Israel wirbt um Touristen: Und da soll man jetzt Urlaub machen?
Die israelische Regierung wirbt um Touristen. Die Botschaft: Alles ist wieder gut, kommt ins „Heilige Land“. Kann das sein? Die MOPO ist hingefahren.
Es ist still am heiligsten Ort der Christen. Verwaiste Gassen, wo sich sonst die Massen über römisches Pflaster drängen. Leere Kirchen statt langer Schlangen. Die Betten der Pilgerhotels bleiben kalt, die Stühle der Cafés und Restaurants unbesetzt. Im Jahr 2025 nach Jesu Geburt verirren sich nur wenige Touristen in die Jerusalemer Altstadt. Dabei ist der Advent eigentlich Hochzeit für Reisen nach Israel, an die biblischen Orte in Jerusalem, Bethlehem, Nazareth oder am See Genezareth. Doch kann man in ein Land reisen, das noch halb im Krieg steht und nur halb nach Frieden strebt? Dessen Armee in Gaza und im Westjordanland fast täglich Menschen tötet, darunter auch viele Zivilisten? Und auch wenn man kann: Sollte man?
Murat sitzt in der Jerusalemer Altstadt und hat auf diese Fragen eine simple Antwort: „Wer kein Geld für Essen hat, wird auch keinen Frieden schließen.“ Seit 70 Jahren betreibt seine Familie einen kleinen Schmuckladen, er selbst stellt Ringe, Ketten, Anhänger her. Das Geschäft ist tot. Erst Corona, dann Krieg. Viele arabische Läden schließen, sagt er. Und fürchtet: für immer.

Hilfe von der Regierung gibt es nicht, gleichzeitig steigen die Preise, in Israel liegen sie knapp ein Drittel über denen Deutschlands. Hier würden alle hoffen, dass die Touristen wiederkommen, sagt der arabische Christ. „Es sind nicht nur wir, die leiden. Es sind die Angestellten der Pensionen, der Restaurants und Reiseagenturen, die Fahrer und Verkäufer. Niemand hat mehr Geld, nicht für den Frisör, nicht für neue Kleidung. Es ist eine lange Kette, die sich durch ganze Gemeinden zieht.“
Über Bethlehem ist nach dem Hamas-Überfall eine „wirtschaftliche Katastrophe“ hereingebrochen
Für Israel war der Tourismus vor dem Krieg eine Wachstumsbranche, viel Geld wurde investiert. Der Anteil an der Gesamtwirtschaft betrug zwar nur gut zwei Prozent. Aber die bis zu fünf Millionen Besucher im Jahr sorgten für rund 200.000 direkte Jobs. Jobs, die vielfach an Araber gingen.
In Bethlehem, von Jerusalem eine kurze Fahrt nach Süden über den Grenzwall ins Westjordanland, steht Pastor Ashraf Tannous im Verkehrslärm und spricht von der „wirtschaftlichen Katastrophe“, die nach dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas auf Israel, über die Stadt hereingebrochen ist. Israel lässt seitdem kaum noch Arbeiter nach Jerusalem. Schlimmer noch: Der Tourismus liegt brach, die wichtigste Einnahmequelle seiner Stadt.

Das setzt die schwindende christliche Minderheit weiter unter Druck. Viele packen die Koffer. Aus ökonomischen Gründen, aber auch weil radikale Siedler und orthodoxe Extremisten im Westjordanland immer gewalttätiger vorgehen – geduldet oder sogar gefördert von der Regierung.
Urlaub in Israel: Pastor hofft auf die Rückkehr der Touristen
Auch Tannous, aufgewachsen in Ramallah, drei Kinder, Theologiestudium in Deutschland, Pfarrer der hiesigen evangelisch-lutherischen Kirche, hofft, dass die Besucher zurückkommen. Im Bethlehemer Zentrum steht erstmals seit zwei Jahren wieder ein festlich beleuchteter Weihnachtsbaum. „Es wird jeden Tag ein wenig besser“, sagt Tannous. „Am Sonntag war es sogar richtig voll hier.“
Es klingt zynisch, aber ausgerechnet jetzt könnte die beste Zeit für eine Reise nach Israel sein. Über die „Via Dolorosa“, den Leidensweg Jesu, lässt sich am zweiten Adventssonntag gemütlich flanieren. Die sonst vollkommen überfüllten 16 Stationen, die sich durchs muslimische und christliche Viertel in Jerusalems Altstadt ziehen, hat man fast für sich allein.
- Privat. Eine leere Gasse in Jerusalem.

Eine leere Gasse in Jerusalem. - Privat. Leere Gassen in der Jerusalemer Altstadt, wo sich sonst Pilger und Touristen drängen.

Leere Gassen in der Jerusalemer Altstadt, wo sich sonst Pilger und Touristen drängen. - Privat. Leere Geschäfte, verzweifelte Händler: In Jerusalem setzen sie auf die Rückkehr der Touristen.

Leere Geschäfte, verzweifelte Händler: In Jerusalem setzen sie auf die Rückkehr der Touristen. - Privat. Straßenszene im muslimischen Viertel der jerusalemer Altstadt.

Straßenszene im muslimischen Viertel der jerusalemer Altstadt. - Privat. Keine Kundschaft: Viele Läden in der Jerusalemer Altstadt öffnen nicht mal.

Keine Kundschaft: Viele Läden in der Jerusalemer Altstadt öffnen nicht mal. - Privat. Millionen Pilgerhände haben den Stein ausgehöhlt, an dem sich einst der erschöpfte Jesus abgestützt haben soll.

Millionen Pilgerhände haben den Stein ausgehöhlt, an dem sich einst der erschöpfte Jesus abgestützt haben soll. - Privat. Ein kurzer Security-Check wie am Flughafen, schon steht man an der Klagemauer.

Ein kurzer Security-Check wie am Flughafen, schon steht man an der Klagemauer. - Privat. Ein Mann betet auf dem Stein, auf dem Jesu Leichnam für die Bestattung vorbereitet worden sein soll.

Ein Mann betet auf dem Stein, auf dem Jesu Leichnam für die Bestattung vorbereitet worden sein soll. - Privat. Kaum Wartezeit: Vor dem Grab von Jesus Christus bilden sich derzeit nur kleine Schlangen.

Kaum Wartezeit: Vor dem Grab von Jesus Christus bilden sich derzeit nur kleine Schlangen. - Privat. Nichts los: Zentraler Platz in der jerusalemer Altstadt.

Nichts los: Zentraler Platz in der jerusalemer Altstadt. - Privat. „Macht Gaza wieder jüdisch“: Ein Banner an zentraler Stelle im jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt

„Macht Gaza wieder jüdisch“: Ein Banner an zentraler Stelle im jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt
In der Grabeskirche, einem heiligen Labyrinth, das sich sechs untereinander zerstrittene Kirchen teilen, steht nur eine kleine Gruppe vor dem Grab Jesu Christu. Wartezeit: etwa 30 Minuten. Vor dem Krieg waren es gerne mal fünf Stunden, die Schlange zog sich bis zur Eingangstür.
Wo sonst Reisebusse Touristen im Minutentakt abladen, ist man derzeit ganz allein
Dort liegt der Stein, auf dem der Leichnam Jesu gebettet worden sein soll, beinahe unbeachtet im Eingangsbereich. Ein einzelner Mann kniet vor ihm, den Kopf auf die rötliche Platte gedrückt. „So leer habe ich das hier noch nie gesehen, es ist fantastisch“, sagt eine Besucherin, die regelmäßig ins Land reist.
Auch in Nazareth, im Norden Israels, schauen sich nur ein russisches Pärchen und eine Gruppe Amerikaner die bombastische Verkündigungskirche über der Grotte an. Hier soll Maria von Erzengel Gabriel erfahren haben, dass sie Gottes Sohn in sich trage. Wer weiter auf den Spuren der Bibel wandert, kann etwas weiter östlich auf dem Berg der Seligpreisungen die Aussicht über den See Genezareth bewundern – und hat die Basilika zu Ehren der Bergpredigt ganz für sich allein. Die benachbarte Brotvermehrungskirche mit ihrem berühmten Mosaik ist: menschenleer.
- Privat. Menschenleer: die Brotvermehrungskirche am See Genezareth

Menschenleer: die Brotvermehrungskirche am See Genezareth - Privat. Die verwaiste Basilika zur Erinnerung an die Bergpredigt im Morgenlicht: traumhafter Blick über den See Genezareth

Die verwaiste Basilika zur Erinnerung an die Bergpredigt im Morgenlicht: traumhafter Blick über den See Genezareth
Israel investiert viel, damit sich das ändert. Kaum stand der fragile Waffenstillstand mit der Hamas, begann das Tourismusministerium, Werbekampagnen zu schalten und Journalisten einzuladen. So ist auch dieser Bericht entstanden. Dabei geht es dem Land nicht nur um Wirtschaft, sondern auch ums Image. Die Botschaft: Es ist alles wieder gut. Kommt her, genießt die vielfältige Kultur, die spektakuläre Natur, die einmalige Geschichte. Das alles verbunden mit der Hoffnung, dass sich damit auch der Blick auf das Land normalisiert.
Israel wirbt um Touristen: Die Europäer sollen wieder hier Urlaub machen
Zwei Gruppen sind dabei besonders im Visier: Christen und europäische Individualtouristen, die „endlich wieder in Tel Aviv an der Promenade flanieren oder nach Jerusalem pilgern wollen“, wie ein Tourismussprecher sagt.
Die wichtigsten Infos für Reisen nach Israel
Sicherheitslage: In Israel selbst unauffällig, Reisen nach Bethlehem oder Jericho problemlos möglich. Auswärtiges Amt warnt generell vor Reisen ins Westjordanland. Stets aktuelle Lage beachten.
Beste Reisezeit: Frühjahr und Herbst
Flüge: Eurowings fliegt direkt ab Hamburg (ab 99 Euro).
Einreise: Kein Visum für Deutsche nötig. Vorab Einreisebestätigung „ETA-IL“ online beantragen. Einreisenachweis (blauer Zettel) nicht verlieren!
Preise: Israel ist ein eher teures Reiseland, Preise tendenziell höher als in Deutschland. Sprache: Mit Englisch kommt man überall durch.
Informationen: Offizielle Seite www.goisrael.com. Kritische Hintergründe zur Besatzungs- und Siedlungspolitik z.B. bei „Peace Now“ (peacenow.org.il)
Ist es nicht merkwürdig, ausgerechnet jetzt, wo Israel so scharf wie nie kritisiert wird, um Touristen zu werben? „Wer Israel hasst, wird eh nicht kommen. Wer die Lage differenziert betrachtet, vielleicht schon.“ Und: „Israel ist das einzige Land, in dem man sehen kann, wo Jesus geboren wurde, wo er lebte, wo er starb.“

Tel Aviv erweckt tatsächlich den Eindruck, als wäre nichts gewesen. Hier leben die säkularen Israelis, hier gab es die Massenproteste gegen den Kriegskurs der Regierung. Die Stadt ist voller junger Menschen, Wolkenkratzer wachsen in den blauen Dezemberhimmel, die Restaurants sind voll, vor den Cafés hängen Pride-Flaggen.
Das eigene Leid ist sehr präsent, das der anderen nicht
Doch während die Menschen am Strand den Sonnenuntergang genießen, durch die berühmte „weiße Stadt“ streifen, sich in Bars und Clubs das Leben zurückerkämpfen, hausen in Gaza, nur eine Autostunde weiter südlich, zwei Millionen Menschen zwischen Ruinen. Träumen Minister davon, sie endgültig zu vertreiben. Tötet die Armee neben Hamas-Kämpfern immer wieder auch Unschuldige. Und erklärt an einem Dienstagvormittag die Hälfte des Gazastreifens zu israelischem Gebiet, was in den Nachrichten nur eine Randnotiz ist.

Das eigene Leid ist in Israel sehr präsent. Aufkleber mit den Fotos von im Krieg getöteten Soldatinnen und Soldaten kleben an Stromkästen, Laternen, Supermärkten. Gelbe Flaggen, das Symbol der Geiseln, hängen an Balkonen, an den Autobahnen stehen gelb bemalte Autos, in denen die Flüchtenden des Nova-Festivals erschossen wurden. Das Leid in Gaza findet kaum statt.
Palästinenser werden durch Inder, Thailänder, Sri Lankaner ersetzt: „Vertrauen ihnen nicht mehr“
Psychologen sagen, dass sich viele Israelis abkapseln, zurückziehen, ihren Alltag nur noch bewältigen können, wenn sie all den Schrecken ausblenden. Gespräche bestätigen, was aus Umfragen bekannt ist: Die israelischen Juden, sie stellen knapp 80 Prozent der Bevölkerung, haben nach dem Hamas-Überfall mit den Palästinensern abgeschlossen, eine große Mehrheit hält eine Verständigung, gar eine Aussöhnung, für nicht mehr möglich.
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Die Schlucht, die beide Völker trennt, ist zum Abgrund geworden. Und alle Brücken werden abgerissen. 190.000 Palästinenser haben vor dem Angriff in Israel gearbeitet, auf Baustellen und Feldern, in Fabriken. Das ist vorbei. Die Regierung holt stattdessen Zehntausende Inder und Thailänder ins Land. In den schicken Hotels am Toten Meer arbeiten nicht mehr Araber aus Jericho oder Bethlehem, sondern Ukrainerinnen und Sri Lankaner.
„Sie ersetzen uns“, sagt Pastor Tannous in Bethlehem.
„Sie haben uns verraten, wir vertrauen ihnen nicht mehr“, erwidert ein älterer Israeli.
Auch gegenüber Europa hat sich eine tiefe Enttäuschung im Land breitgemacht. Der grassierende, vielerorts tolerierte Antisemitismus schockiert die Menschen. Man fühlt sich von den Medien ungerecht behandelt, von Regierungen einseitig verurteilt, im Stich gelassen. Aber Deutschland gegenüber, dem Land, das Millionen Juden umgebracht hat, gibt es eine große Dankbarkeit.
„Niemand will mehr unsere Produkte kaufen, Israel gilt als böse“
„Danke, dass ihr zu uns haltet“, sagt beiläufig eine Restaurantmitarbeiterin. „Danke, dass ihr euch selbst ein Bild macht“, sagt eine Bewohnerin des ältesten Kibbuz des Landes, 1910 von russischen Kommunisten im Norden gegründet und immer noch sozialistisch organisiert. In einer Ecke stehen die gelb angemalten Schuhe einer am 7. Oktober getöteten Familie, an den Bäumen verrotten die Grapefruits. „In Europa will niemand mehr unsere Produkte kaufen. Israel gilt jetzt als böse“, sagt die Frau resignierend, während neben ihr ein Fahrer seinen Gebetsteppich ausrollt und gen Mekka betet. „Wir wollen sie jetzt nach Gaza schicken.“

Zurück in der Jerusalemer Altstadt. Die Stadt wirkt friedlich, wie in Tel Aviv sind kaum Sicherheitskräfte zu sehen, die Wintersonne scheint, von der alten Zitadelle geht ein herrlicher Blick über Gotteshäuser aller Art. Ein Muezzin ruft, eine Glocke bimmelt, hinter Klagemauer, Felsendom und Al-Aqsa-Moschee erhebt sich der Ölberg. Über eine Hügelkuppe schlängelt sich die Mauer, die den arabischen Teil der Stadt abtrennt. Dahinter erhebt sich die jüdische Großsiedlung Ma’ale Adumim, deren Umland die Regierung annektieren will – um damit einen künftigen palästinensischen Staat in der Mitte zu durchtrennen und so unmöglich zu machen. Der Kampf ums Land ist in vollem Gange, auch das lässt sich hier besichtigen.
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