„Das tötet dich“: St. Pauli entschuldigt sich nach „inakzeptablem“ Auftritt bei Fans
Der FC St. Pauli irritiert. Auch sich selbst. Nur eine Woche nach dem beeindruckenden 2:1-Heimsieg gegen den VfB Stuttgart ließen die ersatzgeschwächten Kiezkicker in Leverkusen alles vermissen, was sie starkmacht, gingen mit 0:4 (0:2) unter und waren ein dankbarer Gast für einen fußballerischen Vorgeschmack auf die abendlichen rheinischen Karnevalsfeiern. Slapstick-Einlagen inklusive. Braun-weiße Auftritte wie diese sehen aus wie vorgezogene Abschiedsvorstellungen aus der Bundesliga. St. Pauli braucht zwingend Leistungen wie gegen Stuttgart, um im Klassenkampf eine Chance zu behalten. Die Spieler redeten Klartext, der Trainer im Hinblick auf das nächste Partie von einem „weiteren Finale“.
Was sich nach dem Schlusspfiff in der Gästekurve und auf dem Rasen davor nahe Eckfahne abspielte, war mal wieder typisch St. Pauli. Die gut 3000 mitgereisten Fans verließen nicht im Eiltempo den Block, sie standen auch nicht teilnahmslos herum, murrten nicht, pfiffen oder buhten, sondern spendeten ihrer Mannschaft aufmunternden Applaus und feuerten sie an – für das nächste Spiel. Rückendeckung.
St. Pauli kassiert Klatsche in Leverkusen – aber die Fans spenden Applaus
„Überragend“ sei diese Unterstützung, sagte Stürmer Martijn Kaars. „Die Fans von uns sind fantastisch. Das ist eigentlich unglaublich, dass wir so ein schlechtes Spiel spielen und dann so eine Fankurve haben.“ Und Chefcoach Alexander Blessin sagte: „Eigentlich müssten wir uns entschuldigen.“

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Die St. Pauli-Fans hätten allen Grund gehabt, ihren Unmut kundzutun. Die einmal mehr durch viele Ausfälle gebeutelten Kiezkicker – auch das darf bei der Einordnung der Leistung nicht vergessen werden – konnten dem Favoriten in keiner Phase des Spiels auch nur annährend Paroli bieten, waren absolut chancenlos. Die 13. Saisonniederlage war absolut verdient.
St. Pauli weiter Vorletzter, Rückstand auf Bremen bleibt
Die „Boys in Brown“ sind mit weiterhin 17 Punkten 17. und damit Vorletzter der Tabelle. Nur gut aus braun-weißer Sicht, dass auch Werder Bremen (19 Punkte) verloren hat (0:3 gegen Bayern) und der Abstand gleich geblieben ist.

Die Kiezkicker waren vor 30210 Zuschauenden in der BayArena nie im Spiel und nach nicht einmal einer Viertelstunde auch schon komplett raus. Zehn Tage nach dem 0:3 im DFB-Pokal-Viertelfinale an gleicher Stelle war es diesmal noch viel deutlicher – und das von Beginn an.
Kiezkicker erwischen bei Bayer einen Horrorstart
„Wir sind von der ersten Minute an nicht reingekommen. Wir haben in keinster Weise die Energie auf den Platz gebracht, die es braucht. Wir waren in den entscheidenden Momenten nicht wach. Die Bereitschaft hat in der Summe gefehlt“, zählte Blessin die Defizite im Schnelldurchgang auf.

Auch seine Spieler übten harte Selbstkritik. „Jeder von uns muss in den Spiegel schauen“, sagte Innenverteidiger Karol Mets. „Es ist ein sehr ehrliches Resultat. Wir haben nicht mal einen Punkt heute verdient. Das Spiel gegen Stuttgart und das Spiel heute ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die Stabilität hat heute gefehlt und wenn wir nicht intensiv genug spielen, wird es hart für uns gegen jede Mannschaft.“
Jackson Irvine: „Wir waren einfach schwach“
Kapitän Jackson Irvine zog ebenfalls schonungslos Bilanz einer bitteren Dienstreise. „Wir waren einfach von Anfang an nicht mal in der Nähe unseres Levels“, resümierte der Australier und schloss sich selbst ausdrücklich mit ein. „Wir waren einfach schwach heute, über das gesamte Feld. Nicht gut genug mit dem Ball, auch nicht genug Energie in der Defensive. So viele, einfache Fehler, ich auch. Einfache Ballverluste, schlechte Entscheidungen.“

Auch Irvine dachte an die Fans, die insgesamt zehn Stunden An- und Abreise auf sich genommen hatten. „Es ist inakzeptabel. Die Fans kommen hierher, singen am Ende. Wir waren nicht gut genug dafür, dass sie hierherkommen und sich dann so eine Leistung ansehen müssen.“
Ausfälle von Wahl und Smith keine Ausrede
Die vielen Ausfälle, welche die Mannschaft derzeit hart treffen, insbesondere die Abwesenheit der Leistungsträger und Führungsspieler Hauke Wahl und Eric Smith, wollte auch der Käpt’n nicht als Erklärung oder gar Entschuldigung vorschieben. „Wir haben genügend erfahrene Spieler da draußen, die uns durch diese harten Momente führen können. Manchmal, wenn man schwache Spiele hat, muss man einfach überleben. In 90 Sekunden zwei Tore zu bekommen, das tötet dich, und dann sind wir nicht mehr zurückgekommen.“

Der Knackpunkt der Partie war damit genannt, wobei es exakt 98 Sekunden gewesen waren, zwischen der Leverkusener Führung (13.) und dem 2:0 (14.). „So einen Doppelschlag zu bekommen, das macht was mit dir“, sagte Blessin.
Nikola Vasilj kassiert Slapstick-Gegentor zum 0:1
Ein Slapstick-Tor war das erste, passend zum Karneval. Ein wuchtiger Kopfball des Leverkuseners Quansah war an die Unterkante der Latte geprallt, von dort auf den Rasen und gegen das Hinterteil von St. Pauli-Keeper Nikola Vasilj (er selbst sprach vom hinteren Oberschenkel, was ihm nicht zu verdenken war) und von dort ins Tor. Kurz darauf musste er den Ball, den Schick im braun-weißen Abwehr-Durcheinander eingeköpft hatte und der von Vasilj nicht abgewehrt werden konnte, erneut aus dem Netz holen.
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Nach der Pause legte der sehr spielfreudige Champions-League-Teilnehmer im Stile einer Spitzenmannschaft nach, erhöhte nach einer Ecke durch einen Kopfball von Tapsoba (52.) und Poku setzte mit einer feinen Einzelleistung und einem platzierten Distanzschuss zum auch in der Höhe verdienten 4:0 (78.) in die Maschen den Schlusspunkt.
Offensiv fand St. Pauli so gut wie gar nicht statt
Defensiv mit Defiziten, offensiv fand St. Pauli so gut wie gar nicht statt. Was die Kiezkicker mit dem Ball am Fuß (32 Prozent Ballbesitz) zustande brachten, war nicht nur zu wenig, das war im Grunde so gut wie gar nichts. Ein einziger der offiziell neun Torschüsse der Kiezkicker ging tatsächlich auf das Tor und nicht drüber oder vorbei – und das war ein Distanzschuss des eingewechselten Joel Chima Fujita, den Bayer-Keeper Blaswich ohne größere Mühe entschärfte. In der 86. Minute. Das sagt alles über die braun-weißen Angriffsbemühungen und -erfolge an diesem Nachmittag.
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„Schnell abhaken“, will Blessin diese Partie, in der so gar nichts passte. Abschütteln und nach vorne schauen. Weil, wie sein Kapitän Irvine im Hinblick auf das Heimspiel gegen Werder Bremen am Sonntag in einer Woche (17.30 Uhr) betonte, „wir ein unfassbar wichtiges Spiel nächste Woche zu Hause haben. Wir müssen einen Weg finden, das Level zu erreichen, das wir letzte Woche erreicht hatten. Ich glaube, da ist nichts Gutes, was man aus diesem Spiel hier mitnehmen kann.“
Fokus auf „unfassbar wichtigem“ Heimspiel gegen Bremen
Es gilt vielmehr, sich schnell an das zu erinnern und bereits in der Vorbereitung auf die Partie wieder abzurufen, was St. Pauli gegen Stuttgart auf dem Platz gebracht hat und dies zu reaktivieren. Der Trainer will um die Bedeutung der kommenden Partie gar nicht drumherum reden. Das Duell mit einem direkten Keller-Konkurrenten sei „weiteres Finale“, ein Sechs-Punkte-Spiel. „Das wird ganz, ganz wichtig gegen Bremen, einen direkten Konkurrenten, den wir schlagen wollen und müssen.“
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