Ende für „Das Herz von St. Pauli“? So arbeitet der Kiezklub seine Vergangenheit auf

Gedenken an den Holocaust am Millerntor
St. Paulis Gedenken zum 80. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz.

Der FC St. Pauli streitet um „Das Herz von St. Pauli“. Die Frage, ob das beliebte Lied weiter Stadionhymne bleiben soll, ist nur das jüngste Beispiel einer Auseinandersetzung des Vereins mit seiner eigenen und der deutschen Vergangenheit. Die kann schmerzhaft sein, an ihr führt aber kein Weg vorbei.

Am 25. Februar stellt der Historiker Patrice Poutrus im St. Pauli-Klubheim sein Buch „Umkämpftes Asyl“ vor und redet darüber, was das aktuelle politische Klima für schwarze Menschen in Deutschland bedeutet. Zwei Tage vorher könnte die AfD aus der Bundestagswahl mit einem Rekordergebnis hervorgehen. Es gibt genug gegen aktuelle Rechte zu tun – aber auch die Schatten der Vergangenheit holen den FC St. Pauli immer wieder ein.

Josef Ollig, Texter von „Das Herz von St. Pauli“, war Rassist

Seit 2003 ertönt „Das Herz von St. Pauli“ in der Version der Punkband Phantastix am Millerntor – und damit auch die Zeilen von Josef Ollig, der den Text 1956 verfasst hat. Im Zweiten Weltkrieg schrieb der hauptberufliche Journalist nicht über Hafenromantik, sondern über die „Armut an Geist und Gefühl“ bei sowjetischen Kriegsgefangenen: „Sie gleichen Halbwilden, die mit tierhafter Gleichgültigkeit ihr Schicksal tragen.“

Eine Herz-Fahne am Millerntor
Herzen wird‘s am Millerntor weiterhin geben – aber kein „Herz von St. Pauli“ mehr?

Einer von zahlreichen menschenverachtenden Sätzen Olligs, die im Podcast des FC St. Pauli-Museums zitiert werden. Celina Albertz aus dem Museums-Team hat mit ihrer Recherche die Diskussion entfacht, ob die Autorschaft eines NS-Propagandisten den von vielen Fans liebgewonnenen Song als Stadionhymne disqualifiziert.

FC St. Pauli entscheidet am Freitag über die Hymne

„Wir hätten nicht damit gerechnet, dass es so hohe Wellen schlägt“, sagt Museums-Kurator Christoph Nagel über den Beitrag seiner Kollegin – und betont: „Es ist wichtig, Forschung und Diskussion des Ergebnisses zu trennen. Wir wollen niemandem vorschreiben, welche Hymne er oder sie zu singen hat.“

Christoph Nagel vom FC St. Pauli
Christoph Nagel ist Kurator des Museums des FC St. Pauli.

An diesem Freitag will der Verein im Austausch mit Fan-Vertreter:innen entscheiden, wie am Samstag im Heimspiel gegen Freiburg verfahren wird. Schwer vorstellbar, dass das von Hans Albers popularisierte Lied am Millerntor weiter an prominenter Stelle aus den Boxen ertönt.

Millerntor war fast 30 Jahre nach NSDAP-Mitglied benannt

Die aktuelle Debatte ist mit der Stadionnamen-Diskussion vor knapp drei Jahrzehnten vergleichbar. Im September 1997 veröffentlichte der Autor und St. Pauli-Chronist René Martens („Wunder gibt es immer wieder“) seine Recherchen zu Wilhelm Koch, der dem Verein insgesamt 36 Jahre vorstand und nach dem seit 1970 – ein Jahr nach seinem Tod – das Stadion am Millerntor benannt war.

Koch, so die Erkenntnis, war 1937 in die NSDAP eingetreten und hatte zuvor von der „Arisierung“ durch die Nationalsozialisten profitiert. 1933/34 übernahm er mit einem Kollegen ein Lederhandelsgeschäft in der Katharinenstraße, das zuvor von zwei jüdischen Inhabern geführt worden war.

Ex-St. Pauli-Präsident Wilhelm Koch
Wilhelm Koch war 36 Jahre Präsident des FC St. Pauli.

Im Verein wurde damals kontrovers diskutiert, wie mit dem Andenken an den jahrzehntelangen Patriarchen umzugehen sei. Ein Gutachten des Historikers Frank Bajohr stufte Koch als „Mitläufer“ ein, auf der Mitgliederversammlung 1998 scheiterte ein Antrag auf sofortige Umbenennung des Stadions mit 112:114 Stimmen denkbar knapp. Schließlich beschlossen die Mitglieder, die Spielstätte zum 1. Juli 1999 umzubenennen.

Rassistische Verunglimpfungen gab es auch bei St. Pauli

Dass die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus den FC St. Pauli erreicht hatte, lag wiederum zu einem guten – oder vielmehr bösen – Teil an dem äußerst rechtsoffenen Klima in vielen deutschen Stadien der 1980er-Jahre. Am 12. August 1989 spielte Souleyman Sané mit dem 1. FC Nürnberg am Millerntor – und fast jedes Mal, wenn der Stürmer aus dem Senegal am Ball war, ertönten aus der Gegengeraden Affenlaute. Heute unvorstellbar, damals traurige Realität – auch auf St. Pauli trugen manche Fans Aufnäher mit der SS-Parole „Unsere Ehre heißt Treue“.

Flugblatt des FC St. Pauli gegen Rassismus im Stadion
1989 machten Spieler und Fans gemeinsam gegen Rassisten auf den Rängen mobil.

Beim Kiezklub war allerdings inzwischen eine Fanszene gewachsen, die das nicht mehr hinnehmen oder abtun wollte. Die Redaktion des gerade entstandenen Fan-Magazins „Millerntor Roar!“ setzte sich mit der Bundesliga-Mannschaft zusammen und entwarf das Flugblatt „Spieler und Fans gegen Rassismus“, das von allen Kickern unterzeichnet wurde. „Unser Kampf auf dem Rasen braucht faire Unterstützung und keine menschenverachtenden Hetzparolen“, wandte sich das Team dagegen, „dass die Unterstützung und Verbundenheit zum FC St. Pauli missbraucht werden, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit zu propagieren“. Das Fanzine selbst setzte sich in einem „Brief an die weißen Herrenmenschen“ mit den Rassisten im eigenen Block auseinander.

Antirassistische Stadionordnung wird 1991 zum Novum

Die Initiative markierte den Umbruch der Fan-Bewegung vom punktuellen Kampf gegen rechtsextreme Umtriebe hin zur Formulierung von Standards und Regeln des Miteinanders. Im November 1991 gab sich der Verein eine antirassistische Stadionordnung, im mittlerweile vereinigten Deutschland damals ein Novum – das aber bald Nachahmer fand.

Kein Fußball den Faschisten, steht auf der Gegengerade des Millerntor-Stadions
An der Gegengerade ist klar formuliert: „Kein Fußball den Faschisten“.

Während aktuellen Nazis – später auch durch den Gegengeraden-Schriftzug „Kein Fußball den Faschisten“ – klargemacht wurde, dass sie im Stadion nichts zu suchen hätten, wurde indes ein alter Nazi gefeiert. „Während des Krieges hat unser Senior in exponierter Stellung für unser Land, für unsere braun-weißen Farben segensreich gewirkt“, hieß es 1992 in einem Nachruf des Vereins auf den ehemaligen Stürmer Otto Wolff. Das „segensreiche“ Wirken bestand in der massiven Enteignung jüdischen Besitzes und der Organisation von Zwangsarbeit als Hamburger Gauwirtschaftsberater der NSDAP, wie erneut Martens bei Recherchen 2007 herausfand. 2010 wurde Wolff die goldene Ehrennadel des Vereins aberkannt.

Museumskurator Nagel für „selbstkritischen Umgang“

Im gleichen Jahr erschien die Studie von Gregor Backes „Mit deutschem Sportgruß. Der FC St. Pauli im Nationalsozialismus“. Seit 2020 permanent in der Gegengeraden beheimatet, forscht das Museum des Vereins heute zur Geschichte. „In den letzten Jahren hat sich unsere Forschung zur Zeit vor 1945 verstärkt“, berichtet Kurator Nagel und plädiert für einen „selbstkritischen Umgang“ mit dem historischen Erbe, auch wenn dies an der einen oder anderen Stelle wehtun könne: „Wer einen bewussten Umgang mit der Zeit haben will, kann diesen nicht selektiv vornehmen.“

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“, hat William Faulkner in seinem Drama „Requiem für eine Nonne“ festgestellt. Der Literat aus Mississippi schrieb Gedichte, Drehbücher, Erzählungen, Theaterstücke und Romane, für die er 1950 den Nobelpreis erhielt. Eine Hymne, die „Das Herz von St. Pauli“ ersetzen könnte, hat er jedoch nicht verfasst.

Der FC St. Pauli streitet um „Das Herz von St. Pauli“. Die Frage, ob das beliebte Lied weiter Stadionhymne bleiben soll, ist nur das jüngste Beispiel einer Auseinandersetzung des Vereins mit seiner eigenen und der deutschen Vergangenheit. Die kann schmerzhaft sein, an ihr führt aber kein Weg vorbei.