„Angstschweiß“: St. Pauli-Präsident Göttlich legt nach – deutliche Kritik von Rettig
Im großen MOPO-Interview vor dem Derby hatte St. Pauli-Präsident Oke Göttlich eine Debatte über einen möglichen Boykott der WM in den USA, Mexiko und Kanada angeregt. Die Politik von US-Präsident Donald Trump sei Grund genug, einen Verzicht der Endrunde im Sommer in Betracht zu ziehen. Der Gegenwind von höchster Stelle ließ nicht lange auf sich warten – und nun gibt es die Diskussion, in der Göttlich bisher aber wenig Unterstützer findet. Am Freitag trifft sich das DFB-Präsidium. Auch in dem Gremium, dem Göttlich als Vizepräsident beiwohnt, wird es um die von ihm angeregte Debatte gehen. Der St. Pauli-Boss legte nun noch einmal nach.
Auf dem Neujahrsempfang der DFL blies Göttlich reichlich Gegenwind ins Gesicht. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagte, die Debatte sei „zum jetzigen Zeitpunkt völlig verfehlt“ und komme zur „Unzeit“. DFL-Boss Hans-Joachim Watzke war regelrecht genervt, hält eine Debatte für „momentan nicht reif“ und deshalb „völlig fehl am Platz“. Auch BVB-Boss Watzke sitzt als Vizepräsident des DFB am Freitag mit am Tisch. Er sprach zudem von einer „Einzelmeinung“, die er irgendwo gelesen habe. Dennoch kündigte Neuendorf an, dass die Thematik am Freitag besprochen werden würde.
Neuendorf verwundert über Göttlich-Vorstoß
Dass der Ton in Richtung Göttlich dabei rauer werden könnte, lässt sich zwischen den Zeilen ablesen. „Der Kollege ist noch nicht so lange dabei. Aber in der Regel ist es bei uns so, dass wir diese Themen so sozusagen zunächst mal in den Gremien besprechen und dann uns dazu eine Meinung bilden. Er ist jetzt leider vorgeprescht mit dem Thema“, sagte DFB-Boss Neuendorf.
Darauf reagierte nun Göttlich, der sich bereits am Dienstag im Präsidium der DFL, dem er ebenfalls angehört, stellen musste. „Mir rinnt der Angstschweiß die Wirbelsäule runter“, sagte St. Paulis Präsident gegenüber dem SID mit reichlich Ironie mit Blick auf Freitag. „Wir werden am Freitag diskutieren. Man muss sich nicht hinter Formalien verstecken.“ Göttlich wollte aber eine Tatsache dennoch klarstellen. „Ich habe keinen Boykott gefordert, nur eine Diskussion anstoßen wollen“, sagte er: „Der Fußball muss aushalten können, dass das Thema diskutiert wird.“
Göttlich stört das „Schwarz-Weiß-Gehabe“
Im Interview mit der MOPO kritisierte Göttlich unter anderem auch den Kontrast zwischen der Katar-WM und der nun folgenden. „Mich stört das Schwarz-Weiß-Gehabe. Katar war allen zu politisch und deshalb sind wir jetzt völlig unpolitisch?! Das ist etwas, was mich sehr, sehr, sehr anstrengt, wo ich sage: Leute, wir haben es einfach verlernt, Tabus zu setzen.“
Gegenwind auch von Rettig: „Bedauere Okes Reihenfolge“
Doch Göttlich bleibt auf Funktionärsebene weiterhin allein mit seinen Gedanken. Auch Ex-St. Pauli-Boss und nun DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig findet das Vorgehen Göttlichs nicht gut. „Ich schätze Oke natürlich sehr als St. Paulianer und finde auch, dass Diskussionen und eine ordentliche Streitkultur ja erst mal per se nichts Verwerfliches sind“, sagte Rettig im Interview mit „Ran“. „Nur finde ich, man sollte zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Leuten streiten oder diskutieren. Ich habe es ein bisschen bedauert, dass Oke die Reihenfolge falsch gewählt hat, weil er ist eben nicht nur St. Pauli-Präsident, sondern er ist auch DFB-Vizepräsident. Und in dieser Eigenschaft hätte er zunächst mal in unseren vier DFB-Wänden seine Sicht der Dinge uns mitteilen sollen und das wäre sicherlich zielführender gewesen.“
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Am Ende hat St. Paulis Präsident so oder so, was er wollte: das Thema ist in der Öffentlichkeit und wird diskutiert. Auch wenn ein Boykott derzeit nicht im Bereich des Möglichen scheint.
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