Martijn Kaars, Karol Mets, Mathias Rasmussen und Manolis Saliakas feiern St. Paulis Heimsieg gegen Stuttgart.

Martijn Kaars, Karol Mets, Mathias Rasmussen und Manolis Saliakas (v.l.) feiern St. Paulis Heimsieg gegen Stuttgart. Foto: IMAGO/Steinsiek.ch

Hurra, sie leben noch! Erschöpftes St. Pauli holt „wahnsinnig wichtigen Sieg“

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Mit dem Rücken zur Wand, von Ausfällen gebeutelt, seit Wochen ohne Sieg und tief im Tabellenkeller. Unter den denkbar schlechtesten Vorzeichen hat die Mannschaft des FC St. Pauli eines ihrer besten Spiele der Saison gemacht. Gegen Spitzenklub VfB Stuttgart gelang den Kiezickern mit einem leidenschaftlichen und auch fußballerisch starken Auftritt ein verdienter 2:1 (1:0)-Sieg, mit dem sie neue Hoffnung im Klassenkampf schöpfen und sich ans rettende Ufer herankämpfen. Ist dieser unwahrscheinliche Coup und erste Dreier des neuen Jahres eine entscheidende Wende?

Eine Jubel-Explosion beim Abpfiff. Während die Zuschauenden im ausverkauften Millerntor-Stadion aufsprangen, tanzten, Fäuste in den Regenhimmel reckten, sich umarmten, ihre Freude herausbrüllten, sanken die meisten Spieler der Braun-Weißen völlig entkräftet zu Boden. Erschöpfung, Freude und auch Erleichterung. Endlich ein Sieg. Endlich diese verdammten drei Punkte, die es braucht, um noch aus der Abstiegszone zu kommen.

„Das ist ein wahnsinnig wichtiger Sieg“, freute sich Kapitän Jackson Irvine, der bei seinem Startelf-Comeback den Schmerzen getrotzt und eine überragende Leistung geboten hatte. „Ich bin sehr stolz auf jeden einzelnen, gerade nach den Ausfällen in dieser Woche. Wir glauben immer an uns.“

Nur noch zwei Punkte auf Bremen und Wolfsburg

Hurra, wir leben noch! Das schien die Botschaft nach dem Abpfiff und zuvor sieben Pflichtspielen ohne Sieg.

St. Pauli meldet sich zurück, ist wieder dran. Mit dem Erfolg stockten die Hamburger ihr Punktekonto auf 17 auf. Zwar bleiben sie in der Tabelle Vorletzter, aber Schlusslicht Heidenheim liegt schon vier Zähler dahinter und die Ränge 16 (Bremen) und 15 (Wolfsburg) sind nur noch zwei Punkte entfernt.

Großes Kompliment nach fünf Ausfällen

„Wir sind froh und glücklich, dass wir uns endlich nach einer guten Leistung belohnt haben“, bilanzierte ein sichtlich erleichterter und auch stolzer Trainer Alexander Blessin. „Ich lamentiere normalerweise nie, aber nach all den Ausfällen war nicht unbedingt damit zu rechnen, dass wir was holen. Ich muss der Mannschaft ein großes Kompliment machen.“

Die Kiezkicker hatten wie schon unter der Woche im DFB-Pokal-Viertelfinale in Leverkusen (0:3) ohne Abwehrchef Hauke Wahl und Defensiv-Stratege Eric Smith auskommen, sondern auch auf den bei Bayer verletzten Ricky-Jade Jones und die angeschlagenen Joel Chima Fujita und Mathias Pereira Lage verzichten, die beide muskuläre Probleme haben.

„Wir haben die Tore zum richtigen Zeitpunkt gemacht“

Es war eine starke und angesichts der Umstände bemerkenswerte Leistung – von vorne bis hinten. „Wir haben die Tore zum richtigen Zeitpunkt gemacht und unser eigenes Tor gut verteidigt“, fasste Blessin die hochintensiven 96 Minuten zusammen.

St. Pauli feiert den Heimsieg gegen Stuttgart. WITTERS
St. Pauli feiert den Heimsieg gegen Stuttgart
St. Pauli feiert den Heimsieg gegen Stuttgart.

Der so wichtige Führungstreffer war hervorragend herausgespielt. Der überragende Irvine setzte auf der linken Seite den starken Arkadiusz Pyrka in Szene, der in Richtung Strafraum stürmte, im richtigen Moment den Querpass spielte, welchen Danel Sinani gedankenschnell durchließ (auch ohne Ballberührung zwar nicht statistisch, aber faktisch ein Assist), sodass der total freistehende Manolis Saliakas Maß nehmen konnte, das Runde wuchtig und platziert ins Eckige schoss (35.) und das Stadion zum ersten Mal emotional explodieren ließ.

Ein kurioser Elfmeter und ein Fast-Eigentor

Beim vorentscheidenden zweiten Tor war Glück im Spiel, welches den Kiezkickern in den vergangenen Wochen wahrlich selten hold war. Beim Versuch, einen Ball und aus dem Strafraum heraus zu bugsieren, um einen St. Pauli-Angriff endgültig zu klären, schlug der Stuttgarter Führich auf kuriose Weise mutmaßlich ohne Absicht auf den vor seinem Körper in der Luft befindlichen Ball als wolle er ihn auf den Boden prellen. Nach VAR-Check war klar, dass das allzu offensichtliche Handspiel – anders als zunächst von Schiedsrichter Benjamin Brand entschieden – innerhalb des Sechzehners stattgefunden hatte. Sinani verwandelte den fälligen Elfmeter eiskalt zum 2:0 (55.).

Fortuna auf ihrer Seite hatten die Braun-Weißen auch bereits kurz nach dem Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit, als ein verunglückter Klärungsversuch von Adam Dzwigala an den Pfosten klatschte und das Aluminium ein Eigentor verhinderte (50.), das in der aktuellen Situation der St. Paulianer niemanden hätte verwundern dürfen.

St. Pauli läuft sechs Kilometer mehr als Stuttgart

Es war das Glück des Tüchtigen, das Irvine & Co. auf ihrer Seite hatten. 121,17 Kilometer waren die Hamburger gelaufen, sechs Kilometer mehr als die Gäste, und verzeichneten 15:8 Torschüsse. Zwar war die Zweikampfbilanz negativ (43:57 Prozent), aber der Underdog hatte die entscheidenden Duelle gewonnen und die Schwaben, die nicht gerade ihren besten Tag hatten, über weite Strecken des Spiels erfolgreich aus der Gefahrenzone ferngehalten. Daran änderte auch der späte Anschlusstreffer durch Leweling (90.) nichts, der lediglich die weiße Weste von Nikola Vasilj verhinderte.

St. Paulis drittes Tor war ebenfalls sehenswert, aber nur eines für die Galerie, denn der zweite satte Abschluss von Saliakas ins rechte obere Eck zählte nicht, weil der Ball vor dem Zuspiel des eingewechselten Lars Ritzka bereits im Toraus gewesen war. Es wäre wohl auch zu viel des Guten gewesen an diesem ansonsten nahezu perfekten braun-weißen Tag.


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„Wir wollten unbedingt diese Punkte holen. Dass wir uns mit dem Sieg belohnt haben, das haben wir uns heute auch verdient“, meinte Sinani. „Der Sieg tut richtig gut. Es macht besonders Spaß, wenn wir hier zu Hause einen Sieg holen, mit den Fans im Rücken, es gibt nichts Schöneres.“

Kann dieses Spiel eine Wende sein im Klassenkampf, eine Initialzündung?

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„Wir müssen das versuchen“, sagte Kapitän Irvine und blickte bereits in der Stunde des Sieges voraus. „Jetzt steht uns das Spiel gegen Leverkusen bevor. Es wird also nicht einfacher. Wir glauben immer an uns selbst, und wenn wir am absoluten Maximum spielen, können wir mit jedem Team mithalten.“ Und auch gewinnen. Aber dafür muss nahezu alles passen.

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