Kluge Schachzüge, kleine Kniffe: Wie Nagelsmann bei der EM ganz Deutschland mitreißt
Es war spät geworden, als Julian Nagelsmann sich endlich die Zeit nehmen konnte, mal etwas intensiver in seinen Nachrichten-Verlauf zu schauen. Während sich Deutschlands Nationalteam nach dem 2:0 gegen Ungarn per Bus aus Stuttgart ins 230 Kilometer entfernte Team-Quartier nach Herzogenaurach machte, glühte das Smartphone des Bundestrainers noch immer. Nicht jedem Gratulanten konnte er in dieser Nacht antworten, was auch daran lag, dass ihre Anzahl immer größer wird. Es tut sich etwas im Land, das von Nagelsmann geweckt wurde. Er tanzt, jubelt, lobt, küsst – und steckt damit alle an. Die MOPO erklärt, wie Nagelsmann es ganz geschickt geschafft hat, eine EM-Euphorie in ganz Deutschland zu entfachen.
So hatte er sich das erhofft. Deutschland als Einheit, eine Symbiose zwischen Team und Fans, die gemeinsam diese EM genießen. Bestens gelaunt, aber auch mit der Entschlossenheit, Großes erreichen zu können. Nach den Siegen gegen Schottland (5:1) und Ungarn ist klar: Nagelsmanns Rechnung scheint aufzugehen.
Zahlen untermauern diese Annahme. 22,49 Millionen Zuschauer hatten die Auftaktpartie gegen Schottland verfolgt, schon das war ein sehr guter Wert. Gegen die Ungarn fieberten noch mehr Fans mit. 23,89 Millionen waren bei der ARD-Übertragung vor dem TV dabei, das entspricht laut AGF Videoforschung einem Marktanteil von 76,7 Prozent. Die Nation scheint nur darauf gewartet zu haben, sich vom DFB-Team verwöhnen zu lassen.
Nagelsmann formte das DFB-Team zu einer Einheit
Der Mann, der den Zauberstab in der Hand hält, nimmt die Entwicklung mit großer Zufriedenheit zur Kenntnis. Die besungenen Helden nach den deutschen Spielen heißen Musiala, Wirtz, Kroos oder Gündogan. Nagelsmann aber ist der Baumeister des Erfolges. Mehr noch: Der 36-Jährige, in früheren Zeiten nicht selten als überheblich verschrien, offenbart dieser Tage ein unerwartetes Talent. Er ist ganz offensichtlich ein Meister seines Fachs, wenn es darum geht, die vorhandene Emotionalität der Fans hinter seinem Team zu vereinen und dadurch Kräfte entstehen zu lassen, die zu ganz großen Hoffnungen Anlass geben.
Stellvertretend dafür stehen Nagelsmanns Aussagen nach dem Sieg gegen Ungarn. „Ich habe jetzt gerade Bilder aus Hamburg gesehen“, erklärte er plötzlich. „Wie viele Menschen da auf der Straße sind und feiern. Das bedeutet einem sehr viel.“ Nagelsmann lebt vor und betont intensiv, wie wichtig es ist, „dass das Land zusammensteht und die Mannschaft trägt“. Botschaften, die angekommen zu sein scheinen. So war die Atmosphäre in Stuttgart deutlich feuriger als zum Auftakt in München (was allerdings auch an der größeren Begeisterungsfähigkeit der Schwaben im Vergleich zum erfolgsverwöhnten Münchner Publikum liegen mag).
Hervorzuheben ist auch das Gespür des Bundestrainers für kleine Gesten mit großer Wirkung. Nachdem er beim Auftaktspiel unter tosendem Applaus der Fans Publikumsliebling Thomas Müller in der Schlussphase einwechselte, hatte er für das Stuttgarter Publikum gleich zwei Bonbons parat. Chris Führich und Deniz Undav, die mit dem VfB just Vizemeister wurden, aber im DFB-Team eher zu den Spielern zählen, denen wenig bis gar keine EM-Einsatzzeit prophezeit wurde, kamen in Hälfte zwei zu ihrem Turnier-Debüt, frenetisch gefeiert vom Anhang. Auch hier nutzte Nagelsmann die Gunst der Stunde und schürte die Begeisterung.
Nagelsmann: DFB-Vertrag verlängerte sich bis WM 2026
Sympathiepunkte sammelt der Coach, dessen Vertrag sich nach dem vorzeitigen Erreichen des Achtelfinals bis zur WM 2026 verlängerte, auch durch die große Offenheit, die er auslebt. Nach beiden Siegen eilte er zu Freundin Lena Wurzenberger, die die Partien im Deutschland-Trikot auf der Tribüne verfolgte, küsste und herzte sie. Private Augenblicke, geteilt mit einem Millionen-Publikum. Bilder eines glücklichen Bundestrainers, der gerade das Land beseelt.
All das würde naturgemäß deutlich weniger Wirkung erzielen, wenn die Leistungen und Ergebnisse nicht passen würden. Doch Nagelsmann, der im März mit radikalen Kader-Korrekturen (Form schlägt Talent) die Wende einleitete, hat offenbar die richtige Mischung gefunden. Gelenkt von erfahrenen Stützen wie Kroos, Gündogan oder Rüdiger, entfalten Supertalente wie Musiala oder Wirtz ihr Potenzial und blühen auch andere Stars, die bislang im DFB-Dress häufig noch hinter den Erwartungen zurückblieben (Kimmich, Havertz, Tah), auf. Flankiert von frischen Kräften (Andrich, Mittelstädt), die Nagelsmanns in sie gesetztes Vertrauen zurückzahlen. Ein funktionierendes Gebilde, das Deutschland an die Spitze der EM-Favoriten katapultierte.
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Läuft also. Wie gut, das wird sich dann tatsächlich erst zeigen, wenn das DFB-Team auf Großkaliber des Kontinents trifft. Spanien, England, Frankreich. Diese Kragenweite. Doch es könnte am Ende alles aufgehen in diesem Fußball-Sommer, das Land glaubt wieder daran. Das merkt auch Nagelsmann, wann immer er auf sein Smartphone schaut.