezwungen hat“, erzählt Frontzeck, ohne Details nennen zu wollen. „Das war eine größere Sache, die aber überstanden ist. Ich hatte Glück.“ Will er denn überhaupt noch mal auf der Trainerbank sitzen? „Wenn was kommt, was mich interessiert, dann höre ich mir das an“, sagt Frontzeck, dessen letzter Cheftrainer-Job (Kaiserslautern) schon sechs Jahre zurückliegt, so unaufgeregt, wie es seine Art ist. „Es muss aber nicht zwingend sein. Es ist okay, wie es ist. Mir fehlt nichts.“
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Die Lust auf Fußball ist aber ungebrochen. Eigentlich wollte er das Spiel am Sonntag zu Hause schauen. Er hat es sich anders überlegt. „Ich gehe doch ins Stadion. Ich habe St. Pauli so lange nicht live gesehen, da kann ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen.“