Beim Händeschütteln merkt sie es: St. Paulis Chefin und die Ignoranz einiger Bosse
Aufsichtsratsvorsitzende von Fußballvereinen sind in der Regel Männer. Es ist ein Kosmos der Silberrücken in dunklen Anzügen. Eine Macher- und auch Macker-Welt mit entsprechendem Klima. Der FC St. Pauli bildet seit vielen Jahren eine Ausnahme und sorgt mit dem Aufstieg für ein Novum in der Bundesliga. Seit kurzem steht eine neue Frau an der Spitze des braun-weißen Kontrollgremiums: Kathrin Deumelandt. Ein Wechsel, der für viele überraschend kam, obwohl er unumgänglich war. Sehr viel mehr als ihr Name ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Wer ist die neue „Ober-Kontrolleurin“ des Kiezklubs, wofür tritt sie ein und was hat sie vor?
Was die Wochenendgestaltung betrifft, lässt sich letztere Frage ganz leicht beantworten: Fußball gucken. Im Stadion natürlich. Am Millerntor oder in der Fremde. Es gibt nach dem Aufstieg viel zu entdecken, neue Arenen und Städte zu erleben. Sie genießt das und wenn sie davon erzählt, dann ist die Leidenschaft zu spüren.
Kathrin Deumelandt ist schon sehr lange St. Pauli-Fan
Deumelandt, Jahrgang 1973, ist Fan des FC St. Pauli und das schon ziemlich lange, ein halbes Leben, und daran wird und soll sich auch nichts ändern trotz der neuen Funktion und daraus resultierenden Situation, die durchaus „aufregend“ sei, wie sie im Gespräch mit der MOPO sagt.
Ziemlich unaufgeregt und unprätentiös war dagegen der Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats über die Bühne gegangen und bei der Mitgliederversammlung Mitte November öffentlich vollzogen worden. Nach zehn Jahren als Vorsitzende hatte Sandra Schwedler statutengemäß ihren Posten abgeben müssen und Stellvertreterin Deumelandt, 2022 mit den meisten Stimmen in den Aufsichtsrat gewählt, ist an die Spitze des siebenköpfigen Gremiums aufgerückt, Schwedler wiederum jetzt ihre Stellvertreterin.
„Lange geplant“: So kam es zum Wechsel im Aufsichtsrat
„Einige waren wohl etwas überrascht, weil sie den turnusmäßigen Wechsel nicht auf dem Schirm hatten. Wir hatten das intern lange vorher besprochen und geplant“, berichtet Deumelandt, die bei der Mitgliederversammlung nicht Kostüm oder Blazer, sondern eine schwarze Trainingsjacke mit Totenkopfemblem trug. „Die Übergabe verlief völlig unkompliziert.“ Sie erzählt das so nüchtern, als habe sie den Job der Kassenprüferin in einem Kaninchenzüchterverein übernommen.
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Es ist natürlich eine große Sache. Für Deumelandt eine Beförderung, eine „Herausforderung und auch eine Ehre, so einen Posten in meinem Verein übernehmen zu dürfen“, betont die studierte Sozialökonomin mit Schwerpunkt Wissenschaft. Sie empfindet es als Privileg und zugleich Verpflichtung.
Auch unter Deumelandt bleibt der St. Pauli-Kurs derselbe
Ein Kurs-Wechsel ist nach dem Führungswechsel nicht zu erwarten, weder inhaltlich noch im Umgang, eher ein Weiter-so aus Überzeugung. „Intern wird sich gar nicht so viel ändern“, sagt Deumelandt. „Wir pflegen einen kooperativen Stil im Aufsichtsrat. Da hat so ein Titel einen geringeren Stellenwert, als es wahrscheinlich in anderen Vereinen der Fall ist.“
Eine Chefin, die nicht sonderlich viel Wert darauf zu legen scheint, Chefin zu sein. „Was sich für mich ändert, ist die Sichtbarkeit als Vorsitzende. Jetzt bin ich diejenige, die als erste angesprochen wird, wenn der Aufsichtsrat gefragt wird – oder die MOPO ein Interview führen möchte“, schiebt sie lachend hinterher.
Die in den vergangenen Jahren recht geräuschlose und zumindest nach außen reibungslose Zusammenarbeit mit dem Präsidium soll auch mit einer Vorsitzenden Deumelandt fortgeführt werden, was nicht bedeutet, als Kontrollgremium alles kritiklos abzunicken. Gleichwohl herrscht in weiten Teilen Einigkeit über den aktuellen Kurs des Klubs.
Deumelandt: „Ich bin gerne kooperativ unterwegs – aber …“
„Wir haben einen sehr guten Austausch mit dem Präsidium und grundsätzlich ein sehr gutes Verhältnis. Es ist ein gemeinsames Arbeiten“, berichtet Deumelandt. „Der Coup mit der Genossenschaft beispielsweise zeigt, wie gut und stringent so etwas funktionieren kann in einem nicht ganz einfachen Umfeld wie Profifußball.“ Eine gemeinsame Linie sei wichtig, aber nicht als Selbstzweck.
Ihr Führungsstil? „Mir ist es wichtig, zu überzeugen und alle mitzunehmen“, sagt Deumelandt, die nach neun Jahren bei der Wissenschaftsbehörde Hamburg im September die Regionalleitung der Volkshochschule Ost in Farmsen übernahm und dort ein großes Team führt. „Ich bin gerne kooperativ unterwegs, ohne aber alle Meinungen teilen zu wollen. Ich muss nicht immer einen Konsens erzielen, sondern kann auch gut mit Mehrheitsentscheidungen leben. Was ich, glaube ich, in meinem Job ganz gut kann: Entscheidungen treffen.“
Auch Konflikte scheue sie nicht, betont Deumelandt. „Oh ja, ich kann sehr gut streiten!“, sagt sie auf Nachfrage lachend und fügt, gleich wieder ernst, an: „Ich kann vor allem aber emotionslos streiten, in der Sache. Das ist wichtig. In der Sache kann ich hartnäckig und konsequent sein – manche würden es vielleicht sogar stur nennen.“
„Ein Trugschluss“: FC St. Pauli will mehr als nur Bundesliga
Deumelandt will nicht verwalten, sondern mitgestalten, den Verein nach vorne bringen. „Es gibt immer was zu tun und es geht immer besser. Zu sagen: Jetzt sind wir aufgestiegen, spielen Bundesliga, haben eine Schale im Museum, viele Frauen in den Gremien und können uns zurücklehnen – das ist ein Trugschluss.“
Die exponierte Stellung und die neue Aufmerksamkeit, die sie als Frontfrau bekommt, will sie nutzen. „Die Sichtbarkeit von Frauen im Fußball, insbesondere in Führungspositionen, ist mir ein großes Anliegen“, sagt Deumelandt. „Ich glaube, dass der Fußball diesbezüglich der gesellschaftlichen Entwicklung deutlich hinterherhinkt. Bei vielen Klubs muss man Frauen mit der Lupe suchen – wenn man sie denn überhaupt findet.“
Klub hat vier Frauen im Aufsichtsrat und drei im Präsidium
Sie ist überzeugt, dass der FC St. Pauli Signalwirkung hat, die durch die Bundesliga-Präsenz deutlich stärker geworden ist. „Vier Frauen in unserem Aufsichtsrat, drei Frauen im Präsidium – das ist eine Besonderheit, im deutschen und auch im europäischen Fußball. Da sind wir als FC St. Pauli ein Vorbild und das wollen wir auch sein.“ Der Grat zur Missionierung ist oft schmal, dessen ist sich Deumelandt bewusst. „Es ist nicht mein Auftrag als Aufsichtsratsvorsitzende des FC St. Pauli, andere Vereine und Klubs zu belehren. Vielmehr wollen wir andere Frauen ermutigen, sich im Fußball zu engagieren, sich zur Wahl für Gremien zu stellen.“
Sie weiß um die Probleme, die Hürden. Mangelnde Sichtbarkeit, mangelnder Respekt, Vorurteile – alles selbst erlebt. „Einige tun sich schwer damit, überhaupt zu glauben, dass die Frau, die vor ihnen steht, Aufsichtsrätin oder Aufsichtsratschefin eines Profi-Fußballklubs ist. Da sieht man sehr viel Erstaunen in den Blicken. Das ist mehr als einmal passiert in den vergangenen Jahren“, erzählt Deumelandt.
Negative Reaktionen gab es von Fans, aber auch Vereinsvertretern der gegnerischen Klubs. Die Information, dass sie und auch Schwedler Aufsichtsrätinnen seien, „wurde nicht selten abfällig quittiert“, wie Deumelandt berichtet. „Ungläubiges Weglachen“, nennt sie das, „weil nicht sein kann, was nicht zu den Vorstellungen mancher Menschen passt.“ Der mangelnde Respekt zeige sich oftmals schon bei der Begrüßung der Vereins-Delegationen. „Man merkt es oft daran, wessen Hand zuerst geschüttelt oder wem mehr Beachtung geschenkt wird.“
Führungsfrauen? Fehlender Respekt von Außenstehenden
Der mangelnde Respekt mag auch damit zu tun haben, dass viele Außenstehende glauben, St. Paulis-Führungsfrauen seien allein aufgrund der 2021 eingeführten Frauen-Quote ins Amt gekommen. Die Unkenntnis und Ignoranz ärgert Deumelandt. „Was viele vergessen: Keine einzige Frau in unseren Gremien ist über die Quote hineingekommen. Alle sind mit teilweise sehr hohen Ergebnissen gewählt worden – aufgrund ihrer Qualifikation und Persönlichkeit. Wir müssen nicht beweisen, dass wir es als Frauen genauso gut oder besser können, schon gar nicht uns. Wir wissen das!“ Sie weiß aber auch, dass die Quote und vor allem die Diskussionen im Vorfeld nötig waren für den Wandel. „Dadurch haben sich mehr Frauen ermutigt gefühlt, für ein Amt bei uns im Verein zu kandidieren.“ Letztlich auch sie selbst.
Deumelandt ist in der sachsen-anhaltinischen Kreisstadt Burg geboren, im Alter von sechs Monaten mit ihren Eltern nach Magdeburg gezogen dort aufgewachsen. „Ich komme aus einer Fußball-affinen Familie“, erzählt sie. Im Jahr 2000 zog sie nach Hamburg, studierte an der Uni. „Da bin ich sehr schnell mit dem FC St. Pauli in Berührung gekommen. Jemand hat mich mit ins Stadion genommen und dort ist es mir ergangen wie so vielen anderen: Hier fühle ich mich wohl, hier bleibe ich. Das ist ein Gefühl von zu Hause.“
Deumelandts Anfänge mit St. Pauli: „Gefühl von zu Hause“
Ihr Stammplatz: die Gegengerade des Millerntorstadions, Stehplatzbereich, seit fast einem Vierteljahrhundert. Auch das unterscheidet Deumelandt von den Aufsichtsratschefs der 17 anderen Bundesligisten. Heimspiele der Kiezkicker verfolgt sie weiterhin am liebsten dort, wenngleich sie künftig häufiger mal im für die Funktionärsriege vorgesehenen Sitzplatzbereich Platz nehmen dürfte. Durchaus eine Herausforderung.
„Fußball im Sitzen zu gucken, bringt mir echt keine Freude, denn ich brauche einen gewissen Bewegungsspielraum. Fußball im Stehen ist für mich einfach passender und schöner“, sagt Deumelandt, die in Altona wohnt, nicht weit vom Stadion entfernt. „Auf der Tribüne bin ich in erster Linie Fan und supporte meinen Verein. Ich singe gerne mit und rege mich auch auf – da ist es manchmal ganz gut, dass das eine oder andere in der Menge untergeht“, erzählt sie schmunzelnd und stellt klar: „Ich werde auf meinen Stehplatz nicht dauerhaft verzichten, um Hände zu schütteln.“ Wobei es in Sachen Sichtbarkeit konsequent wäre, sich im Bereich der Offiziellen zu zeigen. Ein Spagat zwischen Mandat und Passion.
Früher Buchhaltung und Stadionführung, dann Kandidatur
Fan und Funktionärin – für Deumelandt, die auch regelmäßig mit dem braun-weißen Anhang zu Auswärtsspielen fährt, ist das kein Widerspruch. Es beschreibt vielmehr ihren Werdegang bei St. Pauli. „Ich gehöre zu den Menschen, die sich einbringen wollen, wenn sie sich für etwas interessieren oder sogar dafür brennen.“ 2009 trat sie in die Abteilung Fördernder Mitglieder (AFM) ein, half dort in der Buchhaltung, gab nebenbei Stadionführungen für das Museum, weil sie Spaß daran hatte. „Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mir sagte: Vielleicht kann ich noch mehr für den Verein tun und mich mit meinen beruflichen Kompetenzen voll einbringen.“ Es folgte die erfolgreiche Kandidatur für den Aufsichtsrat vor zwei Jahren. Jetzt ist sie Vorsitzende.
Die Zeiten könnten spannender kaum sein. Das Bundesliga-Comeback, die Gründung der Genossenschaft als Gegenmodell im immer härter werdenden wirtschaftlichen Wettbewerb und gesellschaftliche Debatten, zu denen der FC St. Pauli eine Meinung hat – und mit Deumelandt eine neue Stimme. Sie wolle sich „einmischen, weil ich anders gehört werde in meinem Amt.“
St. Pauli wehrt sich gegen Hass: „Schultern sind stark“
Dass der Kiezklub aufgrund seiner offensiv vertretenen Werte mit dem Aufstieg deutlich verstärkt zur Zielscheibe für Ablehnung und Hass geworden ist, wertet Deumelandt nicht zwingend als schlechtes Zeichen. „Wenn du weißt, aus welcher Ecke du mit Schmutz beworfen wirst, dann kannst du es richtig einordnen.“ Soll heißen: Ein Shitstorm von Rechtsaußen oder aus anderen extremistischen Bubbles ist eine Bestätigung und kein Schuss vor den Bug. „Unsere Schultern sind stark und unsere Rücken breit genug, um das auszuhalten.“
Deumelandt sieht den Kiezklub auch als „gesellschaftlichen Akteur“ und stellt klar: „Als FC St. Pauli werden wir weiter für unsere Werte einstehen und uns gerade machen. Wir wollen Themen setzen, für eine andere Art von Gesellschaft stehen, Missstände ansprechen, auch jene im Fußball, und wenn es nötig ist, den Finger in die Wunde legen. Ja, wir wollen auch nervig sein.“
Die Frage sei, „wie wirkmächtig du als kleiner FC St. Pauli am unteren Ende der Tabelle der Bundesliga bist?“, gibt Deumelandt von sich aus zu bedenken. „Wir haben sicher einen Einfluss. Aber wir sind nicht in der Lage, das ganze System zu revolutionieren. So ehrlich müssen wir sein.“
Spagat nötig: Deumelandt sieht den Verein „erstklassig“
Wo sieht die neue Aufsichtsratschefin ihren FC St. Pauli in fünf bis zehn Jahren – und wo möchte sie ihn sehen?
„Natürlich erstklassig“, antwortet Deumelandt, deren zweite große Leidenschaft neben dem Fußball Lindy Hop ist, ein energiegeladener und fröhlicher Swing-Tanz. „Wir sind auf dem schwierigen Weg, hoffentlich ein Bundesligist zu bleiben. Das erfordert jede Menge Anstrengung in vielen Bereichen.“ Entscheidend sei, dass der Kiezklub den „Spagat zwischen sportlichem Erfolg und nachhaltiger Wirtschaftlichkeit“ hinbekomme, „wir guten Bundesligafußball spielen und keinen Abstieg fürchten müssen, der wichtige Projekte verhageln könnte“.
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Sagt Kathrin Deumelandt, die Aufsichtsratsvorsitzende. Als Fan fügt Kathrin Deumelandt noch an: „Und natürlich träume ich – wie viele von uns – davon, irgendwann noch mal mit unserer Mannschaft zu Auswärtsspielen zu reisen, die noch ein bisschen weiter weg sind.“ Und damit sind nicht Unterhaching oder Cottbus gemeint.