FC St. Pauli
Deutscher Meister und Europameister? Zwei St. Paulianer hoffen aufs Double
Die Blindenfußballer des FC St. Pauli wollen erneut Deutscher Meister werden. Und zwei von ihnen haben noch größere Träume: Sie möchten mit Deutschland zur EM.
Rasmus Narjes und Natan Werner sind keine Profis, kennen Doppelbelastung aber ziemlich gut. Die Blindenfußballer des FC St. Pauli jagen mit dem Kiezklub nach der deutschen Meisterschaft – und wollen mit dem deutschen Nationalteam im August bei der EM in Straßburg auftrumpfen. Am Wochenende geht’s erst mal nach Ingolstadt.
„Wir sind sehr eingespielt und konditionell gut“, sagt Werner vor den Bundesliga-Spielen gegen VSC/BSS Wien (Samstag) und Hertha BSC (Sonntag, jeweils 9.30 Uhr). „Unsere Gegner sind körperliche Mannschaften, da geht es richtig schön zur Sache“, sagt Narjes: „Das liebe ich.“ Mit zwei Siegen könnten die Braun-Weißen Marburg unter Druck setzen, das einen Punkt besser dasteht und am Samstag gegen Schalke antritt.
St. Pauli besiegt Stuttgart fulminant mit 5:0
Als die Bundesliga Mitte Juni in Hamburg Station macht, setzt St. Pauli am Borgweg mit dem 5:0 gegen Rekordmeister Stuttgart ein Ausrufezeichen. Großen Jubel aus dem Publikum gibt’s erst hinterher: Wird es während des Spiels drumherum zu laut, können die vier Feldspieler weder die Rufe der Sehenden (Torwart, Scout oder Trainer) verstehen noch die Rassel im Ball hören. Szenenapplaus also statt Ultra-Dauergesang – bis nach dem Spiel, als das Team sich sammelt und „The champions of Germany: FC St. Pauli“ anstimmt. Viermal waren sie es schon, ein fünftes Mal wollen sie es werden – und zwei Spieler auch die allererste EM-Medaille für Deutschland holen.
Werner, „mit Fußball von klein auf im Blut“ und gerade 18 geworden, steht wie der acht Jahre ältere Narjes im deutschen Aufgebot, das im August in Straßburg in der Vorrunde auf Frankreich, England und Griechenland trifft. „Schwerer könnte es kaum sein“, taxiert Werner, der gegen Stuttgart vier der fünf St. Pauli-Tore schießt: „Aber unser Ziel ist es, die EM zu gewinnen.“ Narjes sagt: „Bei der EM müssen wir giftig sein und eine Drecksack-Mentalität zeigen, aber die haben wir auch. Ich will unbedingt eine Medaille.“
Narjes spielte schon bei der WM 2023 mit
Sie wäre gleichbedeutend mit der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien. Narjes war schon bei der WM 2023 in Birmingham dabei, als Deutschland Elfter wurde. Das St. Pauli-Training am Dienstag verpasst der 26-Jährige, weil er vor Gericht erscheinen muss. Der Jura-Student absolviert ein Referendariat am Verwaltungsgericht, im Winter schreibt er sein zweites Staatsexamen und will danach im Arbeits- und Familienrecht arbeiten.
Und Fußball spielen, womit er als Achtjähriger angefangen hat. Die Radiokonferenz von der Sehenden-Bundesliga habe ihn begeistert, sagt Narjes: „Wir kannten alle Spieler und haben im Hof immer gekickt, auch mit Sehenden.“ Als er aus Niedersachsen nach Hamburg kam, gab er als Zwölfjähriger mit Ausnahmegenehmigung („Ich war schon groß und mutig“) sein Bundesliga-Debüt. 2016 gelang ihm gegen Stuttgart an seinem Geburtstag das erste Bundesliga-Tor.
Auch 2026 trifft Narjes. „Ihr müsst euch entschlossener finden“, ruft Trainer Wolf Schmidt, als es trotz Führung nicht so läuft. Torhüterin Svenja Bartels verhindert mit einer Parade den Ausgleich, im Gegenzug krönt Werner einen Sololauf mit dem 2:0 – und Sekunden vor der Halbzeit nach 20 Spielminuten zieht Narjes den Stuttgartern mit seinem 3:0 den Stecker.
Werner und Narjes harmonieren perfekt
In der Pause diskutieren und amüsieren sich die Schiedsrichter über die besten Ausreden der Spieler bei Regelverstößen. Narjes, der das körperliche Spiel liebt, hört ihren Ruf „Weniger Arme!“ bei Zweikämpfen an der Bande eher zu oft. „Blindenfußball ist ein unglaublich schnelles Spiel mit vielen Umschaltmomenten geworden“, sagt er.
Beim letzten St. Pauli-Tor gegen Stuttgart spielt er einen perfekten Querpass auf Werner, der den Ball unter die Latte nagelt. „Erst wollte ich selber abschließen, dann hatte ich aber einen Drift Richtung Grundlinie“, schildert Narjes: „Also habe ich den Ball vorm Aus gerettet und mir gedacht: Komm, den spielst du jetzt mal rüber. Auch wenn Natan gar nicht gerufen hat.“ Wenn das in Straßburg ähnlich funktioniert, ist Brasilien gar nicht so weit weg.
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