„Das beste Gefühl der Welt!“ Wie St. Pauli das irre Remis in Köln feiert
Erlösender Jubel, ein mächtiger Adrenalinstoß, ungläubiges Kopfschütteln und dann das Gefühl der puren Erlösung. Der FC St. Pauli hat den Bann gebrochen und seine Horrorserie beendet. Der ebenso verrückte wie glückliche Punktgewinn beim 1:1 (0:0) gegen den 1. FC Köln nach zuvor neun Liga-Niederlagen in Serie sorgte für strahlende Gesichter bei den Kiezkickern, den Klubverantwortlichen und den Fans – und auch für Hoffnung, dass es jetzt wieder aufwärts geht. Auch Trainer Alexander Blessin atmet tief durch. Doch die Leistung über die gesamte Spielzeit sollte ein Warnsignal sein, dass es für eine echte Wende vor Weihnachten mehr braucht.
Es war und ist kaum zu glauben: Der Kopfball von Ricky-Jade Jones, der in der vierten Minute der Nachspielzeit in die Maschen des Kölner Tores flog, war der erste (!) Ball, den die Kiezkicker im gesamten (!) Spiel auf die gegnerische Kiste gebracht hatten. Die erste und einzige richtige Torchance, die den so ersehnten Punktgewinn brachte. Anders gesagt: Diese eine Chance haben sie beim Schopf ergriffen. Ausgerechnet Jones. Bei seinem ersten Einsatz für St. Pauli.
Sportchef Bornemann: „Ein gefühlter Sieg“
„Es ist das beste Gefühl der Welt, in der letzten Minute zu treffen. Es gibt nicht besseres“, sagte Abwehrboss Eric Smith mit einem breiten Grinsen. „Natürlich waren wir in einer Art Euphorie.“ Ob der Ausgleich nun verdient war oder nicht „könnte mir egaler nicht sein“.

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Von einem „gefühlten Sieg“ sprach Sportchef Andreas Bornemann angesichts des Spielverlaufs mit dem Last-Minute-Treffer, der die Kölner Fans im mit 50.000 Menschen ausverkauften von einem Moment zum anderen von freudetrunkenen Gesängen zu Flüchen, Pfiffen und wüsten Beschimpfungen der eigenen Mannschaft verleitete, so schnell und krass wie es wohl nur beim FC möglich ist.
Für St. Pauli-Trainer Blessin wäre die Luft dünn geworden
Glück und Glücksgefühle im St. Pauli-Lager – aber auch die Erkenntnis, gerade noch mal so davongekommen zu sein, haarscharf. Es braucht nicht allzu viel Fantasie, sich auszumalen, wie die Lage beim Kiezklub nach einer 0:1-Niederlage gewesen wäre. Ohne einen einzigen Schuss oder Kopfball aufs gegnerische Tor in 94 Minuten.

Für St. Pauli-Trainer Blessin, für den die Luft bei einer weiteren Niederlage trotz aller Treuebekenntnisse sehr dünn geworden wäre, stand „ganz klar im Vordergrund, dass wir die schwarze Serie durchbrochen haben“. Natürlich sei das Remis glücklich gewesen, aber „es war das Glück des Tüchtigen, wir haben es uns erarbeitet und auch irgendwie erzwungen“, sagte er.
St. Pauli könnte Heidenheim mit einem Sieg überholen
Das Remis war nicht nur für die Moral, sondern auch als Zahl enorm wichtig. Acht Zähler haben die Braun-Weißen, die weiter auf Tabellenplatz 17 bleiben, nunmehr auf dem Konto. Drei wären besser gewesen, denn auch Heidenheim jubelte in der Nachspielzeit, allerdings über den 2:1-Siegtreffer gegen Freiburg. Der FCH hat als 16. drei Zähler Vorsprung auf St. Pauli und ist in einer Woche zu Gast am Millerntor.
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Die Situation des FC St. Pauli ist nach wie vor gefährlich, aber das Gefühl ist besser. Am Ende eines außergewöhnlichen Kraftakts und nach einer brutalen Nachspielzeit-Niederlage bei Bayern München sowie dem hochverdienten 2:1-Sieg im Pokal-Achtelfinale in Mönchengladbach im dritten Akt die Pleiten-Serie beendet zu haben, ist Balsam für die Wunden. Das war und ist spürbar.
Hohe Belastung für St. Pauli: „Das war hart“
„Drei Auswärtsspiele in einer Woche, das war hart“, verwies Kapitän Jackson Irvine auf die enorme Belastung, die über die reinen Spielzeiten hinaus ging. „Wir haben uns heute durch das Spiel gekämpft. Wir bewegen uns in eine richtige Richtung und ich bin wirklich stolz auf alle. Die Jungs haben in den letzten Spielen eine tolle Mentalität gezeigt. Wenn wir diese Mentalität zeigen, ist das Glück vielleicht öfter auf unserer Seite.“

Im Pokal im Viertelfinale, in der Liga nach wie vor im Keller. Ob das Remis in Köln befreiende Wirkung hat, die Mannschaft über den reinen Kampf und Aufwand hinaus, der immer die Basis sein muss, auch wieder besser und erfolgreicher nach vorne spielen lässt, muss sich zeigen. „Wir haben uns jetzt zurückgekämpft“, betonte Blessin. Freigespielt noch nicht.
El Mala schockte die Kiezkicker kurz nach der Pause
Um ein Haar (in diesem Fall Haupthaar von Jones beim Kopfball) hätte sich St. Pauli mal wieder selbst geschlagen. Die 1:0-Führung der Kölner kurz nach der Halbzeit (51.) – ein Kontertor von Shootingstar Said El Mala – resultierte aus einem absolut schwach geschossenen und dadurch völlig harmlosen Freistoß von Mathias Pereira Lage, der beim Kölner Luca Waldschmidt landete, welcher umgehend El Mala mit einem langen Ball auf die Reise schickte. Hart gesagt: Pereira Lage hatte den Gegner geradezu bedient, verlor auch noch das Laufduell gegen El Mala über den halben Platz und auch die braun-weiße Restverteidigung funktionierte nicht.
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Der Schock über das Gegentor war den Kiezkickern ebenso anzumerken wie die zunehmend schweren Pokal-Beine. Immer seltener konnten die „Boys in Brown“ den Ball erobern, auch die zweiten Bälle gewinnen. Offensiv gelang kaum noch etwas, es mangelte an Genauigkeit und auch Struktur. „Wir müssen versuchen, wenn wir den Ball haben, geduldiger zu sein und bessere Lösungen finden“, monierte Irvine. „Am Dienstag sahen wir viel gefährlicher aus und heute überhaupt nicht.“
Blessin ging volles Risiko – mit Erfolg
Blessin ging in der Schlussphase volles Risiko, wechselte mit Ricky-Jade Jones und Abdoulie Ceesay zwei Stürmer ein und brachte mit Danel Sinani für Innenverteidiger Karol Mets einen weiteren Offensivmann. Der All-in-Move wurde belohnt. Sinani schlug die Flanke auf Jones, der den Ball in hohem Bogen ins Tor köpfte.
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„Ich habe den Jungs auch im Kreis gesagt: Es gibt uns ein gutes Gefühl, aber letzten Endes muss es so weitergehen“, betonte Blessin kurz vor der Abfahrt des Manschaftsbusses in Richtung Flughafen. „Mit Intensität als Identität ist alles gesagt. So müssen wir weitermachen und dann werden auch noch mehr Punkte kommen.“ Es müssen. Schnell.
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