Er sorgte für St. Pauli-Wut: Werder-Star über Handspiel und Trainer Thioune
Kein Spieler im Kader des nächsten St. Pauli-Gegners kennt den großen Hoffnungsträger im grün-weißen Klassenkampf – nämlich den neuen Trainer – besser als er. Und kein Profi von Werder Bremen hat in jüngerer Vergangenheit für einen solch denkwürdigen Millerntor-Moment gesorgt und das braun-weiße Blut derart kochen lassen. Grund genug, vor dem wegweisenden Nord-Duell mit Felix Agu (26) zu sprechen.
Wenn er denn so etwas wie Druck und Anspannung vor der Partie des Drittletzten der Tabelle beim Vorletzten verspürt, dann lässt er sich das beim Video-Call mit der MOPO nicht anmerken. Agu wirkt entspannt, gut gelaunt, ist auskunftsfreudig und lächelt viel.
Agu verletzte sich beim Werder-Sieg gegen St. Pauli
Es ginge etwas zu weit, von einer schicksalhaften Verbindung zwischen ihm und dem Kiezklub zu sprechen, aber aus der Luft gegriffen ist das nicht. Beim 1:0-Sieg seiner Bremer im Hinspiel Anfang Oktober hatte sich der Außenverteidiger bei einem unglücklichen Crash mit Martijn Kaars einen Syndesmosebandriss im Sprunggelenk zugezogen, es folgten eine OP und eine monatelange Pause, die auch die Träume des nigerianischen Nationalspielers, beim Afrika Cup teilzunehmen, brutal zerplatzen ließen. Rechtzeitig zum Rückspiel ist Agu wieder topfit, hat gerade erst sein Startelf-Comeback gegeben und sprüht vor Tatendrang.
„Und dann gab es natürlich dieses Hand-Ding …“, kommt Agu von sich aus auf seinen zweiten denkwürdigen St. Pauli-Moment zu sprechen und schmunzelt. Auch dieser war ebenfalls schmerzhaft, allerdings für den Gegner und dessen Anhang – und nicht körperlich.
Im Zweitliga-Aufstiegsrennen im April 2022 hatte der Rechtsfuß im wichtigen Duell am Millerntor in der 58. Minute den Ball mit der Hand durch die Beine von Marcel Beifus bugsiert, war vorbeigezogen und hatte das 1:1 eingeleitet. Gefühlt jeder im Stadion hatte es gesehen, doch die Pfeife von Schiedsrichter Florian Badstübner war stumm geblieben – und auch nach VAR-Intervention hatte der Referee nicht umgeschwenkt. Ganz St. Pauli schäumte und schimpfte, weniger auf den Werderaner als vielmehr auf die Unparteiischen.
Felix Agu versteht den Unmut der St. Pauli-Fans
„Ich konnte den Unmut von St. Pauli verstehen“, sagt Agu rückblickend. „Im Spiel dachte ich wirklich, dass der Ball vom Gegner an meine Hand gekommen ist und nicht von meinem eigenen Fuß. Als der VAR eingeschaltet wurde, habe ich damit gerechnet, dass das Tor zurückgenommen wird.“ Eines ist ihm auch knapp vier Jahre später noch wichtig: „Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es kein absichtliches Handspiel war, weil ich danach im Training ein paarmal versucht habe, das so zu wiederholen, es aber nie geklappt hat“, wie er lachend erzählt. „Das war am Ende glücklich für uns. Das ist eine dieser ungewöhnlichen Aktionen in der Karriere, an die man sich lange erinnert.“
Zurück zur Gegenwart. Werder steckt im Keller, hat seit zwölf Spieltagen nicht mehr gewonnen und die ersten beiden Spiele unter dem neuen Trainer Daniel Thioune verloren. „Es ist nicht zu leugnen, dass die Situation sehr ernst ist“, sagt Agu, der von einem „Sechs-Punkte-Spiel“ spricht, das „mit Blickrichtung auf den Rest der Saison sehr, sehr wichtig ist“.
Nach dem 0:3 gegen München, bei dem er einer der besten Bremer war, sieht Agu die nun anstehende Aufgabe als aussichtsreicher, aber keineswegs als einfacher an. „Es wird ein ganz anderes Spiel als gegen Bayern, aber trotzdem ein schweres Spiel.“ Der Trainerwechsel habe Wirkung gezeigt, wenngleich noch keine Punkte gebracht. „Das, was man sich erhofft, dieser Umschwung, ist eingetreten“, berichtet Agu. „Alle sind noch mal ein Stück schärfer. Daniel hat neue Energie reingebracht.“ Hinzu kämen spieltaktische Veränderungen: „Einiges hat schon gegriffen.“
Thioune war schon beim VfL Osnabrück sein Trainer
Beide verbindet eine gemeinsame Geschichte, die lange zurückreicht. „Ich bin ja mit elf Jahren in die U12 vom VfL Osnabrück gewechselt, wo Daniel U17-Trainer war“, erzählt Agu. „Ich habe dann in der Jugend unter ihm gespielt und er war der Trainer, der mich zum Profi gemacht hat, insofern habe ich ihm sehr, sehr viel zu verdanken. Wir kennen uns gut und ich bin froh, dass er jetzt hier ist.“
Was Thioune auszeichnet? „Er ist in allem, was er tut, sehr authentisch“, beschreibt Agu den 51-Jährigen, der auch schon den HSV coachte (2020 bis 2021). „Das, was er von uns erwartet, lebt er in seiner Rolle vor. Ich weiß, wie akribisch er arbeitet, auch wenn man das vielleicht nicht sieht, wenn er beispielsweise von morgens bis abends im Stadion sitzt und wahrscheinlich die ganze Saison aufarbeitet, um uns bestmöglich auf den letzten Abschnitt vorzubereiten.“ Thioune könne überzeugen, motivieren und begeistern: „Seine Ansprache ist sehr gut, er kann Spieler mit Worten packen. Das zeichnet ihn neben seinen taktischen Fähigkeiten sehr aus.“
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Agu freut sich auf die Herausforderung, mag das Millerntor, „ein geiles Stadion, so mitten in der Stadt, eine besondere Atmosphäre“. Er weiß auch um die Verbindungen der Vereine: „Man kriegt mit, dass sich die Werder-Fans auch auf das Spiel freuen. Die haben ja auch eine Freundschaft mit den St. Pauli-Fans, wie ich gehört habe.“ Die Nähe ist Agu alles andere als fremd: „Ich habe einige St. Pauli-Fans in meinem Umfeld.“ Die wären ihm sicher sehr dankbar, wenn er diesmal ein ganz und gar unauffälliges Gastspiel am Millerntor gibt …