FC St. Pauli
Ex-St. Pauli-Star Hauke Wahl: Darum bin ich nach Wolfsburg gewechselt
Hauke Wahl verlässt den FC St. Pauli und wechselt zum VfL Wolfsburg. Im großen MOPO-Interview erklärt er die Gründe für den Wechsel und blickt auf drei „super schöne“ Jahre zurück.
Er ist dann mal weg. Für viele Menschen, die es mit dem FC St. Pauli halten, schien ein Abgang von Hauke Wahl trotz des Sturzes in die 2. Liga undenkbar. Doch das hielt den 32-Jährigen nicht davon ab, sich Mitabsteiger VfL Wolfsburg anzuschließen. Mit den Wölfen startete der Innenverteidiger am Mittwoch in die Vorbereitung. Zuvor nahm er sich noch Zeit für ein Gespräch mit der MOPO – über seinen Abschied, die Gründe für den Wechsel und seine schönsten Momente beim Kiezklub.
MOPO: Herr Wahl, waren Sie erleichtert, dass ihr Transfer nach vielen Wochen der Spekulationen endlich durch war, damit Klarheit herrschte?
Hauke Wahl: Auf jeden Fall. Es hat sich irgendwann so ein bisschen gezogen. Der Moment, wo die Vereine sich dann einigen, ist natürlich schön. Auch der Moment, wo man den Medizincheck hat, dann natürlich auch die Vertragsunterschrift. Und wenn es öffentlich ist, dann prasselt schon viel auf einen ein. Diese Themen versucht man dann in den ersten Tagen so ein bisschen zu sortieren. Viele Nachrichten, viele Antworten, viele Telefonate, viele Leute, die sich einfach mit einem freuen. Und das ist alles sehr schön, weil es zeigt, dass ich sehr viele tolle Menschen um mich herum habe. Aber auf der anderen Seite bin ich auch froh, wenn es in den nächsten Tagen wieder ein bisschen ruhiger ist und ich mich dann wieder auf die normalen Sachen konzentrieren kann.
Wahl vermied Feedback aus der St. Pauli-Gemeinde
Wie war denn das Feedback generell, zum Beispiel aus dem Kreis der St. Pauli-Fangemeinde?
Ich habe es vermieden, mir das bei Instagram genau anzuschauen. Ich glaube schon, dass viele das verstehen und sich wahrscheinlich auch für mich freuen, aber es natürlich immer welche gibt, die das nicht so toll finden. Und da bin ich schon ein Typ, der sich dann eher Gedanken macht über die paar Stimmen, die es nicht so gut finden.
Aber unterm Strich wird immer stehen, dass es großartig gepasst hat zwischen Ihnen und dem FC St. Pauli.
Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass die letzten drei Jahre sehr schön waren und dass der Verein eine gewisse Bedeutung für mich bekommen hat. Mir ist die Meinung der Leute von dort nicht unwichtig, und deswegen ist es ein bisschen besser für mich, mich davon abzuschotten. Aber ja, ich hoffe, dass jeder sieht, was wir in den letzten drei Jahren erreicht haben. Auch wenn es sportlich kein schönes Ende gab.
Wie war denn jetzt eigentlich tatsächlich der chronologische Ablauf des Wolfsburger Werbens? Das Interesse war ja seit Ende März, Anfang April publik. Wie sind Sie damit umgegangen?
Tatsächlich erst mal gar nicht. Ich weiß gar nicht, ob sie in der Zeit auch schon Kontakt zu meinem Berater aufgenommen haben. Aber ich arbeite ja schon ein bisschen länger mit meinem Berater zusammen und wir haben es immer so gemacht, dass wir gewisse Themen erst am Ende der Saison auf den Tisch bringen, damit ich mich voll und ganz auf die Saison fokussieren kann. Als mein Vertrag in Kiel ausgelaufen ist, war es natürlich eine andere Geschichte. Deswegen hat mich ich das überhaupt nicht beschäftigt, weil es solche Gerüchte immer mal wieder gibt.
Entscheidung für den Wechsel fiel erst nach Saisonende
Also haben Sie tatsächlich erst nach dem 1:3 gegen Wolfsburg im letzten Saisonspiel die Sachen intensiviert?
Ja. Ich habe mich dann mit meinem Berater getroffen, er hat die Dinge auf den Tisch gelegt und es waren ein paar Optionen dabei, die sehr interessant waren. Zum Beispiel die vom VfL, damals noch unabhängig von der Liga, weil es relativ nah am Ende der Saison war. Und dann sind irgendwann die Gespräche losgegangen.
Wenn Sie sagen, dass mehrere interessante Sachen dabei waren: Hätten Sie sich völlig losgelöst vom Wolfsburger Interesse mit einer Veränderung auseinandergesetzt?
Ja, der Gedanke ist irgendwann gereift, etwas Neues machen zu wollen. Aus verschiedenen Gründen. Die letzten drei Jahre waren super schön, aber das letzte Jahr war auch super intensiv, sehr kräftezehrend. Und ich bin schon auch ein Spieler, der dann immer mal wieder eine Veränderung braucht, um so ein bisschen aus seiner Komfortzone herauszukommen. Natürlich nicht auf Teufel komm raus, ich hätte jetzt nicht jedes x-beliebige Angebot angenommen. Es muss auf jeden Fall passen.
All das beißt sich sehr mit der lange Zeit vorherrschenden Wahrnehmung von außen, Sie würden bis ans Karriereende am Millerntor bleiben. Und danach eine andere Funktion im Verein übernehmen. War das nie Thema?
Doch, auf jeden Fall! Vor sechs Monaten habe ich auch noch nicht gedacht, dass im Sommer hier Schluss sein könnte. Aber Dinge und Gefühle entwickeln sich einfach irgendwann. Nach Ende der Saison ist mir in den Gesprächen mit meinem Umfeld klar geworden: Wenn was Gutes kommen sollte, dann sollte man sich damit auf jeden Fall befassen. Das starke Interesse vom VfL hat das alles noch mal beschleunigt. Aber wie gesagt, ich hätte mir das andere auch lange vorstellen können.
Wahl behält den FC St. Pauli in sehr guter Erinnerung
Was ist denn kaputt- oder verlorengegangen im letzten halben Jahr beim FC St. Pauli, dass sich Ihre Gedanken in diese Richtung bewegt haben?
Da ist nichts kaputtgegangen, überhaupt nicht. Auch jetzt kann ich nichts Negatives über die Mannschaft sagen. Es war ein Privileg, mit diesen Jungs zu spielen, die Kabine zu teilen. Wir hatten echt viele schöne Momente. Selbst in der letzten Saison hatten wir echt ein tolles Team, gerade was den Zusammenhalt betrifft. Und es hat auch gar nichts mit dem Verein zu tun, sondern das ist einfach das Gefühl gewesen, noch mal etwas Neues zu brauchen im Herbst meiner Karriere, wie man so schön sagt.
War es denn für Ihre Familie okay, dass Sie Hamburg verlassen wollen?
Natürlich ist die Familie, und damit meine ich auch meine Eltern und meinen Bruder, in diese Entscheidung mit einbezogen. Das ist keine Entscheidung, die ich allein treffe. Und deswegen stehen alle dahinter, wenngleich auch gerade meine Eltern und mein Bruder traurig sind, dass sie nicht mehr jede zweite Woche mit ans Millerntor kommen können.
Sie werden künftig quasi für den FC Bayern der 2. Liga auflaufen, alle Gegner werden den VfL Wolfsburg schlagen wollen ...
Ja, und das ist etwas, was mich auch sehr gereizt hat. Als ich damals zu St. Pauli gekommen bin, war ich vielleicht nur noch ein kleines fehlendes Puzzleteil in einer Mannschaft, die ja eh schon gut funktioniert hat, mit einem Trainer, mit dem es perfekt lief. Und es hat ja keiner erwartet, dass wir aufsteigen, dieser Druck war nicht da. Das ist jetzt einfach ganz anders. Und das ist ein Druck, auf den ich mich freue, mit dem umgehen zu müssen, weil ich genau das in meiner Karriere noch nicht gehabt habe.
Wolfsburg peilt den direkten Wiederaufstieg an
Hauke Wahl, Robert Glatzel, Fabian Reese, Elvis Rexhbecaj – sieht so aus, als würden die Neuzugänge und der Kader die Erwartungshaltung rechtfertigen.
Ich freue mich darauf, in einer Mannschaft zu spielen, die sehr viel Qualität hat. Und der Verein ist im Umbruch. Da etwas aufbauen zu dürfen, dabei zu helfen, dass es hier wieder eine positive Stimmung gibt, dass es hier wieder in eine andere Richtung geht, ist einfach sehr, sehr interessant und auch einer der wichtigen Gründe, warum ich mich für den Wechsel entschieden habe. Zuzüglich zu den ganzen Bedingungen, die ich hier vorfinde, die auch noch mal auf einem ganz anderen Level sind, als ich sie aus meiner Karriere kenne.
Sie werden sich nicht einmischen wollen, aber was muss denn beim FC St. Pauli passieren, um da wieder eine positive Stimmung zu erzeugen?
Stimmt, ich will mich nicht einmischen. Es wäre vermessen, darüber zu urteilen, was da jetzt passieren wird. Ich kann nur sagen, dass Marcel Rapp ein sehr guter Trainer ist, dass er auf jeden Fall eine Mannschaft formen wird, die gut spielen wird. Das ist natürlich ein Umbruch, aber der birgt auch nicht nur Risiko, sondern vor allem auch eine Chance. Und gerade Marcel hat das ja schon mal gemacht in Kiel, als damals viele Führungsspieler gegangen sind und er im Jahr darauf aufgestiegen ist. Er kann so eine Situation meistern.
Bei wem außer dem eng mit Ihnen befreundeten David Nemeth wird es Ihnen im Herzen wehtun, dass Sie ihn fortan nicht mehr täglich sehen werden?
Oh, das ist schwierig, weil sich sicher Leute beschweren werden, dass ich Namen nicht genannt habe. Aber klar ist es Ben Voll, er ist gerade im letzten Jahr ein sehr enger Freund geworden. Aber auch aus dem Staff Dominik Körner, Karim Rashwan, Thomas Barth, Freddy Bokelmann. Mit dem Alter kommt man ja eher Richtung Staff, da ist der Altersunterschied kleiner als zu den jüngeren Spielern (lacht). Aber auch Lena Gruninger oder Hannes Bühler aus der Medienabteilung, zu denen hatte ich auch immer einen guten Draht. Ich habe mit Sicherheit jemanden vergessen, aber es sind auf jeden Fall sehr, sehr viele Menschen, die ich vermissen werde, mit denen ich eine sehr schöne Zeit und sehr viel Spaß hatte, aber auch sehr viele tolle Gespräche. Das werde ich auf jeden Fall vermissen.
Sie sind bereits M+ Abonnement?