Ex-Nationalstürmer erklärt: Darum ist St. Pauli so harmlos
Der Mann ist vom Fach, daran dürfte wohl niemand irgendwelche Zweifel hegen. Satte 295 Spiele hat Nils Petersen in der Bundesliga als Stürmer bestritten, dabei 89 Tore erzielt und 22 vorbereitet. Mittlerweile arbeitet der 37-Jährige als TV-Experte bei DAZN und bekam dabei auch schon mehrfach den FC St. Pauli zu sehen, unter anderem am vergangenen Sonntag beim 1:2 gegen Mainz. Die MOPO sprach mit dem zweifachen A-Nationalspieler über das Offensivproblem der Hamburger, die Ursachen und das Problem, zeitnah Abhilfe zu schaffen.
„Du hast zu wenig Spieler im Kader oder in der ersten Elf, die dir Tore und Assists generieren oder garantieren“, urteilte Petersen und hieb damit in dieselbe Kerbe wie andere ehemalige Profis oder Trainer. Christoph Kramer hatte zwar unlängst gelobt, wie sich St. Pauli bis ins letzte Drittel durchspiele, „aber dann kommt halt nichts“. Ewald Lienen hatte wiederum sein Unverständnis darüber geäußert, dass es keine Außenstürmer mehr im Kader gebe.
St. Pauli-Flügelspieler zeigen zu wenig Wirkung
Letzteres führte auch Petersen an, wenngleich in anderem Wortlaut. „Wenn du mit einer Dreierkette spielst, müssten die Außenbahnspieler ja eigentlich hoch und runter schnurren und Torbeteiligungen haben“, sagte er. „Aber Lars Ritzka oder Arkadiusz Pyrka, die gegen Mainz dort agiert haben, sind eher Spieler, die defensiv ihre Qualität haben und nicht für eine vorzeigbare Quote stehen.“ Flanken aus dem Halbfeld seien bei St. Pauli kaum zu sehen. Zudem sei die offensive Reihe mit Danel Sinani und Joel Chima Fujita sowie der einzigen Spitze Andréas Hountondji halt keine mit ausgewiesenem Torjäger. „Hountondji hat seit Monaten nicht getroffen, Fujita nur ein Saisontor“, listete Petersen auf. Sinani stehe zwar bei fünf, „aber da waren auch drei Elfmeter dabei“.
Der Luxemburger ist aber noch aus einem anderen Grund ein Paradebeispiel für Petersen, woran es hapert bei St. Pauli und warum das alles hochkomplex ist. „Die Dreierkette ist nicht die schnellste, parkt darum gern mal ein bisschen tiefer. Und dann muss ein Sinani 20, 25 Meter vor dem eigenen Tor rumlaufen, was 15 andere Spieler aus dem Kader besser könnten. Und ihn brauchst du eigentlich im vorderen Drittel für die besonderen Momente.“
Petersen macht ein Irvine- und Hountondji-Problem aus
In der Summe sei es einfach „zu wenig Offensivpower“, zumal Jackson Irvine weiterhin bei null Erstliga-Toren steht und Hountondji eigentlich „ein Konterstürmer“ sei: „Aber der muss so viel Arbeit gegen den Ball leisten, dass er in den Umschaltmomenten keine Körner mehr hat“, analysierte Petersen. „Er hat kaum Bälle am Fuß im letzten Drittel, dass er mit dem nächsten Kontakt zum Abschluss kommen kann.“
Lange Rede, kurzer Sinn: „Es rumort in der Offensive, auch im Zusammenspiel“, hat Petersen festgestellt, auch wenn es in der zweiten Halbzeit gegen Mainz besser geworden sei. „Mit den zwei Spitzen war mehr Leben drin, aber es fehlt unterm Strich ein Brecher für vorne.“ Den zu bekommen, dürfte sich bei Behalt der taktischen Herangehensweise auch für die Zukunft schwierig gestalten, prognostiziert der Olympia-Silbermedaillengewinner von 2016: „Wenn ich Zielspieler bin, überlege ich dreimal, wie ich meine sieben, acht, neun Tore schießen will, bevor ich dahin gehe.“
Petersen: St. Pauli fehlt im Angriff ein Ausnahmekönner
Und analog zu Lienen merkt Petersen an, dass St. Pauli den Verlust von Spielern wie Elias Saad, Noah Weißhaupt oder vor allem Philipp Treu nicht habe auffangen können. „Das war schon Qualität. Und zurzeit hast du eben nicht die Unterschiedsspieler im Kader.“ Was wiederum natürlich auch die Mannschaft mitschneide. „Du lebst ja in der Kabine schon davon, gerade in der Crunchtime der Saison, dass du den Glauben an zwei, drei Spieler hast, die die Fahne hochhalten“, erklärte Petersen. Das fehle bei St. Pauli momentan. „Wenn ich zum Beispiel einen Christian Eriksen in Wolfsburg sehe, das ist dann schon etwas anderes. Der fährt sich dann hoch, der nimmt das Heft in die Hand.“
Klingt insgesamt alles wenig vielversprechend, was die nahe Zukunft angeht. „In Leipzig geht man auf Torverhinderung, wahrscheinlich würde man ein 0:1 oder 0:2 unterschreiben“, mutmaßte der langjährige Freiburger. „Und dann hoffst du, dass die Bayern was in Wolfsburg machen. Aber dann musst du das letzte Spiel immer noch gewinnen.“
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Genau da braucht Petersen aber Fantasie, wie das gelingen soll, auch wenn er sagt: „Ich drücke St. Pauli die Daumen. Ich nehme sie auch in Schutz, denn der Kader ist von der Qualität her nun einmal Platz 16 oder 17. Und es ist ja verrückt, zumindest für die Relegation reicht vermutlich schon ein Sieg.“