Acht Tore, ein Star, Verlierer-Duo: So verrückt war St. Paulis erstes Mal in Augsburg
Als der FC St. Pauli zum ersten Mal nach Augsburg reiste, ging es nicht gegen den Abstieg, sondern um den Aufstieg. Am 29. Mai 1974 lieferten sich beide Teams ein wildes Spektakel – um wenige Tage später dann doch mit leeren Händen dazustehen. Ein Weltstar war auch dabei.
Nach einer Viertelstunde jubelte erstmal St. Pauli: Walter Dobberkau brachte die Gäste in Führung, die angesichts von drei Punkten Rückstand schon um ihre letzte Bundesliga-Chance kämpften. Es war das letzte Mal, dass sich die Spitzenvereine der fünf Regionalligen im Mai und Juni trafen, um die Bundesliga-Aufsteiger zu ermitteln. Gespielt wurde in zwei Fünfergruppen, deren Sieger sich in der neuen Saison mit Bayern München, Borussia Mönchengladbach oder auch dem HSV messen durften. Zur Saison 1974/75 wurde die Zweite Liga eingeführt und die wochenlangen Aufstiegsrunden im späten Frühling gehörten der Vergangenheit an.
Franz Gerber schoss 33 Tore für den FC St. Pauli
St. Pauli hatte sich die Teilnahme durch den zweiten Platz in der Regionalliga Nord hinter Eintracht Braunschweig gesichert, wozu Franz Gerber gleich 33 Tore beigetragen hatte. Für St. Pauli war es schon der siebte Anlauf in der Aufstiegsrunde – kein anderer Verein mühte sich in diesem Format so oft vergeblich wie die Kiezkicker.
Ganz anders der FC Augsburg, der erst fünf Jahre zuvor durch den Zusammenschluss von BC Augsburg und Schwaben Augsburg entstanden war. Der neue Klub war erst 1973 in die Regionalliga Süd aufgestiegen und dort prompt vor dem 1. FC Nürnberg und München 1860 Meister geworden – was einerseits an Torschützenkönig Karl Obermeier (25 Treffer), vor allem aber an einem Weltstar lag.
Augsburgs Fans sangen „Haller, Haller, Hallerluja“
Seit dieser Saison spielte Helmut Haller wieder im Rosenaustadion. Der gebürtige Augsburger nahm an drei Weltmeisterschaften teil, traf im legendären Endspiel gegen England 1966 und verbrachte als Vereinsspieler elf Jahre in Italien, wo er mit dem FC Bologna und Juventus Turin Meister wurde. Von Augsburgs Vorstand Sepp Neumaier am italienischen Strand überzeugt, kehrte er mit 34 Jahren in seine Heimatstadt zurück und sorgte für einen regelrechten Fußball-Boom. „Haller, Haller, Hallerluja“ sangen die Fans, die nun in Scharen in die Rosenau mit ihren 38.000 Plätzen pilgerten. „Diesen Mann hat uns der liebe Gott geschickt“, jubelte Trainer Milovan Beljin über seinen Spielmacher.

Fürs Toreschießen waren zumeist andere zuständig als der berühmte Mittelfeldspieler. Augsburgs Goalgetter Obermeier schenkte St. Pauli-Keeper Klaus-Georg Christensen nach 22 Minuten den ersten Gegentreffer ein. Der Ausgleich schockte St. Pauli nur kurz, Ulli Schulz (29.) besorgte die Pausenführung, Gerber (50.) legte nach Wiederanpfiff sogar das 3:1 für die Braun-Weißen nach. Die Revanche fürs Hinspiel, das Augsburg im Volksparkstadion mit 3:2 gewonnen hatte, schien zu gelingen.
„Mammutprogramm“: Spritzen für die erschöpften Spieler
Sie war auch dringend nötig, denn die notorischen Aufstiegsrunden-Scheiterer waren mit drei Niederlagen gestartet, eher überzeugende Siege in Neunkirchen (5:2) und gegen Oberhausen (3:0) neue Hoffnung weckten. Mit 4:6 Punkten lag St. Pauli aber noch deutlich hinter Tennis Borussia Berlin (7:3), und Augsburg rechnete sich mit 6:4 Zählern auch noch gute Chancen auf den Aufstieg aus – trotz erheblicher Erschöpfung.
„Dieses Mammutprogramm zehrt an den Kräften sämtlicher Aktiven. Einige können sogar erst dann antreten, wenn sie mit schmerzstillenden Spritzen vorbereitet und fit gemacht werden“, warb der „Stadionkurier“ der Augsburger beim Publikum um Verständnis: „Die Aktiven spielen nicht etwa bewusst langsamer oder sind nicht bereit, sich zu quälen; es geht einfach nicht mehr anders.“
4:4! Augsburg kehrt im Spiel gegen den Kiezklub zurück
Dann ging es im vierzigsten Augsburger Punktspiel der Saison aber auf einmal ganz schnell. Nach Toren von Wolfgang Haug (63.), Hans Jörg (73.) und erneut Obermeier (75.) lag Augsburg plötzlich mit 4:3 vorn – aber nicht lange. Gerber (76.) sorgte mit seinem zweiten Treffer für den 4:4-Endstand, der spektakulär war, aber keinem der beiden Teams wirklich nutzte. Mit einer 0:1-Heimpleite gegen Neunkirchen verspielte St. Pauli drei Tage später die letzten theoretischen Chancen. Auch Anlauf Nummer sieben war gescheitert.
Der Aufstiegsplatz ging schließlich auch nicht an Augsburg, sondern an Tennis Borussia Berlin, das aus der Bundesliga dann sang- und klanglos wieder abstieg. St. Pauli holte den Aufstieg 1977 als Zweitliga-Meister nach, zwei Jahre, bevor der 2012 verstorbene Haller seine Karriere beim FC Augsburg beendete.
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Über ein halbes Jahrhundert später dürfen sich Augsburg und St. Pauli freuen, dass sie in der Bundesliga gegeneinander antreten – während die damalige Konkurrenz von Tennis Borussia Berlin (Oberliga Nordost-Nord), Rot-Weiß Oberhausen (Regionalliga West) und Borussia Neunkirchen (insolvent in der Saarlandliga) nur noch in unteren Spielklassen vertreten ist. Wen ein erneutes 4:4 am Samstag mehr freuen würde, ist damit natürlich nicht gesagt.
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