„Wir haben ihn immer beschützt“: Papa Wirtz spricht exklusiv über seinen Sohn
Er kennt nur eine Richtung – und die führt steil nach oben. Nach dem Double mit Bayer Leverkusen läuft es für Florian Wirtz auch bei der EM wie geschmiert. Deutschlands erster Torschütze dieses Turniers zählt längst zu den begehrtesten Fußballern des Planeten und kann sich vor Komplimenten und Schulterklopfern kaum retten. Gar nicht so einfach, damit umzugehen, wie auch Vater Hans-Joachim weiß. Die MOPO sprach mit dem 70-Jährigen, der seinen Sohn auch berät, über die Anfänge der sich anbahnenden Welt-Karriere, Gerüchte um die Bayern oder Real Madrid, die kindlichen Marotten des jungen Florian – und wollte eines genau wissen: Wie lebt es sich eigentlich ohne Fernseher?
MOPO: Herr Wirtz, klären Sie uns bitte auf. Es kursiert die Geschichte, dass Sie früher viele Jahre lang keinen Fernseher im Haus hatten und der kleine Florian deshalb nie daheim Fußball schauen konnte. Stimmt das oder ist das nur eine Ente?
Hans-Joachim Wirtz (70): Die Geschichte stimmt, wir hatten wirklich keinen Fernseher. Damals zumindest, mehrere Jahre lang.
Wie kam es dazu?
Ganz einfach: Wir brauchten keinen. Die Kinder waren viel unterwegs und dadurch, dass Florian und seine Schwester Juliane (spielt mittlerweile bei Werder Bremen, die Red.) in Leistungszentren waren, kann man sich ja vorstellen, dass es auch kaum Zeit zum Fernsehen gab, wenn sie abends nach Hause kamen. Die waren kaputt vom Training. Wir haben den Fernseher wirklich nicht vermisst.
DFB-Star Florian Wirtz hatte als Kind keinen Fernseher
Wo haben Sie denn dann Fußball geschaut?
Oft im Vereinsheim in Brauweiler, wenn besondere Spiele anstanden. Da waren auch viele andere Menschen und es gab einen schönen Austausch. Der italienische Wirt hat Florian übrigens damals schon eine große Karriere vorausgesagt. Da war er glaube ich zehn Jahre alt (lacht).
Das haben italienische Wirte mitunter so an sich. Wann dämmerte Ihnen denn, dass es was werden könnte?
Gar nicht mal so früh. Florian ist zwar schon mit acht Jahren zum 1. FC Köln ins NLZ gewechselt, aber da sind so viele Kinder und all ihre Eltern hoffen darauf, dass ihre Kinder Nationalspieler werden. Mindestens. Wir haben Florian immer beschützt und darauf geachtet, diese Gedanken und Hoffnungen nicht zu groß werden zu lassen.
Und wann kam Ihr Aha-Moment?
Vor fünf Jahren. Als Simon Rolfes plötzlich eines Morgens sehr früh anrief und um ein Gespräch bat. Er hat uns damals tatsächlich aus dem Bett geklingelt.
Der heutige Geschäftsführer Sport von Bayer Leverkusen.
Es war der Montag nach dem gewonnenen Finale um die deutsche B-Jugend-Meisterschaft. Nach dem Anruf dämmerte uns, dass die Nummer doch recht groß werden könnte. Aber wir waren auch damals noch vorsichtig. Obwohl Florian schon in der Jugend-Nationalmannschaft gespielt hat.
Wirtz wechselte als Teenie von Köln nach Leverkusen
Ihr Sohn wechselte dann 2019 zu Bayer und die Kölner Fans schütteln noch immer den Kopf darüber, wie man so ein Talent gehen lassen konnte.
Ach, ich will da gar nicht den Stab über den FC brechen. Denen ging es vielleicht genau wie uns. Wir waren ja auch vorsichtig und haben nicht geträumt. Und ich meine mich zu erinnern, dass es damals im Verein in der sportlichen Administration auch ein paar Unstimmigkeiten gab.
Nun geht es seit Jahren für Florian nur noch bergauf. Sind Sie trotzdem noch manchmal überrascht?
Von seiner Spielweise nicht. Wir kennen ihn ja nun schon ein paar Jahre und wissen, was er auf dem Spielfeld so anstellt. Im Grunde genommen spielt er nicht anders als früher, er wird nur immer besser.
Das klingt nach einem „Aber“ …
Florian überrascht uns immer wieder mit anderen Dingen. Manchmal schaue ich einen Moment nicht aufs Spielfeld und bin dann erstaunt, dass er plötzlich schon wieder ganz woanders auf dem Platz zu finden ist. Ich frage mich manchmal, wie er das macht (lacht).
Papa Hans-Joachim ist auch Berater von Florian Wirtz
Sie schauen sich die Partien aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln an. Nicht nur als sein Vater, sondern auch als Florians Berater.
Aber dieses Wort mag ich ehrlich gesagt nicht.
Wie würden Sie denn Ihre Aufgabe beschreiben?
Ich würde sagen: Wir räumen manches von den Merkwürdigkeiten in dieser Branche beiseite. Dieses Geschäft ist doch ziemlich verrückt und viele Menschen versuchen, an Florian ranzukommen. Es geht auch darum, ihn zu schützen.
Ihr Sohn ist heiß begehrt und mit einem geschätzten Marktwert von 130 Millionen Euro der wertvollste deutsche Fußballer aller Zeiten. Vermutlich klingelt Ihr Telefon permanent. Ganz sicher erhalten Sie auch von anderen Beratern Angebote, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Wie schafft man es, da besonnen zu bleiben?
Wir haben unsere Prinzipien. Eine davon ist: Ich spreche normalerweise mit einem Berater auf gar keinen Fall am Telefon. Das Schöne ist: So haben wir die meisten dann sowieso direkt abgewimmelt.
Dennoch: Ihr Sohn ist einer der begehrtesten Fußballer der Welt. Wie schaffen Sie es, den Überblick zu behalten, wer es gut oder schlecht mit ihm meint?
Es gibt zum Glück genügend Menschen, mit denen man sich vernünftig unterhalten kann. Florian hat auch Ziele und Wünsche, die müssen wir dann mit ihm abstimmen. Natürlich muss man aufpassen, dass das alles nicht zu viel wird. Aber solange wir einen Schutzschirm um Florian bilden können, werden wir das tun.
FC Bayern und Real Madrid wohl an DFB-Star Wirtz dran
Der Trubel wird grundsätzlich immer größer. Man munkelt, jeder europäische Topverein habe sich mittlerweile nach Ihrem Sohn erkundigt. Von den Bayern über Real Madrid bis hin zu Man City.
Ich kann Ihnen sagen: Diese Aussagen sind einfach falsch.
Dennoch: Mit jedem guten Spiel bei dieser EM wird das Interesse automatisch steigen.
Aber wir haben eine klare Maxime, schon immer. Die lautet: Ruhe bewahren. In diesem Geschäft wird man sehr schnell euphorisch. Das merken wir auch gerade als Eltern. Wir freuen uns natürlich, bleiben aber ruhig. Das war bis jetzt der Weg und das hat gut funktioniert. Florian soll Spaß haben, das ist sein Erfolgsgeheimnis. Wir sehen allem, was kommt, gelassen entgegen.
Bleibt es bei Ihrer Ansage, dass Florian auch in der kommenden Saison definitiv noch bei Bayer Leverkusen spielen wird?
Ich denke nicht, dass wir da jemals Zweifel haben aufkommen lassen.
Papa ist stolz auf DFB-Star Florian Wirtz bei der EM
Nach Meisterschaft und Pokal mit Bayer könnte er nun mit dem EM-Titel noch einen draufsetzen. Wie eng ist Ihr Draht zu Ihrem Sohn während des Turniers?
Wir versuchen bei den Spielen immer vor Ort zu sein, aber ansonsten sind wir nicht permanent bei der deutschen Mannschaft dabei. Wir achten schon darauf, dass wir Florian nicht lästig werden. Er ist 21 Jahre alt, da nimmt man sich als Eltern auch ein wenig zurück. Wenn er Lust hat, meldet er sich, meistens nach den Spielen oder dem Training, dann reden wir ein wenig über Gott und die Welt. Ansonsten lassen wir ihn machen, er ist alt genug.
Mittlerweile weiß die Öffentlichkeit sehr vieles über Ihren Sohn. Auch bei Interviews wirkt er mittlerweile erstaunlich abgeklärt. Hat er irgendeinen Spleen oder eine Marotte, von der die Öffentlichkeit nichts weiß?
Es mag früher das eine oder andere geben haben. Aber Menschen entwickeln sich ja auch und sind mit 21 Jahren anders als mit 13. Ich sage immer: Wie gut, dass meine Eltern nicht wussten, was ich früher alles so angestellt habe. Das mag bei Florian auch so sein.
Am Sonntag steigt in Frankfurt das abschließende Gruppenspiel gegen die Schweiz. Hand aufs Herz: Wenn Sie Ihren Sohn auf dieser Bühne Fußball spielen sehen, inmitten der besten Spieler Europas – was geht dann in Ihnen vor?
Es ist ein staunendes Glücklichsein. So kann man das wohl am besten beschreiben.