„Dann haben wir nichts in der Liga zu suchen“: St. Pauli und die zwei Gesichter
Das Gute ist, dass es keine Minuspunkte gibt in der Bundesliga. Ob jetzt 0:1 nach einer starken Leistung oder 0:4 nach einer schwachen: In der Tabelle schlägt es sich bei den Punkten gleichermaßen nieder. Insofern war die Vier-Tore-Klatsche, die der FC St. Pauli in Leverkusen kassierte, zwar bitter, aber keine Katastrophe. Kopfzerbrechen bereitet Spielern und Verantwortlichen allerdings, warum auf eine vorangegangene Topleistung eine derart schwache Vorstellung folgte. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison. Nicht zum ersten Mal wurde das beklagt. Die zwei Gesichter der Mannschaft – ein wiederkehrendes Problem.
Die Schwankungen sind groß, die Ausschläge heftig. Eine Woche nach dem in jeder Hinsicht starken 2:1-Sieg gegen Stuttgart, ließen die „Boys in Brown“ in Leverkusen nahezu alles vermissen, was dem ersatzgeschwächten Team sieben Tage zuvor den ebenso überraschenden wie überzeugenden Sieg gebracht hatte. Und so waren Coup und Klatsche gleichermaßen verdient.
Mets und die Minusleistung: „Ich habe keine Antwort“
Von einem „Unterschied wie Tag und Nacht“ sprach Verteidiger Karol Mets angesichts der beiden unterschiedlichen Auftritte. Eine Erklärung hatte er nicht. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, wir waren gut vorbereitet. Ich habe keine Antwort, weil wir perfekt vorbereitet waren.“ Und im Spiel dann kaum etwas davon umsetzen konnten.

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Unmissverständlich stellt Trainer Alexander Blessin klar: „Wir brauchen immer unsere hundert Prozent. Wenn wir die nicht bringen, dann haben wir auch nichts in der Liga zu suchen.“ Zu oft war seine Mannschaft in dieser Spielzeit zu weit davon entfernt.
St. Pauli zeigt immer wieder Leistungseinbrüche
Dem Traumsaisonstart mit sieben Punkten aus den ersten drei Spielen folgte der erste schwache Auftritt in Stuttgart (0:2) aus quasi heiterem Himmel. Direkt nach der Partie hatten mehrere Führungsspieler erstmals Alarm geschlagen, mangelnde Energie, Intensität und Zweikampfbereitschaft beklagt und vehement die „Basics“ eingefordert. In der Woche darauf verloren die Kiezkicker zwar 1:2 gegen Leverkusen, zeigten dabei aber eine der bis heute besten Saisonleistungen, vor allem spielerisch. Das schöne Gesicht. Erstklassig.
Weitere Leistungseinbrüche folgten. Die 0:3-Heimniederlage gegen Hoffenheim. Bei der Revanche im DFB-Pokal neun Tage später setzten sich die Hamburger an gleicher Stelle nach einer bravourösen Energieleistung im Elfmeterschießen durch. Rückenwind? Gar ein Durchbruch? Denkste. Es folgte mit dem 0:4 gegen Mönchengladbach am Millerntor die wohl bitterste Niederlage dieser Spielzeit, eine Performance, die auch treue und sturmerprobte Fans an ihrem Team zweifeln ließen.
Verletzungen sind seit Saisonbeginn ein Problem
Nach jeder dieser Niederlagen waren die gleichen Worte zu hören, dass es ohne höchste Bereitschaft, den totalen Einsatz und vollen Fokus nicht funktionieren werde, und dass die Mannschaft endlich die Lehren daraus ziehen müsse. An Spieltag 21 in Leverkusen war die Leistung laut Kapitän Jackson Irvine „nicht mal in der Nähe“ des Levels, das auch unter schwierigen Umständen mit zahlreichen Ausfällen möglich sein sollte.
Fakt ist, dass die Kiezkicker die gesamte Saison über immer wieder mit Verletzungen und personellen Engpässen zu kämpfen haben, umbauen und anpassen müssen, was wichtige Prozentpunkte kostet, etwa bei der Abstimmung. Umso wichtiger ist es, bei den vielzitierten Basics am Limit zu sein und es stehen stets elf Spieler auf dem Platz, die alle laufen und Zweikämpfe führen können. Nicht auf dem gleichen Level, aber jeder für sich kann an sein persönliches Limit kommen. In Leverkusen waren alle davon ein gutes Stück entfernt. Überhaupt fällt es der Mannschaft schwer, sich auf einem gewissen Intensitäts-Level zu stabilisieren und allzu heftige Ausschläge nach unten zu vermeiden.
„Müde im Kopf“ nach „Wagenburg-Mentalität“ gegen VfB
Trotz einer – wie alle Beteiligten betonten – guten Trainingswoche fehlten die Frische und auch die Spritzigkeit, wirkten die Körper und auch die Köpfe nicht voll da. Als sei die Mannschaft nach der siegbringenden „Wagenburg-Mentalität“, wie Blessin das Mindset gegen Stuttgart nannte, kollektiv in ein mentales Loch gefallen, unfähig, diese enorme Energie und Emotion noch einmal zu wiederholen, was sicherlich auch nicht so einfach ist, insbesondere nach einem frühen 0:2-Rückstand. „Wir waren alle müde im Kopf“, bekannte der Coach. „Das jede Woche abzurufen, ist schwierig.“
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Die Köpfe sind und bleiben entscheidend. Die Körper werden sich in der langen Woche bis zum Sonntagsspiel gegen Keller-Konkurrent Werder Bremen erholen und es dürften verletzte Spieler zurückkommen. „Es gilt, jetzt nicht groß die Wunden zu lecken, sondern gleich wieder nach vorne zu gucken“, betont Blessin. „Wir haben es letzte Woche geschafft, wir haben es gegen Leipzig geschafft und haben wieder die Unterstützung daheim am Millerntor, was auch ein Faustpfand ist.“
St. Pauli setzt gegen Bremen auf Heim-Atmosphäre
Nur auf das Heimpublikum zu bauen, wird nicht reichen, das wissen alle, aber die akustische Rückendeckung im eigenen Stadion dürfte helfen, die nötigen Emotionen zu wecken, um die erforderliche Intensität im läuferischen und kämpferischen Bereich leichter abrufen und möglichst mit mehr Sicherheit und Selbstvertrauen spielen zu können.
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St. Paulis Nummer eins gibt sich kämpferisch und betont zuversichtlich. „Es ist immer noch alles offen und möglich für uns. Wir sind da, wir sind nah dran“, sagt Nikola Vasilj, der beim 0:1 eine äußerst unglückliche Figur gemacht hatte. „Wir haben letzte Woche gesehen: Drei Punkte bringen dich in eine deutlich bessere Position. Für uns geht es einfach darum, die nächsten drei Punkte zu holen. Dann wird die Tabelle deutlich besser für uns aussehen. Es sind noch viele Spiele, alles liegt noch in unseren Händen.“
Blessin: „Wir müssen wieder ein anderes Gesicht zeigen“
Zupackender, konsequenter, auch mutiger müssen die Kiezkicker spielen, um die dringend benötigten Siege einfahren zu können. „Wenn wir nicht mit der richtigen Intensität spielen und an unsere hundert Prozent kommen, dann wird es gegen jeden Gegner schwer“, weiß Mets. Auch gegen die Bremer, die seit nunmehr zwölf Spielen in Serie ohne Sieg sind und mit 19 Punkten nur zwei Zähler vor St. Pauli liegen. „Wir müssen einen Weg finden, das Level zu erreichen, das wir letzte Woche erreicht haben“, fordert Kapitän Irvine. Blessin bringt es auf den Punkt: „Wir müssen wieder ein anderes Gesicht zeigen.“
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