Blessin exklusiv: St. Pauli-Trainer spricht über Irvine, Afolayan und seine Träume
Er ist ein Glücksfall für den FC St. Pauli. Gut 15 Monate nach seinem Dienstantritt als Nachfolger von Aufstiegstrainer Fabian Hürzeler gibt es kaum jemanden, der eine andere Meinung über Alexander Blessin (52) fällt. Im exklusiven Interview mit der MOPO spricht der aus Belgien nach Hamburg gewechselte Schwabe über den Saisonstart, den Umgang mit Störfeuern, seine Träume und eine Lieblings-Schlagzeile.
MOPO: Mit welcher Frage kann man Sie derzeit am meisten nerven?
Alexander Blessin: Mhm, mal überlegen … so etwas wie: „Nach den ersten drei Spielen kam ja nichts mehr. Da hattet ihr eine andere Erwartungshaltung, oder?“ Da würde ich dann zurückfragen: „Welche Erwartungshaltung?“ Die wurde nur außerhalb formuliert. Wir waren auch nach dem guten Start sehr klar und hatten nur ein Ziel.
Welches?
Wir haben uns gesagt: Die ersten Punkte haben wir sicher, jetzt wollen wir die Leistung konservieren. Dann hatten wir leider ein schlechtes Spiel in Stuttgart, was aber immer mal passieren kann. Danach zeigen wir gegen Leverkusen eine richtig gute Reaktion, dominieren einen Champions-League-Teilnehmer, stehen aber wieder ohne Punkte da. Und wenn du in Bremen schon nach einer Minute ein Tor kassierst, musst du das auch erst mal verdauen, dann ist es schwer. Ansonsten war es ein Spiel auf Augenhöhe, in dem Nuancen entschieden haben.
St. Pauli-Trainer Blessin kritisiert frühe Rückstände
Rückstände sind ein wiederkehrendes Problem.
In fünf von sechs Spielen sind wir ins Hintertreffen geraten. Das hat natürlich gravierende Auswirkungen. Dann wird es schwierig. Viele der Tore, die wir kassiert haben, waren komplett unnötig und das ärgert mich. Wenn es darum geht, wie man mich nerven kann, dann genau damit: dumme Gegentore. Da müssen wir jetzt den Hebel ansetzen. Wacher sein, konsequenter sein und im Spiel mit Ball mutiger.
Eine Länderspielpause gibt immer auch die Gelegenheit zur Bestandsaufnahme. Ihre Mannschaft steht auf Platz zehn, hat sieben Punkte. Spiegelt das Ihrer Meinung nach die gezeigten Leistungen und das aktuelle Niveau wider?
Was die Punkte angeht, wäre mehr drin gewesen und ich denke, wir hätten auch einen Punkt mehr verdient gehabt. Drei Niederlagen hintereinander hören sich nicht toll an. Deshalb tut es uns jetzt ganz gut, in der Pause mal durchzuschnaufen, alle Spieler mal wegzuschicken und uns dann wieder zu sortieren und neu anzugreifen.
Hätten Sie gedacht, dass die Mannschaft in einigen Bereichen schon weiter ist, schon mehr Schritte gemacht hat, gerade, was die „dummen Gegentore“ angeht oder auch im Spiel nach vorne?
Wir haben ja nicht immer die gleichen Fehler gemacht. Grundsätzlich: Jeder darf Fehler machen. Das ist auch passiert. Wir hatten letztes Jahr die gleiche Situation. Es sind neue Spieler dazugekommen, junge Spieler oder solche, die neu in der Liga sind, und dann ist es ein Prozess. Manchmal geht es schneller und dann ist man überrascht, aber es wird auch immer ein Punkt kommen, wo man einen Rückschritt macht. Dann muss man sich auf die Tugenden besinnen, die uns stark machen. Da müssen wir nach der Pause wieder hinkommen.
Sie meinen das Spiel gegen den Ball, Zweikampfführung, Laufbereitschaft, Positionierung?
Genau. Auch ich bin dann gefordert, das in der täglichen Arbeit auf dem Platz wieder mehr zu implementieren. Da überprüfe ich mich auch immer wieder selbst. Es ist ein stetiger Anpassungsprozess, woran man im Training arbeitet. Wir haben ja nicht gedacht, wir können die Sterne vom Himmel spielen und die Defensive vernachlässigen, ganz sicher nicht! Was mir bei alledem wichtig ist: Keiner von uns oder aus der Vereinsführung ist nach den ersten drei Spielen ausgeflippt. Natürlich haben wir uns in den Spielen danach mehr erhofft oder gewünscht. Wir wollen nichts schönreden, aber auch nichts dramatisieren. Der Saisonstart war hervorragend, dann stimmten die Ergebnisse und in Stuttgart auch die Leistung nicht mehr, und jetzt müssen wir mit neuer Energie weitermachen.
Blessin weiß: Auf St. Pauli liegt jetzt ein größerer Fokus
Stellen Sie im zweiten Bundesligajahr eine Veränderung fest, wie Ihr Team wahrgenommen wird?
Ich glaube, dass wir mit unserem Start für Aufsehen gesorgt haben. Da war plötzlich ein anderer Fokus auf St. Pauli, du wirst ganz anders wahrgenommen und auch die Gegner gehen anders an ein Spiel gegen uns heran als noch in der vergangenen Saison.
Haben Sie mitbekommen, dass Christoph Kramer den Fußball Ihrer Mannschaft über den grünen Klee gelobt hat?
Ja, habe ich.
Freut man sich da als Trainer nicht, wenn Leute, die sich mit Fußball auskennen, so etwas sagen?
Auf jeden Fall. Es ist schön, wenn Experten eine Handschrift erkennen. Aber nach drei Spieltagen muss man das auch richtig einordnen. Der Fußball ist einfach so schnelllebig.
Es gibt viele Nebengeräusche. Das Dauerthema Jackson Irvine, die disziplinarische Maßnahme gegen Oladapo Afolayan. Haben Sie Sorge, dass Ruhe und Gemeinschaftsgefühl dabei verlorengehen?
Das Wichtigste ist unsere sportliche Arbeit und da ist es mir natürlich am liebsten, wenn es keine Ablenkungen gibt. Deswegen probieren wir, uns weiterhin auf unser Kerngeschäft zu konzentrieren, das ist auch mit allen so besprochen. Natürlich gibt es Dinge, die wir nicht beeinflussen können und schon gar nicht, was darüber berichtet wird. Deshalb gilt umso mehr, das auszublenden. Es ist schöner, wenn man in Ruhe arbeiten kann. Diese Atmosphäre haben wir letzte Saison geschaffen und die war auch ein wichtiger Faktor dafür, dass wir als Team den Klassenerhalt geschafft haben. Deshalb legen wir weiterhin großen Wert darauf.
Afolayan und Irvine sorgten für Störfeuer beim FC St. Pauli
Was können Sie als Trainer aktiv tun in solch einer Situation und sehen Sie sich da auch gefordert oder gar in der Pflicht?
Gespräche werden immer geführt, das ist klar. Wir gehen ja nicht auf Problemsuche, sondern suchen Lösungen für Probleme. Das ist für mich das Wichtigste. Wir wollen miteinander und nicht übereinander reden und alles dafür tun, damit wir am Wochenende unsere Leistung abrufen können. Was Dapo angeht: Es ist ja nicht der einzige derartige Fall an dem Wochenende gewesen. So etwas kommt vor. Es hat uns natürlich nicht gutgetan, aber es gibt halt Regeln und die sind mir wirklich wichtig. Das muss für jeden klar und ersichtlich sein. Er ist bestraft worden – und jetzt geht es weiter. Das Thema ist gegessen.
Es gibt Fans, die es als pingelig kritisieren, jemanden nicht einzusetzen, weil er etwas zu spät zu einem Teamtermin gekommen ist.
Der FC Barcelona macht es genauso. Aber wir brauchen hier gar nicht auf andere zu schauen. Als Mannschaft haben wir zusammen bestimmte Punkte festgelegt, die wichtig sind. Einer davon ist Disziplin und die Frage, wie ich mich professionell vorbereite. Gleichzeitig sage ich: Es muss nicht alles immer harmonisch sein. Das wirst du nie schaffen. Auch Reibung ist hin und wieder wichtig, dann lebt eine Mannschaft. Man muss offen und ehrlich miteinander reden können und darf auch mal sauer sein. Kritik muss dann geschluckt und akzeptiert werden, weil jeder weiß: Wir haben alle ein gemeinsames Ziel. Darum geht es.
Ist in solch schwierigen Situationen auch der Mannschaftsrat involviert?
Es lassen sich nicht immer alle Dinge mit der ganzen Mannschaft besprechen. Deshalb hat man dann seine Säulen als Ansprechpartner, die auch in die Mannschaft hineinhören. Der Mannschaftsrat ist ein wichtiges Organ, das nutze ich als Trainer und das muss ich auch. Vieles bekommt man auch durch Einzelgespräche hin. Aber das ging durch den Ausfall von Thomas (Risch, Co-Trainer und Spielanalyst; d. Red.) in letzter Zeit nur in kleinerem Umfang. Wir haben natürlich in der Gruppe die Analysen gemacht, aber sich mit einzelnen Spielern hinzusetzen und mal 15 Minuten Spielszenen anzuschauen und durchzusprechen, das hat mir gefehlt, weil man dabei auch selbst Input bekommt. Das sind extrem wichtige Ressourcen, die wir wieder vermehrt nutzen wollen.
Als Trainer sind Sie ja auch Fußballlehrer. Über allem stehen Resultate, aber wie viel Freude bereitet Ihnen die Arbeit mit hochtalentierten jungen Spielern wie Joel Chima Fujita oder Louis Oppie und die Aufgabe, sie besser zu machen?
Das ist genau das, was den Beruf ausmacht! Es geht um Entwicklung, egal, wie alt man ist. Es ist schön, wenn du Spieler hast, die zuhören, die versuchen, Dinge umzusetzen, die auch Fehler machen, aber im nächsten Moment wissen wollen, wie sie es besser machen können. Da geht dir das Herz auf.
St. Pauli-Trainer Blessin will immer weiter dazulernen
Inwieweit lernen Sie selbst noch dazu oder entwickeln sich weiter?
Ich dachte noch nie, ich wüsste schon alles. Es ging mir immer darum, möglichst viel aufzuschnappen und mir dann in ruhigen Phasen zu überlegen, was eigentlich gut und was schlecht läuft. Also mich immer wieder zu überprüfen und nichts für selbstverständlich hinzunehmen. Das ist anstrengend, erfordert ein hohes Maß an Disziplin, und das habe ich nicht immer. Da bin ich ehrlich. Aber dann kommt irgendwann immer die innere Stimme und sagt: Du musst jetzt wieder was machen! Man darf nie bequem werden und nie aufhören, Sachen einzufordern. Das ist das Wichtigste im Trainerberuf. Es geht um bestimmte Dinge, die du umgesetzt haben willst, und dafür musst du immer wieder neu kämpfen.
Nach gut einem Jahr bei St. Pauli: War die Medienaufmerksamkeit und der Umgang mit Berichterstattung nach dem Wechsel aus der belgischen Liga in die Bundesliga die vielleicht größte Umstellung für Sie?
Nein, nicht wirklich. Es ist doch egal, ob fünf oder 15 Medienvertreter bei der Pressekonferenz sind und nachfragen. Das macht für mich keinen großen Unterschied.
Stichwort persönliche Weiterentwicklung: Wir müssen Sie loben. An der Seitenlinie sind Sie disziplinierter geworden. Sie haben noch keine Gelbe Karte in dieser Saison gesehen.
Warten wir mal ab! (lacht) Das können wir erst am 34. Spieltag bewerten.
Einigen wir uns auf: Es ist ein guter Start.
Der Schnitt bisher ist gut, darauf kann man aufbauen und wenn es mir gelingt, das so weiterzuführen, dann laufe ich jedenfalls nicht Gefahr, noch mal ein Spiel aussetzen zu müssen.
Alex Blessin hat sich diese Saison mehr unter Kontrolle
Reißen Sie sich einfach mehr zusammen oder haben Sie sich tatsächlich bestimmte Verhaltensweisen oder Tricks angeeignet, um die Emotionen besser zu kontrollieren und in Schach zu halten?
Ich gehe vor jedem Spiel im Kopf bestimmte Dinge und Szenarien durch, die passieren könnten, taktische Dinge, Auswechslungen oder auch Schiedsrichterentscheidungen, über die man sich aufregt. Auch in diesem Bereich kann man immer dazulernen, wie man sich selbst regulieren kann. Zunächst heißt es: durchatmen, durchatmen, durchatmen. Dann gibt es verschiedene Wege, um wieder runterzukommen und nicht in eine Negativspirale hineinzugeraten. Ich habe ja schon mal erzählt, dass ich manchmal zur Wasserflasche greife, um mich abzulenken. Wenn ich zu aufgebracht bin, gehe ich auch mal zu meinem Co-Trainer oder zu meinem Videoanalysten, um mich mit denen auszutauschen.
Im vergangenen Sommer hat es lange Spekulationen über Ihren möglichen Abschied gegeben, ausgelöst durch Ihre Aussage nach dem letzten Saisonspiel gegen Bochum, dass Sie nichts versprechen können, was Ihren Verbleib bei St. Pauli angeht. Anfang Juni haben Sie dann ein Foto von sich im St. Pauli-Trikot auf Instagram gepostet, das als Bekenntnis für Ihren Verbleib gewertet worden war. Warum haben Sie sich nicht gleich klar festgelegt? Was ging nach dem Bochum-Spiel in Ihnen vor?
Die Saison war brutal kräftezehrend. Du willst dann auch einfach mal deine Ruhe haben und durchschnaufen. Das ist auch wichtig, um irgendwann mal ein Resümee zu ziehen. Meine erste Ansprechpartnerin ist immer meine Frau, auch meine Kinder versuche ich immer zu involvieren. Wir treffen viele Entscheidungen als Familie. Und dann erst kommen Andreas Bornemann und Oke Göttlich – aber das ist ja auch schon sehr hoch im Ranking. (lacht)
Schauen wir nach vorne: Viele Fußballer träumen vom Europapokal, der Nationalmannschaft oder einer Teilnahme bei einer Weltmeisterschaft. Auch Fans haben natürlich Träume. Wovon träumen Sie eigentlich?
Ich habe am Anfang, als ich hierher gekommen bin, gesagt, dass ich noch nie einen Karriereplan hatte. Das gilt auch weiterhin, denn es ist im Fußball extrem schwierig, die Zukunft zu planen. Mein Traum war immer, mal die Champions-League-Hymne zu hören. Ich hätte die Möglichkeit mit Union Saint-Gilloise gehabt, habe mich dann aber für St. Pauli entschieden. Dafür gab es Gründe, und ich blicke auch heute ohne Bedauern zurück. Es war die richtige Entscheidung, obwohl ich einen persönlichen Traum dafür beiseitegeschoben habe. Natürlich habe ich auch noch andere Träume. Viele haben mit der Familie zu tun und deshalb behalte ich sie für mich.
Welche Schlagzeile, die die Begriffe „St. Pauli“ und „Blessin“ enthält, möchten Sie am Ende der Saison gerne lesen?
St. Pauli hat es wieder geschafft! Das wäre in der Summe erneut ein wahnsinniger Erfolg angesichts des geringsten Etats.
Es fehlt „Blessin“.
Meinen Namen muss ich da nicht lesen.