„Dann haben die Leute hier den falschen Job“: St. Pauli muss die Relegation retten
Von allem zu wenig und deshalb kaum eine bis gar keine Chance auf den direkten Klassenerhalt. Der FC St. Pauli hat im Klassenkampf einen schweren Tiefschlag kassiert, hängt in den Seilen und droht sogar vorzeitig k.o. zu gehen. Nach einem erschreckend schwachen Auftritt kassierten die Kiezkicker bei Schlusslicht Heidenheim eine verdiente 0:2 (0:1)-Niederlage und verpassten die erhoffe Wende. Jetzt geht es nur noch darum, die Relegation zu retten – und das wird schwer genug, wenn sich die Mannschaft nicht berappelt und in den verbleibenden drei Endspielen der regulären Saison ein anderes Gesicht zeigt. An der Brenz sahen die Braun-Weißen jedenfalls wie ein Absteiger aus.
Hängende Köpfe und Schultern nach dem Schlusspfiff, leere Blicke im obligatorischen Kreis, in dem Spieler, Trainerteam und Staff diesmal deutlich länger verharrten als sonst, was nicht an dem wunderbaren Frühlingswetter mit blauem Himmel und 18 Grad lag, sondern an der unterirdischen Leistung, für die kaum jemand eine richtige Erklärung hatte. Redebedarf.
Wahl redet Klartext nach Heidenheim-Pleite
„Es war ein beschissenes Spiel und es ist eine beschissene Situation“, redete Abwehrchef Hauke Wahl in den Katakomben der kleinen Voith-Arena Klartext. Abwehrkollege Karol Mets, eigentlich als Vorkämpfer der Mannschaft bekannt, sah arg mitgenommen aus. „So, wie wir aufgetreten sind, haben wir hier heute auch nichts verdient. Es ist traurig. Wir müssen alle in den Spiegel schauen.“
Auch Eric Smith, der mit seiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit sein Comeback nach rund vierwöchiger Verletzungspause gegeben hatte, fand wie immer sehr deutliche Worte. „Das war heute auf allen Ebenen nicht gut genug und dann kann man kein Spiel gewinnen“, resümierte der Schwede nach dem siebten Spiel in Serie ohne Sieg.
Smith will nichts von zu viel Druck wissen
Davon, dass der Druck zu groß gewesen und die Mannschaft gehemmt haben könnte, wollte Smith nichts hören. „Wenn das zu viel Druck war, haben die Leute hier den falschen Job“, betonte der Defensiv-Stratege und legte noch nach: „Man spielt Fußball für den Druck, also sollten das die Spiele sein, auf die man sich freut, wenn es um alles geht. Ich hoffe nicht, dann hätten wir ein echtes Problem.“
Ein riesiges. Schließlich hat St. Pauli in den vergangenen zwei Spielzeiten in Drucksituationen zumeist gute bis starke Leistungen abgerufen und genau darauf auch vor dieser Partie gebaut. Sollte ausgerechnet eine der größten Stärken des Teams in der entscheidenden Phase verloren gegangen sein? „Ich glaube aber nicht, dass das der Fall ist“, sagt Smith.
St. Pauli jetzt gegen Mainz, Leipzig und Wolfsburg
Der Kiezklub sitzt im Keller fest, auf Relegations-Rang 16. Das rettende Ufer ist für die „Boys in Brown“ (26 Punkte) weiterhin weit weg und der Versuch, Boden gutzumachen, scheiterte unter den Augen von 15.000 Zuschauenden, darunter mehr als 2000 St.-Pauli-Fans, auf ganzer Linie.
„Natürlich wissen wir um die Tabelle“, so Wahl und gibt die neue Marschroute für die Partien gegen Mainz, in Leipzig und am letzten Spieltag zu Hause gegen Wolfsburg. „Die Spiele werden weniger und jetzt muss das Minimalziel Relegation sein.“ Apropos Wolfsburg.
Auch Blessin angefressen
Das Beste an diesem Nachmittag war aus braun-weißer Sicht, dass der härteste Relegations-Konkurrent auch nicht gewinnen konnte, aber mit dem Remis gegen Gladbach den Rückstand auf die Hamburger auf nun einen Zähler halbierte. Immerhin: St. Pauli bleibt vor dem VfL und hat es weiterhin in der eigenen Hand.
Das ist aber nur ein Vorteil, wenn sich die Kiezkicker wieder deutlich steigern, an ihr Limit kommen und das auch über die kommenden drei Spiele halten. In Heidenheim hatten sie in keiner Phase richtig zu ihrem Spiel und auch nur annährend zur Normalform gefunden, weder im Kollektiv, noch individuell. Nicht nur spielerisch, sondern auch, was Energie, Intensität, Fokus, auch Härte angeht. „Wir wehren uns nicht genug“, ärgerte sich Trainer Alexander Blessin. Auch beim ersten Gegentor.
Frühes Tor zieht St. Pauli schon den Zahn
„Unglaublich schlecht“ war der Start, wie der Coach den Beginn klar benannte, denn schon in der 3. Spielminute hatte seine Mannschaft das 0:1 kassiert und ihren Teil dazu beigetragen. Ein unnötiger Ballverlust im Zentrum, ein Gegenangriff, aus dem eine Ecke resultierte, die am langen Pfosten ungenügend verteidigt wurde und am Ende schoss Zivzivadze den Ball im Getümmel ins Tor und braun-weiße Herz. „Das macht was mit einer Mannschaft“, gab Blessin zu bedenken. Der zweite und entscheidende Stich war der perfekt vollendete Konter von Dinkci (82.).
Die Gäste hatten auch Chancen – die besten durch Hountondji (24./53.) und Sinani (49.), bei denen es an Präzision mangelte. Aber generell war das Spiel mit Ball zu unstrukturiert, fahrig, fehlerbehaftet, ideen- und in zu vielen Szenen auch mutlos. Zu oft wurde der hohe und lange Ball als Mittel gewählt – und verpuffte zumeist wirkungslos.
Blessin moniert fehlende Lösungen
„Wir haben nie die richtigen Lösungen und Mittel gefunden“, monierte Blessin, stattdessen „schlechte Lösungen“ gefunden und „viel zu viele kleine Fehlpässe“ gespielt. Die hohe Summe der Defizite schien ihn und auch seine Mannen zu irritieren.
Es passte zu dem gebrauchten Tag, dass St. Pauli für zwei besondere Heidenheimer Marken herhalten musste. Das 1:0 war das schnellste Tor des FCH in der Bundesliga und der Sieg war das erste Zu-Null-Spiel der Mannschaft des „ewigen“ Trainers Frank Schmidt in dieser Saison.
„Wenn wir auf andere Teams hoffen, haben wir ein Problem“
Das alles tat weh. „Wir müssen uns schütteln“, forderte Blessin. Der Blick müsse schnell nach vorne gerichtet werden. In der Tat würde jede eingehende Analyse mit Video-Studium die Laune weiter runterziehen und wäre kontraproduktiv dabei, das Selbstvertrauen wieder aufzubauen.
Eines muss jedem bei St. Pauli klar sein. Mit der Hoffnung, dass die Konkurrenz für St. Pauli spielt, so lange St. Pauli nicht für sich selbst spielt, sollte jetzt Schluss sein, findet auch Smith.
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„Wenn wir auf andere Teams hoffen, dass sie verlieren, haben wir ein Problem. Wir müssen anfangen, Leistung zu zeigen“, fordert der Vize-Kapitän. „Wir müssen zwei Spiele gewinnen. Heute war eine gute Möglichkeit dafür, aber wir haben es nicht geschafft. Also müssen wir das in den nächsten drei Spielen schaffen“, so Smith. „Wir haben keine Wahl. Wir können uns jetzt nicht hinlegen und uns ergeben, dann wären wir im falschen Job.“ Und im falschen Verein sowieso. Die Fans wollen Klassenkampf bis zum Umfallen sehen.
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