Asamoah über die Wahl und Rassismus: „Ich habe Angst, was auf uns zukommt“

Die Zeit nach seiner Karriere als Profi-Fußballer widmet Asamoah wortwörtlich seinem Herzensthema.
Die Zeit nach seiner Karriere als Profi-Fußballer widmet Asamoah wortwörtlich seinem Herzensthema.

Gerald Asamoah prägte den deutschen Fußball maßgeblich mit, nicht zuletzt in der Nationalmannschaft – und auch beim FC St. Pauli hat er gespielt. Heute beschäftigt den 46-Jährigen aber vor allem eins: seine Stiftung für herzkranke Kinder. Die MOPO hat Asamoah in Hamburg getroffen und mit ihm über seine eigene Krankheit, seine St. Pauli-Zeit, Rassismus und die aktuelle Politik gesprochen.

MOPO: Herr Asamoah, Sie haben vor 18 Jahren Ihre Stiftung für herzkranke Kinder gegründet. Wissen Sie, wie vielen Kindern Sie mit den eingenommenen Spenden bereits helfen konnten?

Gerald Asamoah: Wir konnten schon über 100 Kindern das Leben retten.

Es ist im wahrsten Wortsinn ein Herzensprojekt. Ist das etwas, was Ihnen persönlich vielleicht sogar mehr gibt als frühere Triumphe im DFB-Pokal mit Schalke oder das Erreichen des WM-Endspiels?

Als Fußballer willst du immer Titel gewinnen. Aber als Mensch ist es etwas ganz anderes. Es gibt nichts Schöneres, als ein Kind nach einer erfolgreichen OP am Krankenbett zu sehen und zu wissen, dass man helfen konnte, ihm das Lächeln zurückzugeben. Das gibt dir mehr, als Weltmeister zu werden. Das macht einfach stolz.

Gerald Asamoah vor einer Torwand des Unternehmens Abbott
Gerald Asamoah in Hamburg vor einer Torwand des Medizintechnik-Unternehmens Abbott, das seine Herz-Stiftung ganz wesentlich unterstützt.

Ihr Herzfehler ist erst entdeckt worden, als Sie mit 19 Jahren nach einem Spiel von Hannover 96 zusammenbrachen. Können Sie schildern, wie Sie das damals erlebt haben?

Ich konnte es gar nicht fassen, ich hatte vorher nie ein Problem. Auf einmal sagt man, dass es vorbei ist und ich kein Fußball mehr spielen kann. Ich habe mein Leben lang davon geträumt, Profi zu werden. Es ging mir auch nicht nur um mich, sondern auch um meine Familie. Ich war der Junge, der vielleicht das Geld mit nach Hause hätte bringen können. Der Schock war groß.

Nach einem Ärzte-Marathon haben Ihnen Spezialisten in den USA gesagt, dass das Risiko, dass Ihnen etwas passiert, bei jedem Spiel bei einem Prozent liege. Sie haben sich dafür entschieden, Ihre Karriere fortzusetzen. Wie schwer fiel Ihnen diese Entscheidung?

Ich habe in meinen Glauben an Gott vertraut und hatte die Sicherheit zu sagen, dass, wenn mir etwas passiert, ein Defibrillator am Spielfeldrand steht und jeder weiß, was ich habe. Trotzdem kam viel Kritik von Ärzten, die gefragt haben, wie man so etwas zulassen kann. Aber das Risiko war bei unter einem Prozent – da hätte ich auch auf der Straße überfahren werden können. Es war wichtig, dass mich meine Eltern, Geschwister und Freunde unterstützt haben. Natürlich hat sich gerade meine Mutter Gedanken gemacht, dass etwas passieren könnte, aber sie stand immer hinter mir. Das hat mich sehr motiviert weiterzumachen.

Gerald Asamoah stimmt den DFB-Pokal in die Höhe
Zweimal wurde Asamoah DFB-Pokalsieger mit seinem FC Schalke 04.

Hat danach die Furcht, dass etwas passieren könnte, immer mitgespielt?

Es war anfangs psychisch brutal, wenn du auf dem Platz stehst und immer Angst hast, dass etwas passieren könnte. Aber die Angst war nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Mitspielern gegeben. Als ich mein erstes Spiel wieder gemacht habe – es war gegen Karlsruhe –, habe ich mich nach dem Spiel auf den Rasen gelegt, weil ich erschöpft war. Sofort standen so viele Menschen um mich herum, weil sie dachten, dass wieder etwas passiert sei. Da habe ich gemerkt, was das auch mit den Menschen um mich herum macht.

Gerald Asamoah zeigt einen Notizblock mit einem Herzen
Mit seiner Stiftung setzt sich „Asa“ für herzkranke Kinder ein.

Sie arbeiten mit der Firma Abbott zusammen, die zum Thema Herzerkrankungen forscht, um Betroffenen den Alltag zu vereinfachen. Wie können wir uns das vorstellen und was bedeutet Ihnen diese Zusammenarbeit?

Sehr viel. Man kann auch alleine etwas erreichen, aber wenn man einen Partner hat, der einem Sicherheit gibt, von Anfang an seiner Seite ist und einen unterstützt, bedeutet das sehr viel. Abbott ist ein weltweit führendes Unternehmen im Bereich der Herzgesundheit und fliegt beispielsweise mit uns nach Ghana. Ohne Sponsoren wären wir nicht das, was wir heute sind. Ich bin Abbott sehr dankbar, dass sie uns seit so vielen Jahren unterstützen und alles tun, um Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu helfen.

Wir haben gelesen, dass Sie ungern über das Thema Rassismus sprechen. Stimmt das?

Ich rede eigentlich gerne darüber, denn warum soll ich meinen Mund schließen? Man muss darüber reden, erst recht wenn man es selbst am eigenen Leib erlebt hat. Ich will nicht, dass meine Kinder das Gleiche durchleben wie ich. Leider ist Rassismus noch immer Thema und ich habe Angst, was die nächsten Jahre auf uns zukommt. Ich hoffe, dass die Menschen aufwachen und nicht rechts wählen. Da hat man schon ein bisschen Sorge.

Wie nehmen Sie als Mensch, der in Ghana geboren wurde, den Rechtsruck in Deutschland und Europa wahr?

Es ist enttäuschend. Jahrelang wurde gekämpft und offen darüber geredet, dass wir Veränderungen haben wollen. Man dachte, wir seien auf dem richtigen Weg und jetzt auf einmal kippt es. Es tut weh, aber wenn man Mensch bleibt, dann weiß man, wie man sich seinen Mitmenschen gegenüber richtig verhält.

MOPO-Reporterin Amelie Wingsch im Gespräch mit Gerald Asamoah in Hamburg
MOPO-Reporterin Amelie Wingsch im Gespräch mit Gerald Asamoah in Hamburg

Haben Sie Angst vor dem Ergebnis der Bundestagswahl?

Ich habe die Hoffnung, dass Menschen aufwachen und nicht den rechten Weg mitgehen. Ich hoffe, dass sie Menschen bleiben. Leute aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder weil sie jemand anderen lieben, zu verurteilen, ist nicht menschlich.

Wie stärkt man seine Kinder im Umgang mit Rassismus?

Man muss darüber reden. Ich habe viele Beispiele erlebt, wo Kinder in der Stadt auf mich zugekommen sind und das „N-Wort“ gesagt haben. Für mich ist es wichtig, dann darüber zu sprechen. Dass Eltern ihren Kindern erklären, dass wir alle gleich sind. Das fängt auch in der Schule an.

Oladapo Afolayan vom FC St. Pauli hat kürzlich rassistische Beleidigungen gegen ihn bei Instagram veröffentlicht. Ist das der richtige Schritt, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?

Auf jeden Fall. Wie gesagt: Man muss darüber sprechen. Soziale Netzwerke geben Menschen die Macht, Sachen anonym zu äußern. Früher wurde man im Stadion mit Bananen beworfen. Ich finde es wichtig, darüber zu reden und Zivilcourage zu zeigen. Es passieren so viele Sachen auf den Straßen und ich hoffe, dass Menschen den Mund aufmachen.

Wir treffen uns hier in Hamburg. Vor 14 Jahren haben Sie mit St. Pauli in der Bundesliga gespielt. Gemessen an Ihren Torbeteiligungen – es waren 13 – haben Sie dort Ihre persönlich zweiterfolgreichste Saison in der Bundesliga gespielt. Wie blicken Sie heute auf Ihre Zeit beim Kiezklub zurück?

Das eine Jahr beim FC St. Pauli hat sehr viel bewegt. Auch das Derbytor gegen den HSV werde ich nie vergessen – es war ein schönes Jahr. Es war für mich eine Chance, etwas Neues kennenzulernen. Wenn du fast zwölf Jahre auf Schalke warst und dann in eine neue Welt kommst, musst du dich erst einmal hereinkämpfen. Ich hatte eine tolle Mannschaft und einen Trainer, der es gut gemacht hat. Ich habe versucht, als Kapitän voranzugehen.

Carlos Zambrano, Gerald Asamoah und Marius Ebbers jubeln
Im bislang letzten Erstliga-Stadtderby erzielte Asamoah das entscheidende Tor gegen den HSV.

Haben Sie sich über den Aufstieg des FC St. Pauli gefreut?

Ja, total.

Wenn Sie die heutige St. Pauli-Mannschaft und den Verein mit dem Team und dem Klub von 2010/11 vergleichen, welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten fallen auf?

Wir hatten damals eine geile Mannschaft, sind aufgestiegen und haben vieles einfach so akzeptiert, wie es war. Man war vielleicht aber nicht bereit, weiterzukommen und Dinge zu ändern. Jetzt merkt man, dass St. Pauli es anders macht und über den Tellerrand hinausdenkt. Der Verein ist aufgewacht. Mit Fabian Hürzeler hat es richtig gut gepasst und ich finde auch, dass Andreas Bornemann einen super Job macht. Die wissen, was sie tun.

Was wird den Ausschlag geben bei der Frage, ob sie den Klassenerhalt schaffen?

Was mich überrascht hat, ist, dass sie Auswärtsspiele gewonnen haben. Wenn St. Pauli es schafft, auswärts Punkte zu holen und zu Hause die Spiele zu gewinnen, dann bin ich mir sicher, dass sie es schaffen. Auch wenn andere Klubs aus dem Tabellenkeller jetzt gewinnen, glaube ich, dass die Mannschaft stabil ist. Der Trainer packt die Jungs mit seiner Art und Weise.

St. Pauli steht für Weltoffenheit und Integration, hatte als erster Klub eine antirassistische Stadionordnung. Sollte der Verein mit seinen Werten auch ein Vorbild für andere Klubs sein?

Auf jeden Fall. Ich hatte mal mit Schalke unter Magath ein Testspiel gegen St. Pauli. Wir kamen gerade aus dem Trainingslager und es lag Schnee. Ich hatte überhaupt keine Lust, zu spielen. Dann hieß es, dass wir uns alle warm machen sollten. Beim Warmmachen haben die Pauli-Fans mich die ganze Zeit angefeuert und gefordert, dass ich eingewechselt werde. Als ich eingewechselt wurde, hat das ganze Stadion applaudiert. Ich weiß nicht, warum. Aber das zeigt, wie St. Pauli ist, sie akzeptieren dich einfach, so wie du bist. Die Fans wissen auch, dass ich weltoffen bin und ähnlich denke wie sie. St. Pauli ist einfach anders als andere Vereine. Sie stehen für etwas.

Es ist aber natürlich kein Geheimnis, dass Schalke 04 Ihr Herzensverein ist. Wie sehr schmerzt es Sie, dass der Klub sich im vergangenen Sommer von Ihnen getrennt hat?

Wenn du 25 Jahre im Verein warst und dann gehen musst, ist immer Wehmut dabei. Aber der Klub hatte eine andere Idee und das musst du akzeptieren. Schalke wird immer mein Verein sein. Wenn du so lange da warst, vergisst du die Erlebnisse nicht so schnell.

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Fiebern Sie heute noch mit, wenn Schalke spielt?

Ja klar. Ich habe mich in einen Verein verliebt und das ist Schalke und darauf bin ich stolz.

Der Verein steht in der unteren Tabellenhälfte der 2. Liga, hat eine enorme Schuldenlast. Was muss passieren, damit Schalke aus dem Abwärtsstrudel herauskommt?

Was ich besonders finde, ist, dass die Fans immer da sind, egal was ist. Das Stadion ist immer ausverkauft. Am Ende geht es darum, dass die Entscheider im Verein eine Idee haben und entsprechende Entscheidungen treffen. Ich hoffe, dass sie es damit schaffen, wieder nach oben zu kommen. Das gönne ich vor allem den Fans – denn sie haben es wirklich verdient.