„Auf die Fresse“: St. Pauli kassiert Klatsche gegen Bayern – und einen Knacks?
Das „Topspiel“ am Millerntor – eine Mogelpackung. Top war nur eine Mannschaft, eine der besten der Welt aktuell, und das bekam der FC St. Pauli auf schmerzhafte Weise zu spüren. Die Kiezkicker hatten dagegen einen ganz schlechten Tag, wurden von Rekordmeister Bayern München nach der Pause förmlich überrollt, luden die Gäste mit einem Fehlerfestival zum Toreschießen ein und kassierten eine böse 0:5 (0:1)-Klatsche, die auch das im Klassenkampf wichtige Torverhältnis heftig ramponierte. Ob auch das in den vergangenen Wochen mühsam aufgebaute Selbstvertrauen nachhaltig anknackst ist, wird sich zeigen.
Mit versteinerten Mienen und hängenden Schultern schlichen die Spieler nach der Abreibung vom Rasen und durch die Katakomben des Millerntorstadions in Richtung Kabine. Wer in der Mixed Zone, wo die Interviews geführt werden, zu Wort gebeten wurde, redete nicht groß drumherum.
„Es ist hart. Bayern hat fast jeden Fehler genutzt, den wir gemacht haben. Gegen eine Mannschaft mit solch einer Qualität ist das tödlich“, meinte Torhüter Nikola Vasilj, für den der Abend angesichts der untypisch vielen Gegentore besonders bitter gewesen war. „Ich hatte das Gefühl, dass wir nach dem zweiten Gegentor ein bisschen kollabiert sind.“ An den Treffern war er schuldlos, hatte sich allerdings auch einige Unsicherheiten am Ball geleistet. Der Keeper und seine Kollegen konnten noch froh sein, dass tief in der Nachspielzeit das letzte Bayern-Tor zum vermeintlichen 0:6 nach VAR-Intervention wegen einer Abseitsstellung zurückgenommen worden war, sonst wäre das halbe Dutzend voll gewesen – und damit die Höchststrafe perfekt.
Höchste St. Pauli-Heimniederlage seit 15 Jahren
Auch der bei der Pressekonferenz kurz angebundene Trainer Alexander Blessin beklagte in der zweiten Halbzeit die „drei blöden Fehler, die bestraft worden sind“ und ärgerte sich, „weil es nicht nötig war, diese Geschenke zu verteilen. 0:5 – das tut einfach weh.“ Es war die höchste Niederlage seit dem Aufstieg 2024. Und die höchste Heimniederlage seit Mai 2011 – und dem 1:8 gegen Bayern München.

Die Pleite kann auch noch am Saisonende wehtun, denn sie belastet das Torverhältnis (-25) des Tabellen-16., das jetzt nur noch um einen Treffer besser ist als das des Vorletzten Wolfsburg (-26). „Es ist ja keine Schande gegen Bayern München zu verlieren, aber die Höhe ist völlig unnötig, weil unsere Stärke die Defensive und die Kompaktheit ist“, monierte deshalb auch Sportchef Andreas Bornemann. „Jetzt haben wir heute nicht nur keine Punkte geholt, sondern wichtige Tore hergeschenkt, weil vielleicht auch am Ende die Tordifferenz auch nochmal einen Punkt wert sein kann.“ Er konnte sich das Defensivverhalten in der zweiten Halbzeit und das Fehlerfestival „noch nicht so richtig erklären, weil es eigentlich untypisch ist, dass wir so fahrlässig dem Gegner Chancen ermöglichen. Und gegen Bayern München ist es natürlich doppelt bitter.“
Bayern sichern sich neuen Bundesliga-Torrekord
Die Bayern wiederum nahmen all die Geschenke dankend an und spazierten förmlich zum neuen Bundesliga-Torrekord von 105 Treffern in einer Saison, mit dem sie die zuvor gültige vereinseigene Bestmarke (101) innerhalb von 90 Minuten förmlich pulverisierten gegen einen Gegner, der an diesem Abend überhaupt nicht auf der Höhe war, was auch Bayern-Coach Vincent Kompany anmerkte. „Normalerweise verteidigt St. Pauli sehr gut, bekommt wenig Tore und lässt auch wenig zu“, so der Belgier und schien darüber verwundert. Es war aber eben kein normaler Abend, sondern ein schwarzer für Braun-Weiß.
„Man darf auch nicht vergessen wir sind nicht die erste Mannschaft, die von Bayern auf die Fresse bekommen hat“, gab Abwehrchef Hauke Wahl zu bedenken, wollte das aber nicht als Entschuldigung verstanden wissen, sondern nur als Einordnung der Höhe der Niederlage gegen die Münchner, die zwischen den beiden Viertelfinal-Spielen gegen Real Madrid gleich mehrere Startelf-Spieler wie Harry Kane, Luis Diaz oder Jonathan Tah schonten und zunächst zunächst auf der Bank beließen.
Irvine und Smith fehlten an allen Ecken und Enden
Nicht zu vergessen ist auch, dass den Kiezkickern mit dem gesperrten Jackson Irvine der kampfstarke und kommunikative Kapitän im zentral-defensiven Mittelfeld gefehlt hatte und die Mannschaft erneut auf den verletzten Defensiv-Strategen Eric Smith (Wade) verzichten musste – ganz zu schweigen vom seit Wochen schmerzlich vermissten James Sands (Saisonaus). Dem Zentrum mangelte es an Stabilität.
Bitter: im kommenden und nun noch wichtigeren Heimspiel gegen den 1. FC Köln am kommenden Freitag wird Joel Chima Fujita fehlen, der gegen Bayern seine fünfte Gelbe Karte sah und für ein Spiel gesperrt ist. Dafür kehrt Irvine zurück.
Das Ziel, gegen den Favoriten hinten so lange wie möglich die Null zu halten, war lediglich für gute acht Minuten gelungen, dann hatte Musiala nach einer feinen Flanke des unbedrängten Laimer noch weniger bedrängt zur Bayern-Führung eingeköpft (9.). „Schon das erste Gegentor schmeckte richtig fad“, ärgerte sich Blessin. „Das kann man alles besser verteidigen.“
Mets und Wahl patzen vor Gegentoren
Die Geschenke in der Kurz-Zusammenfassung: Goretzkas 0:2 (53.) nach einer Freistoßflanke von Kimmich verlängerte Ritzka unglücklich per Kopf zum Schützen. Vor dem 0:3 durch Olise (54.) verlor Karol Mets den Ball, dem 0:4 von Jackson ging ein fataler Ballverlust von Fujita voraus und vor dem 0:5 durch Guerreiro (89.) vertändelte Wahl die Pille an der eigenen Strafraumgrenze. Lars Ritzka sprach von „dummen Fehlern, die dir direkt um die Ohren fliegen.“

St. Pauli war chancenlos, hatte aber Chancen. Die beste durch Mathias Pereira Lage, dessen Flachschuss aus sieben Metern nach starkem Zuspiel von Mathias Rasmussen von Bayerns hineinrutschenden Innenverteidiger Kim mit der Hacke geblockt wurde (30.). Nur Zentimeter hatten zum Ausgleich gefehlt. Die einzigen weiteren nennenswerten Chancen: Tomoya Ando per Kopf (31.), Andréas Hountondji (47.). Das war es. Zu wenig. Aber St. Paulis Problem war an diesem Abend nicht die Offensive, sondern die Defensive.
Fans muntern Kiezkicker nach Klatsche auf
Trotz der Klatsche gab es während der Partie und auch nach den deprimierenden 95 Minuten aufmunternden Applaus und Anfeuerung – nicht zuletzt für die nächste Aufgabe gegen Köln. Das Publiklum und die Stimmung am Millerntor begeisterten auch Bayern-Trainer Kompany und TV-Experte Lothar Matthäus. „Unglaublich, was hier los ist. Die Fans wissen, dass die Mannschaft die Unterstützung braucht. Ich bin überzeugt, dass diese Unterstützung hier von den Rängen der Mannschaft gerade in der jetzigen Situation sehr viel helfen wird mit den nächsten Aufgaben“, meinte der deutsche Rekord-Nationalspieler und Weltmeister von 1990.
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„Wir sind super stolz, dass wir die Fans im Rücken haben und es tut mir einfach nur leid für die“, meinte Ritzka und Blessin betonte: „Wie sie uns unterstützen, in jeglicher Hinsicht, das brauchen wir dann einfach auch. Wir brauchen sie nächste Woche noch umso mehr.
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