„Einer der besten Transfers“: Kenta Kambara über sein St. Pauli-Märchen
Der Motor des FC St. Pauli ist der Profifußball und das Gesicht die Mannschaft. Spieler und Trainer stehen im Rampenlicht, sind die Protagonisten des Klassenkampfs, der jetzt in die heiße Phase geht. Enorm wichtig ist jedoch auch das Team um das Team. Zweite Reihe, erstklassige Arbeit. Schattenmänner, oft unsichtbar, aber unverzichtbar. Einer von ihnen: Kenta Kambara. Berufsbezeichnung: Zeugwart. Doch der zurückhaltende Japaner ist viel mehr, hat in dieser Saison an Bedeutung gewonnen und eine Schlüsselrolle. Über ihn ist zuletzt häufiger gesprochen worden. Höchste Zeit, mal MIT dem Mann zu sprechen, der seinen Job lebt, in der Mannschaft hohes Ansehen genießt und den St. Paulis Sportchef als einen der „besten Transfers der vergangenen Jahre“ bezeichnet.
Ein Lächeln, ein sanfter Händedruck, ein offener und zugleich konzentrierter wie neugieriger Blick. Kambara hat sich Zeit genommen für das Gespräch mit der MOPO im Vorfeld eines Vormittagstrainings, für das er die üblichen Vorbereitungen bereits getroffen hat, und ihm ist anzumerken, dass er es gut machen will, wie alles, was er tut.
Kambara ist bei St. Pauli immer sehr beschäftigt
Es kommt selten vor, dass Kambara die Hände frei hat. Meistens trägt er irgendetwas durch die Gegend, Spielkleidung, Ausrüstung, Kisten, Stangen, Hütchen. Und fast immer trägt er ein Lächeln auf den Lippen. Den Zeugwart-Job erledigt der Mann von zarter Gestalt mit Freude. Was er darüber hinaus macht – und das ist eine Menge –, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Das galt bislang auch für seine Beförderung.
„Ich habe meinen Arbeitsbereich erweitert in Richtung Teammanagement und Player Care, was mich sehr erfüllt, weil das immer ein Wunsch von mir war“, berichtet Kambara, der seit dreieinhalb Jahren beim Kiezklub arbeitet und offiziell immer noch als Zeugwart ausgewiesen wird. Seit St. Pauli im vergangenen Sommer mit Joel Chima Fujita einen Landsmann verpflichtet hat und im Winter mit Tomoya Ando und Taichi Hara zwei weitere Profis aus Japan, ist Kambara eine zentrale Rolle zugekommen.
„Kenta hat eine wichtige Aufgabe bei uns, die mittlerweile über seine Tätigkeit als Zeugwart hinausgeht“, sagt Sportchef Andreas Bornemann. „Er ist ein wichtiger Ansprechpartner für Joel, Do und Taichi, aber auch eine kommunikative Schnittstelle zwischen den Spielern und den Trainern. Sein Wert für uns hat sich noch mal deutlich vergrößert.“ Er bestätigt, dass Kambara mittlerweile auch Teil des Teammanagements ist, welches Jonas Wömmel verantwortet.
2017 kam Kambara aus Japan nach Deutschland
Die Transfer-Politik als Karriere-Turbo, Wunscherfüllung und heimatliche Gefühle an der gewohnten Wirkungsstätte. „Ich freue mich sehr darüber, dass ich erstmals, seit ich in Deutschland bin, mit japanischen Spielern arbeiten kann“, sagt Kambara, der genau deshalb 2017 aus seiner japanischen Heimat hierhergekommen war. Nach Stationen bei Carl Zeiss Jena und Dynamo Dresden ist dieser Traum nun Realität. „Das ist total schön, aber anfangs fühlte es sich komisch an, bei der Arbeit plötzlich auch Japanisch zu sprechen“, erzählt er lachend. „Daran musste ich mich gewöhnen.“ Längst genießt er es. „Wir haben viel Spaß zusammen.“
Nicht genug damit, dass Kambara bei seiner Arbeit für St. Pauli zwischen Englisch, Deutsch und Japanisch wechselt, er hat sich in seiner Zeit beim Kiezklub auch Französisch angeeignet und ist gerade dabei, Spanisch zu lernen. „Lernwillig“ ist ein Wort, das er oft benutzt, wenn er über sich und seine Arbeit spricht. Die Sprachen sind für ihn Kompetenzen, Werkzeuge.
Seine Aufgabe: „Ich helfe und unterstütze, wo ich kann. Am Ende müssen die Spieler auf dem Platz Leistung zeigen, das ist ihre Aufgabe – und meine ist es, sie zu unterstützen, damit sie sich auf Fußball konzentrieren können.“
Kambara hilft auch bei Behördengängen für St. Pauli-Profis
Für Ando, der anfangs kein Wort Englisch sprach und verstand, übersetzt Kambara nach wie vor die Anweisungen und Ansprachen von Trainer Alexander Blessin bei Besprechungen, oft simultan. „Aber ich helfe auch im Alltagsleben, bei Behördengängen, Aufenthaltsgenehmigungen, Wohnung, Bankkonto, Auto, damit sie sich gut einleben können. Auch die Freundinnen haben mal Fragen und brauchen Hilfe.“
Ein Kümmerer und Ratgeber möchte er sein, aber kein Babysitter für die Spieler. „Ich bin immer bereit zu helfen, wenn es nötig ist, aber Selbstständigkeit ist ein großes Thema. Was sie selbst machen können, sollen sie selbst machen. Ein Paket können sie allein von der Post abholen“, stellt Kambara klar, der lernen muss, noch häufiger mal Nein zu sagen.
Ein Spagat ist es zudem, Zuwendung und professionelle Distanz zu vereinen. „Ich versuche, auch Abstand zu halten und ihnen nicht zu nah zu kommen, damit sie auf Mitspieler zugehen und Verbindungen mit anderen Spielern herstellen, sich integrieren und nicht auf mich fixieren“, betont er.
Japan-Connection ist nicht allein der Grund des Aufstiegs
Es wäre falsch, seinen internen Aufstieg nur an der neuen Japan-Connection festzumachen und seine Aufgaben auf das Trio zu beschränken. „Ich bin für alle Spieler da, aber möchte insbesondere die ausländischen Spieler bei uns unterstützen, weil ich ja selbst hier Ausländer bin und viel erlebt und Erfahrungen gesammelt habe, die ich jetzt weitergeben will.“ Kambaras internes Standing war schon vor der Verpflichtung der drei Landsmänner hoch, ganz zu schweigen von den Sympathiewerten.
„Kenta ist der Beste!“, lobt Abwehrspieler David Nemeth. „Jeder in der Mannschaft wird nur Positives sagen. Er ist der Mann für alles. Man kann mit allen Anliegen zu ihm kommen und es ist fast Wahnsinn, wie er da den Überblick behält. Kenta ist einfach ein super Typ.“
Die Wertschätzung und auch Zuneigung bedeuten ihm viel und sorgen dafür, dass die Arbeit bei allem Stress und oft sehr langen Tagen weiterhin Berufung ist. „Ich bin sehr, sehr glücklich, mit der Mannschaft zu arbeiten, mit den Jungs zu quatschen. Es ist jeden Tag eine große Freude für mich und ich bin dankbar dafür.“ Er strahlt regelrecht. „Das ist kein normaler Job. Ich liebe Fußball.“
Auch privat hat er fern der Heimat sein Glück gefunden. Mit seiner Ehefrau Nanami, einer Japanerin, die er in Deutschland kennengelernt hat, wohnt Kambara in Schnelsen, nicht weit vom Trainingsgelände entfernt. „Meine Frau und ich mögen das Leben in Hamburg, fühlen uns wohl und haben auch viele Freunde hier gefunden.“ Und eine Familie gegründet.
Privat lebt Kambara mit seiner Frau Nanami zusammen
Seit sieben Monaten sind die Kambaras zu dritt. Wenn er von Söhnchen Lion erzählt, bekommt der stolze Papa leuchtende Augen. „Er war sogar schon zweimal am Millerntor bei einem Spiel!“ Seine Frau möge die Stadion-Atmosphäre, besonders, dass die Musik bei St. Pauli eine große Rolle spielt, wie in ihrem Leben, wenngleich sie leisere Töne bevorzugt als Punkrock. Nanami ist ausgebildete Konzertpianistin und gibt Klavierunterricht. Der ehemalige Kiezkicker Erik Ahlstrand hat bei den Kambaras zu Hause Unterricht genommen, die Frau von Adam Dzwigala ebenfalls.
Alles perfekt also? „Als ich zu St. Pauli kam, hatte ich zwei große Ziele: in der Bundesliga zu arbeiten und mich um ausländische Spieler zu kümmern. Beides habe ich geschafft“, bilanziert Kambara, der Stillstand selbst auf hohem Niveau nur temporär gut aushalten kann. Bei aller Zurückhaltung und Bescheidenheit ist stets auch ein fast sportlicher Ehrgeiz zu spüren. „Ich bin momentan total zufrieden hier, aber ich will immer dazulernen, mich weiterentwickeln und suche auch immer neue Herausforderungen.“
Das weiß man auch beim Kiezklub. Schon länger. „Kenta ist definitiv einer der besten Transfers der letzten Jahre, denn auch das Team um die Mannschaft herum ist enorm wichtig für den Erfolg“, sagt Bornemann. Grund genug, den leisen Leistungsträger zu binden und zu fördern. Die Aufnahme ins Teammanagement war ein erster Schritt. „Es gibt auch bei uns weitere Entwicklungsmöglichkeiten, die wir ihm aufzeigen wollen und deshalb zuversichtlich sind, dass er uns noch länger erhalten bleibt.“
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Länger bleiben kann Kenta Kambara zumindest an diesem Morgen nicht. Zum Ende des gut halbstündigen Gesprächs, das ihm Freude zu bereiten scheint, weil es eine Abwechslung und neue Herausforderung darstellt, schaut er mehrfach auf die Uhr. „Ich muss leider los“, entschuldigt er sich höflich. „Ich habe etwas zu erledigen.“ Etwas, das so typisch ist für seinen weitreichenden Tätigkeitsbereich. Die Begleitung zu einem außersportlichen Termin.