„Ein Ritterschlag“: König Boris über einen Fan-Gesang und seine Liebe zu St. Pauli
Das Millerntor ist keine Monarchie, aber am Mittwoch bietet es „König Boris“ eine Bühne: Boris Lauterbach bildete mit Björn „Beton“ Warns und Martin Vandreier („Doktor Renz“) über drei Jahrzehnte das Hip-Hop-Trio Fettes Brot, das von Schenefeld aus die Musikwelt aufmischte – und nach wie vor ins Stadion geht. Jetzt hat Lauterbach das Buch „FC St. Pauli. Eine Liebeserklärung“ geschrieben, das er am 26. November um 19.10 Uhr im Ballsaal vorstellt. Die MOPO bat den 51-Jährigen vorab zum Gespräch im FC St. Pauli-Museum.
MOPO: In Ihrem Song „Unten an der Ecke“ heißt es: „Am Ende passt das Leben in ein, zwei blaue Säcke“. Was wäre bei Ihnen denn vom FC St. Pauli drin?
Boris Lauterbach: Ein paar Trikots, ein paar Schals … ich bin kein Horter, deshalb habe ich nicht allzu viele nostalgische Andenken. Die Menschen, mit denen ich unterwegs war, die Sachen, die ich erlebt habe – das sind die wertvollsten Dinge.
Beim FC St. Pauli fühlt sich „König Boris“ zu Hause
Der FC St. Pauli habe Ihnen „das seltene Gefühl, einen Platz in der Welt zu haben”, gegeben, schreiben Sie in Ihrem Buch. Welcher Platz war das?
Ich bin von älteren Jugendlichen mitgenommen worden und stand mit 15 hinter den Trainerbänken im damaligen Hafenstraße-Block, als die Hausbesetzer angefangen hatten, die Fanszene des FC St. Pauli umzugestalten. Als Dreikäsehoch dazwischen war ich komplett fasziniert. Alles, was interessant und wichtig war, kulminierte auf dieser Gegengerade: Fußball, Politik, Musik, Popkultur und Do-it-yourself-Tum, also selbst gestalten. Man war eingeladen mitzumachen, man musste nicht in Vorleistung gehen. Ich wusste in dem Moment: Das spielt jetzt eine Rolle in deinem Leben.
Was hat St. Pauli Ihnen gegeben, das man als Jugendlicher in Schenefeld nicht bekam?
(lacht) Schenefeld ist ein Hybrid: Man hatte ein leicht dörfliches Leben, aber durch den Nachtbus-Anschluss auch immer die Möglichkeit, nach Hamburg auszuweichen. Mit 15 fuhr ich regelmäßig in die große Stadt. Damals war es noch diverser, was da so an Menschen in St. Pauli rumlief und was für Gedanken sie hatten. Nicht ganz so konform, wie man vielleicht den Eindruck von Schenefeld hatte.
Das war damals spannend. Was macht den Verein heute besonders?
Oft verlieren Dinge mit der Zeit ihren Reiz, aber bei St. Pauli hat das niemals nachgelassen. Es ist nach wie vor Faszination für den Sport, aber die wäre nicht an einen beliebigen Ort verpflanzbar. Die Menschen, mit denen ich seit Jahren ins Stadion gehe, und dieser sehr widersprüchliche Stadtteil, in dem ich seit langer Zeit lebe – diese Kombination hält immer wieder Überraschungen parat.
Was macht St. Paulis Widersprüchlichkeit aus?
Elend und Reichtum liegen einfach sehr dicht nebeneinander. Die Reeperbahn ist tagsüber ein furchtbar trostloser Ort mit sehr offensichtlichem Elend, aber sobald die Dunkelheit einbricht, wird sie zu einer verheißungsvollen Amüsiermeile, auf der viele Leute ihr Glück in den verschiedensten Ecken suchen. Solche Reibungen findet man im ganzen Stadtteil.
Mit 15 war St. Pauli für „König Boris“ genau der richtige Ort
Sie schreiben: „Wenn man offenen Herzens war, war jeder willkommen.“ Ist das nicht ein wenig romantisierend? In Ihrer Anfangszeit gab es rechtsoffene und gewalttätige Fanklubs. Heute wird die Haltung des Mannschaftskapitäns zum Palästina-Konflikt diskutiert, und wie man damit umgeht.
Aus der Sicht des 15-Jährigen war es damals das Gefühl: Ich kann einfach kommen. Es war egal, was mein Background war. Ich habe mich aber auch mit den Leuten umgeben, die dafür standen, dass Gewalt und rechte Tendenzen aus dem Stadion verdrängt werden. Natürlich sind im Stadion nicht alle einer Meinung, aber bestimmte Grundgeschichten sind klar. St. Pauli ist auch ein Ort, an dem man widersprüchlich diskutieren kann. Mittlerweile wird ja viel im digitalen Raum übereinander gesprochen und nicht miteinander. Da ist es ganz erhellend, wenn man sich in ein Umfeld mit 30.000 Menschen begibt, die nicht immer derselben Meinung sind, aber mit denen man sich auf eine sehr konstruktive Weise auseinandersetzen kann.
St. Pauli-Spiele und Konzerte teilen den Umstand, dass dort öffentlich gesungen wird. Was sind die Unterschiede zwischen Fußball und Musik?
In der Musik war ich immer der, der auf der Bühne stand und auf den die Leute geguckt haben. Wenn man das große Glück hat, in einer sehr erfolgreichen Band zu spielen, ist der Bedarf an Aufmerksamkeit irgendwann auch gedeckt. Ich genieße, dass ich beim Fußball nur einer von vielen bin, der die Leute auf dem Spielfeld anfeuert.
Ab und an geht es beim Fußball doch um Fettes Brot, wenn die Ultras zur Melodie von „Schwule Mädchen” regelmäßig „Wir sind o-ho Sankt Pauli” anstimmen. Wie fühlt es sich an, wenn ein Stadion euer Lied singt?
Das ist ein absoluter Ritterschlag. Viel mehr kann man nicht erreichen mit Musik. Es fühlt sich wertvoller an als jeder Award oder jede Goldene Schallplatte. Als wir das mitbekommen haben, saßen wir zu dritt im Stadion und haben unsere Handys gezückt. Aber keiner hat es aufnehmen können, es war schon vorbei. Wir dachten, das wäre eine einmalige Sache. Dass es zum festen Repertoire gehören würde, war uns überhaupt nicht klar.
„Schwule Mädchen“ ist kein Fußballsong. Wieso ist es so schwierig, zielgerichtet ein Lied für ein Stadionpublikum zu schreiben?
Weil sich die Leute das selber aussuchen. Jetzt fangen sie an, „Diamonds” von Rihanna am Millerntor zu singen. Da hätte auch niemand gedacht, dass sich das anböte. So etwas ist nicht planbar. Es wäre auch abgeschmackt, wenn man es versuchen würde und dann funktioniert’s. Die Beatles haben ihre Songs wahrscheinlich auch nicht fürs Stadion geschrieben.
Fußball-Songs von „Fettes Brot“ landeten in den Kurven
Mit „Emanuela” habt ihr noch einen zweiten unfreiwilligen Stadion-Song hingekriegt, der zur WM 2006 auf Patrick Owomoyela gesunden wurde …
Dass eine große Menge an Menschen sie kennen, ist eine Basis, die gegeben sein muss. Und dann passiert es halt. Dass Emanuela und Owomoyela sich relativ ähnlich anhören, ist ein toller Zufall. Und eine wahnsinnige Kreativleistung der Fans von Arminia Bielefeld.
2006 habt ihr mit Bela B., Carsten Friedrichs und Marcus Wiebusch auch den Song „Fußball ist immer noch wichtig“ aufgenommen. Enttäuscht, dass er in keiner Kurve gesungen wird?
Das ist ein Fußballsong, aber der war nicht als Stadionhymne geplant. Kurz nach dem Ausscheiden der Nationalelf beim Sommermärchen haben wir dieses Lied gemacht, das eher von der kleineren Fußballbühne erzählt als von der Champions League. In einigen Stadien läuft der Song tatsächlich vor Spielen, beim 1. FC Saarbrücken etwa oder in unterklassigen Ligen. Es fühlt sich so an, als wäre er da gelandet, wo er hingehört.
Nach sieben Niederlagen in Folge fragt man sich, wo der FC St. Pauli zurzeit hingehört. Welchen Rat hat der Fan?
Ratschläge sind auch Schläge, sage ich immer. Insofern werde ich mich mit Ratschlägen sehr zurückhalten. Ich habe schon so triste Zeiten mit dem Verein erlebt, da komme ich so schnell nicht ins Wanken – und bin auch überzeugt, dass sie den Turnaround noch schaffen. Solche Phasen gibt es im Fußball einfach. Ich bin in der schönen Situation, dass ich nicht entscheiden muss, was jetzt gemacht werden muss.
Fettes Brot hat gerne die Erwartungen unterlaufen und ist oft spielerisch mit den Ansprüchen von Publikum oder Musikindustrie umgegangen. Im Buch sprechen Sie auch von einem „Hang zu grobem Unfug”. Kann so ein „Erwartungs-Remix” auch Fußballern helfen?
Grundsätzlich hilft es beim Durchs-Leben-Gehen, wenn man sich selber nicht allzu ernst nimmt. Speziell in den Anfangszeiten habe ich St. Pauli als sehr humorvoll wahrgenommen. Man kann ja auch nur St. Pauli-Fan sein, wenn man es aushält zu verlieren. Wer das Bedürfnis hat, immer auf der Siegerseite zu stehen, ist hier nicht richtig aufgehoben. Dazu muss man nur in die Pokalvitrine gucken. Dadurch wird man aber auch beschenkt mit diesen ganz besonderen Momenten, wenn es denn auch mal gut läuft.
Ein St. Pauli-Spiel 2009 war für „König Boris“ besonders
Welcher besondere Moment fällt Ihnen spontan ein?
Das Spiel gegen Rostock im März 2009, als wir nach fünf Minuten 0:2 zurücklagen und noch 3:2 gewonnen haben. Das hatte alles, was ein Fußballspiel braucht. Flutlicht, Erzrivale, gedrehtes Spiel nach Rückstand – das sind echte Belohnungsmomente. Die Aufstiegsfeier vor zwei Jahren, auf der ich mit meinem Freund DJ DSL aufgelegt habe, war auch so ein Moment, wo man denkt: Krass, wo bin ich denn hier jetzt hingeraten?
Bei der Aufstiegsfeier ließen sich Fußball und Musik prima vereinbaren. Wo funktioniert das denn generell, wenn ihr lange auf Tour wart?
Wir haben immer versucht, die Termine so zu legen, dass es bei Auswärtsspielen noch möglich ist, etwa mit dem Nightliner auf den Betzenberg zu fahren und das Spiel zu gucken.
Da wäre bei St. Paulis Gegnern eine Europa-Tournee aber schwierig …
Das stimmt, aber weiter als bis zur Schweiz, Österreich und Belgien ist es in der Regel auch nicht gegangen. Bevor man die Spiele auch auf Laptop verfolgen konnte, musste man ja auch in Deutschland erst irgendeine fußballaffine Person finden, die es möglich macht, ein Zweit- oder sogar Drittliga-Spiel zu gucken.
Im Buch schildern Sie, wie Sie im letzten Heimspiel gegen Rostock im April 2024 etwas getan haben, das manche als Todsünde begreifen …
Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Spiel zur Halbzeit verlassen. Nicht weil St. Pauli schlecht gespielt hätte, sondern weil es um meine geistige Gesundheit an dem Tag nicht so gut bestellt war. Gerade war mein Soloalbum „Disneyland After Dark“ erschienen, ich kam von einem Konzert aus Köln und sollte am späteren Abend im St. Pauli-Bunker spielen. Vor dem Anpfiff habe ich noch Sky auf dem Rasen ein Interview gegeben und wurde dabei von irgendeinem Idioten mit einem sehr harten Stück Zartbitter-Schokolade beworfen. Und dann das Rostock-Spiel … ich habe gemerkt: Du musst dich jetzt in den Backstage-Bereich vom „Uebel & Gefährlich“ setzen, damit du erstens nicht umkippst und zweitens noch eine anständige Show zustande kriegst.
„König Boris“ sieht so viele St. Pauli-Spiele wie möglich
War es keine Option, das Spiel vom Bunker-Balkon aus zu verfolgen?
Das wäre eine noch viel größere Qual gewesen als im Stadion. Ich habe irgendwann einen Schrei durchs Fenster gehört, der Stadionsprecher sagte dann: Jackson Irvine. Da wusste ich: Alles klar, Jacko hat ein Tor geschossen, das wird gut ausgehen.
Wie ist Ihr aktueller Status zwischen Gelegenheitsbesucher und Allesfahrer?
Die Heimspiele sehe ich alle, Auswärtsspiele vielleicht fünf pro Saison. Die Touren, die ich jetzt mache, sind ja nicht mehr ganz so episch, Fettes Brot hat ja zeitweise hundert Konzerte im Jahr gespielt.
Und in Sachen Musik?
Parallel zum Buch veröffentliche ich den Song „Stadtrand“, der einige Szenen aus dem Buch streift. Aber alle können sich beruhigen: Es wird kein Fußballsong sein.
Das Buch trägt den Titel „FC St. Pauli. Eine Liebeserklärung”. Die einen sagen, Liebe besiegt alles. Die anderen sagen, Liebe macht blind. Was stimmt denn nun?
(lacht) Wahrscheinlich ist beides wahr. Zumindest habe ich das Gefühl, dass meine Liebe zu St. Pauli relativ unerschütterlich ist. Es gab kein noch so tristes Spiel, einen traurigen Abstieg oder Vereinsquerelen, die mich auch nur annähernd an den Punkt gebracht hätten, nicht mehr ins Stadion zu gehen.
„König Boris“ tippt den FC St. Pauli auf Platz 15
Keine Ratschläge, aber vielleicht eine Prognose: Haben St. Pauli-Fans schon am Sonntag gegen Union Berlin Grund zur Freude? Oder erst am Mittwoch bei Ihrer Buchpremiere?
(lacht) Ich hoffe, meine Lesung ist unabhängig vom sportlichen Erfolg und Misserfolg. Wir hatten durch die Länderspielpause ja ein bisschen Zeit. Ich kann mir schon vorstellen, dass sie gut genutzt worden ist, um das Spiel gegen Union Berlin siegreich zu gestalten.
Und wo landet St. Pauli am Ende der Saison?
Platz 15 wäre genug.
Nach der Rettung 2015 habt ihr mit Niels Frevert aus dem Nationalgalerie-Hit „Evelin“ eine Ode an Trainer Ewald Lienen gemacht. Also frei nach Fettes Brot: „Alex Blessin, es reicht, wenn wir auf Platz 15 stehn“?
Ja, genau.
Gibt es das dann auch als Song?
Auf keinen Fall. Das nutzt sich ab und wird unglaubwürdig, wenn man es zu oft tut.
König Boris und das Brot: Fettes Brot veröffentlichten ab 1994 neun Studioalben und 43 Singles, darunter Hits wie „Nordisch by Nature“, „Jein“, „Schwule Mädchen“, „Emanuela“ oder „Bettina, zieh dir bitte etwas an“. Im September 2023 sagte die dreiköpfige Hip-Hop-Combo ihren Fans mit zwei Abschiedskonzerten auf der Trabrennbahn Bahrenfeld tschüs. Als „König Boris“ hat Lauterbach zwei Soloalben aufgenommen, zuletzt erschien 2024 „Disneyland After Dark“. Am Millerntor ist das Trio Lauterbach-Vandreier-Warns auf der Haupttribüne noch vereint.