Abstieg als Aufstieg: Ben Voll wird jetzt St. Paulis neue Nummer eins – oder?

St. Pauli-Torhüter Ben Voll hält einen Ball in seiner Hand
Bereit für mehr: St. Pauli-Keeper Ben Voll ist der logische Nachfolger von Nikola Vasilj als Nummer eins im Tor

Es gibt verdammt viele Fragezeichen beim FC St. Pauli nach dem Abstieg. Die Spielklasse ist klar, vieles andere im sportlichen Bereich ist in der Schwebe. Wer trainiert die Mannschaft beim Neustart in Liga zwei? Welche Spieler bleiben, wer geht, wer kommt? Fakten wurden bereits auf einer der wichtigsten Positionen geschaffen: ganz hinten. Im Tor wird ein Wechsel vollzogen, der viele Fans schmerzen wird, aber schon lange mehr als nur eine Möglichkeit für Veränderung war.

Das letzte Spiel hat Fakten geschaffen und erste Konsequenzen nach sich gezogen. Direkt nach dem verlorenen Saisonfinale gegen Wolfsburg, das den Abstieg der Kiezkicker nach zwei Jahren Bundesliga besiegelte, hatte Nikola Vasilj seinen Abschied erklärt. Öffentlich und unmissverständlich. Sein Vertrag läuft aus. Der Kontrakt hätte sich nur im Falle eines Klassenerhalts per Option um eine weitere Saison verlängert.

St. Pauli: Nikola Vasilj geht, Ben Voll bekommt seine Chance

Mit Vasiljs Abgang endet eine große Erfolgsgeschichte und kleine Ära, denn der bosnische Nationalkeeper kam 2021 als ziemlich unbeschriebenes Blatt vom ukrainischen Erstligisten Zorya Lugansk zum Kiezklub, wo er sich zu einem Leistungsträger und schließlich Topkeeper in der Bundesliga entwickelte, wenngleich seine erste Spielzeit im Oberhaus die bessere der beiden war.

Die Wege trennen sich. „Der Klub und ich müssen weiterziehen“, formulierte Vasilj die Entscheidung. Die Zeit ist gekommen. Für den 30-Jährigen, der sich nun auf die WM vorbereitet, aber auch für seinen Nachfolger, der sich nach der Sommerpause auf die bislang größte Herausforderung seiner Karriere vorbereitet. Offiziell ist das noch nicht, aber alles andere wäre eine sehr große Überraschung und entspräche nicht den ursprünglichen Planungen.

Voll wurde 2024 als potenzielle Nummer eins verpflichtet

Ben Voll steht als neue Nummer eins bereit. Zwei Spielzeiten lang war der 25-Jährige der Back-up von Vasilj. Einer, der eigentlich zu gut für die Rolle des Dauerreservisten war und der eigentlich mehr verdient gehabt hätte, wie auch Trainer Alexander Blessin zwischenzeitlich betonte, aber der andererseits auch nicht am starken Stammtorhüter vorbeigekommen ist.

Nikola Vasilj weinend beim Abschied
Nikola Vasilj verabschiedete sich unter Tränen von den Fans des FC St. Pauli.

Jetzt ist der Weg frei und in Jahr drei die Zeit reif für Voll, der im Sommer 2024 mit der Überzeugung von Drittligist Viktoria Köln verpflichtet worden war, dass der 1,95-Meter-Hüne das Zeug zum Stammkeeper hat und sich entwickeln würde. Mit dem Abstieg und erforderlichen Neustart dürfte der richtige Zeitpunkt gekommen sein, um dem gebürtigen Bergisch-Gladbacher, der nie laut Ansprüche und sich stets in den Dienst der Mannschaft gestellt und mit seinem Ehrgeiz und seiner Professionalität für ein hohes Trainingsniveau gesorgt hat, eine Chance zu geben, die er allerdings auch mit einer überzeugenden Saisonvorbereitung ergreifen muss.

St. Pauli hat Voll, Simon Spari und Emil Gazdov unter Vertrag

Im Falle eines Trainerwechsels könnte der neue Coach andere Vorstellungen bei der Besetzung der Torhüterposition haben, aber allzu wahrscheinlich ist das nach derzeitigem Stand nicht. Voll ist der logische Kandidat. Nicht ausgeschlossen ist, dass St. Pauli einen weiteren Keeper verpflichtet, aber mit dem nach langer Verletzungspause genesenen Simon Spari und Emil Gazdov hat der Verein zwei weitere Torhüter unter Vertrag. Die Frage ist, ob ihnen die Rolle des Herausforderers, der der Nummer eins Druck macht, zugetraut wird.

In der abgelaufenen Saison hat Voll zwei Pflichtspiele bestritten, jeweils im DFB-Pokal. Im Zweitrunden-Krimi gegen Hoffenheim war er im Elfmeterschießen zum gefeierten Helden avanciert, beim Viertelfinal-Aus in Leverkusen (0:3) hatte er sich einen schweren Schnitzer erlaubt, der zwar folgenlos geblieben war, sich aber auch nicht großartig mit Paraden auszeichnen können. In der Spielzeit zuvor war Voll im vorletzten Saisonspiel in Frankfurt für den gesperrten Vasilj eingesprungen und hatte mit einer guten Leistung seinen Teil dazu beigetragen, dass die Kiezkicker mit dem 2:2 vorzeitigen den Klassenerhalt quasi klargemacht hatten.

Nikola Vasilj wird nicht leicht zu ersetzen sein

Die Fußstapfen, die Vasilj hinterlässt, sind groß. Das gilt nicht nur sportlich, sondern auch in Bezug auf die Popularität der langjährigen Nummer eins. Ben Voll bekommt nun die Chance, sich als erster Mann zwischen den Pfosten zu beweisen und auf Dauer ein starker und verlässlicher Rückhalt zu werden, den St. Pauli unter veränderten Vorzeichen braucht: im Aufstiegskampf.