„Bei uns dreht keiner durch“: Ist für St. Pauli diese Saison sogar mehr drin?

St. Paulis Spieler jubeln vor der Kurve
St. Paulis Spieler dürfen sich nach dem Start inklusive Derbysieg freuen, wollen aber nicht übertreiben.

Der Blick auf die Tabelle lässt das Herz der St. Pauli-Fans höher schlagen, ganz zu schweigen vom jüngsten Auftritt im Volksparkstadion. Platz fünf in der Liga, noch unbesiegt, Derbysieger, dazu im DFB-Pokal eine Runde weiter. Der braun-weiße Start in die neue, die zweite Bundesliga-Saison ist gelungen – insbesondere, wenn man ihn mit dem Auftakt in die erste vor einem Jahr vergleicht. Aber was bedeutet das? Was sagen die ersten Ergebnisse und Leistungen über die Stärke der Mannschaft – und die Möglichkeiten?

Ein Traumstart, so ehrlich muss man sein, ist es nicht. Dafür hätte es zweier Siege und sechs Punkten statt vierer bedurft und eines deutlichen Sieges im Pokal gegen Viertligist Norderstedt. Ein Topstart ist es allemal, denn das Remis gelang gegen Dortmund (3:3) und im Cup geht es nur ums Weiterkommen.

St. Pauli-Boss Bornemann: „Geht in die richtige Richtung“

Nichts zu meckern auf dem Kiez. Aber auch kein Grund zur Euphorie – zumindest bei den Verantwortlichen, die den Ball flach halten. Während Trainer Alexander Blessin direkt nach dem überzeugenden 2:0 beim HSV den „Zeigefinger“ hob und jedem, der abzuheben gedachte, kernig drohte, „eine vor den Latz geknallt zu bekommen“, sendet der Sportchef mit einer Woche Abstand die gleiche Botschaft – nur gewohnt gemäßigter.

„Wir freuen uns über den gelungenen Start. Es geht in die richtige Richtung“, sagt Andreas Bornemann im Gespräch mit der MOPO. Seine erste Bestandsaufnahme: „Nach den ersten drei Pflichtspielen und auch den vorangegangenen Vorbereitungsspielen zeigt sich, dass einige Dinge, die wir uns überlegt haben, aufgehen können. Einiges funktioniert schon ganz gut, aber es ist auch noch viel Luft nach oben.“

Hier zeigt sich bei St. Paulis Spiel schon ein Qualitätssprung

Das klingt bescheiden, aber wenn man die ersten drei Pflichtspiele noch mal Revue passieren lässt, dann ergibt die zurückhaltende Einschätzung Sinn. Bornemann: „Gegen Norderstedt haben wir es unnötig spannend gemacht, mit drei Gegentoren gegen Dortmund können wir nicht zufrieden sein, im Derby standen wir mit Ausnahme des Abseitstors sehr stabil.“

Jubel bei St. Pauli über die Führung gegen den HSV
Adam Dzwigala (l.) brachte St. Pauli gegen den HSV auf die Siegerstraße.

Unbestritten gibt es sehr erfreuliche, ermutigende und auch vielversprechende Erkenntnisse: Mit Abstrichen beim 3:3 gegen den BVB zeigt St. Pauli weiterhin eine beeindruckende Kompaktheit und Stabilität. Zentrale Aspekte des Spiels, bei denen sich die Kiezkicker auf ihrer zweiten Mission Klassenerhalt verbessern wollten und für die auch entsprechendes Personal verpflichtet worden ist, zeigen schon jetzt einen Qualitätssprung. Etwa Balleroberungen im defensiven Mittelfeld, Umschaltsituationen und Handlungsschnelligkeit sowie im Spiel nach vorne mehr Ballsicherheit und deutlich mehr Geschwindigkeit und Wucht, dazu eine Steigerung der Anzahl an Torchancen.

Joel Chima Fujita ist erhoffter Top-Transfer beim Kiezklub

Die Neuen, die für tragende Rollen vorgesehen waren, sind eingeschlagen. Joel Chima Fujita ist ein Schlüsselspieler im zentralen Mittelfeld, kurz: der erhoffte Top-Transfer. Leistungsträger sind auf Anhieb auch Schienenspieler Louis Oppie, Flügelstürmer Mathias Pereira Lage und Stürmer Andréas Hountondji, der nach zwei Spielen zwei Tore auf dem Konto hat und Morgan Guilavogui vergessen lässt (sowie HSV-Verteidiger Jordan Torunarigha im Gedächtnis bleiben dürfte). Darüber hinaus ist Arkadiusz Pyrka ein mehr als würdiger Saliakas-Vertreter. Und der kurz vor Ende der Transferperiode verpflichtete Angreifer Martijn Kaars hat noch gar nicht richtig losgelegt.

Sind diese Kiezkicker trotz der gravierenden Verluste von Guilavogui, Philipp Treu und Elias Saad bereits besser als die der Vorsaison? Dass es nicht sicher ist, dass Kapitän Jackson Irvine sofort wieder in der Startelf steht, sobald er spielfähig ist, sagt einiges. „Für Rückschlüsse ist es viel zu früh“, wiegelt Bornemann ab. Vergleiche zum Start der Vorsaison (null Punkte und 1:6 Tore nach drei Spielen) verbieten sich allein schon deshalb, weil St. Pauli damals Aufsteiger war und anfangs Lehrgeld zahlte. „Wo wir in puncto Leistungsstärke in etwa stehen, auch im Ligavergleich, können wir seriös frühestens nach dem achten oder zehnten Spieltag sagen.“

Andreas Bornemann jubelt mit dem Trainerteam.
Andreas Bornemann jubelt mit dem Trainerteam.

Der starke Start hat jedenfalls Folgen. Die Mannschaft kann mit Selbstvertrauen und Überzeugung weiterarbeiten und die kommenden Aufgaben in Angriff nehmen. Es herrscht Ruhe, es gibt keine Zweifel am eingeschlagenen Weg, keinen brutalen Druck, die ersten Punkte holen zu müssen, mit dem Rücken zur Wand im Tabellenkeller. Das ist kein Ruhekissen, sondern eine stabile Basis und damit gute Grundlage. „Bei uns dreht keiner durch. Wir wissen die bisherigen Spiele einzuordnen“, betont Bornemann, meint damit Mannschaft, aber auch Vereinsgremien.

Einige Experten trauen St. Pauli zu, überraschen zu können

Ist im zweiten Erstligajahr dennoch mehr drin für den FC St. Pauli, der sich in der Bundesliga festbeißen und dann etablieren will? Eine Verbesserung zum Vorjahr (Platz 14), vielleicht sogar eine Rolle als Überraschungsteam? Einige Fans träumen davon, so mancher Experte hält das für möglich. Das dürfte mit jedem weiteren Sieg zunehmen.

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Steigen mit dem Topstart und den guten Aussichten auch die Ambitionen? „Es gibt keinerlei Veranlassung, irgendeine Korrektur oder Anpassung unserer Saisonziele vorzunehmen, auch wenn die ersten Ergebnisse erfreulich sind“, stellt der Sportchef klar. „Da lassen wir uns auch nicht treiben. Für uns geht es weiterhin darum, unser Spiel zu verbessern, uns als Mannschaft zu entwickeln und erneut den Klassenerhalt zu schaffen – nicht mehr und nicht weniger.“ Aber auch Bornemann muss zugeben: Es ist angenehmer, derartige Fragen abzubügeln, als jene nach dem Fehlstart in der Vorsaison, ob der Kiez-Kader erstligatauglich sei.