Weltklasse-Pianistin: „Klar mag ich Komplimente, aber Kritik stört mich nicht“
Die französisch-georgische Pianistin Khatia Buniatishvili verzaubert seit vielen Jahren ihr Publikum, manche nennen sie auch die „Beyoncé des Klaviers“. Die 38-Jährige hat sich als eine der bedeutendsten Künstlerinnen unserer Zeit etabliert. Ob in ihrer Heimat oder auf den großen Bühnen der Welt – sie begeistert nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch mit ihrem unverwechselbaren Charisma. Jüngst hat sie ihr erstes Mozart-Album veröffentlicht, und gleich dreimal wird sie in Hamburg live zu erleben sein.
MOPO: Sie haben im Alter von drei Jahren mit Klavierspielen begonnen. Da spielen andere Kinder mit Spielzeug …
Khatia Buniatishvili: Meine Mutter hat mich herangeführt, sie hat Musik geliebt und wollte auch selbst Musik machen, hat dann aber einen anderen Weg eingeschlagen. Ich wurde nicht gezwungen, Klavier zu spielen; meine Mutter hat mich spielerisch herangeführt, mit viel Freude.
Ihr erstes Konzert haben Sie mit sechs Jahren gegeben. Wie geht das in so jungem Alter?
Das kam einfach so, und dann wurde ganz schnell alles professionell. Auf der Bühne spürte ich auf einmal eine gewisse Verantwortung. Ich fand bald die Balance und ein Gefühl dafür, wie ich mit dem Publikum und dem Klavier umgehen wollte, und wusste: Das möchte ich weitermachen.
Sie haben einmal erzählt, dass Sie schon als Kind daran gewöhnt waren, allein zu sein. Das klingt sehr traurig.
Für mich war das nicht traurig. Ich habe es immer geliebt zu lesen, das war meine eigene Welt. Ich wollte immer die Hauptfigur in einem Buch sein. Natürlich habe ich auch mit anderen Kindern gespielt, aber wenn du allein am Klavier sitzt, dann weißt du, was Einsamkeit ist. Es war für mich aber wirklich nicht traurig, sondern eine Möglichkeit, meine Fantasie weiterzuentwickeln. Das war einfach mein Naturell. Es gibt Kinder, die viel Kontakt zu anderen Kindern brauchen, und andere, die mehr Fantasie brauchen. Für mich war es zum Glück eine gute Erfahrung.
Ist der Applaus des Publikums heute ein später Ausgleich für einsame Momente früher?
Der Applaus hat damit gar nichts zu tun. Einsamkeit hat Platz in meinem Inneren, und der Kontakt zu Menschen ist etwas völlig anderes. Der Applaus ist das Dankeschön des Publikums. Auch ich sage den Leuten Danke, weil ich die Energie des Publikums spüre. Diese Stille, bevor ich zu spielen beginne, ist ein unglaublicher Moment. Dann kommt die Musik, und wir sind durch Emotionen und Klänge vereint. Die Zeit, die Achtung und die Energie des Publikums zu bekommen, bedeutet mir viel. Ich gebe auf der Bühne all meine Emotionen.
Was halten Sie denn davon, dass heute fast nur noch die digitale Welt zählt?
Zuerst war ich überrascht, wie schnell das alles ging, jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Ich bin ein nostalgischer Mensch und mag vieles, was früher war. Ich schätze es, wenn Menschen sich Zeit füreinander nehmen. Ich mag es, wenn man das Leben bewusst erlebt. Wenn wir etwas fotografieren, machen wir nur eine Kopie dessen, was wir gerade leben. Wir erleben es dadurch nicht vollständig. Der Fokus liegt nur auf der Kopie, die für das Internet und die sozialen Medien gedacht ist. Ich versuche, die Momente im Leben wirklich zu genießen. Ich habe ein schönes Beispiel von meiner Tochter Charlotte (kam 2023 zur Welt, Anm. d. Red.).
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Erzählen Sie …
Wenn die Kleine etwas Süßes macht, überlege ich sofort: Soll ich davon ein Foto oder ein Video machen? Aber dann möchte ich diesen Augenblick völlig mit ihr erleben und spüren. Ich will keine Zeit für das Foto verlieren, das würde mich in diesem Moment nur stören. Natürlich sollte man manchmal Fotos machen, um Erinnerungen festzuhalten, aber man sollte es nicht übertreiben. Es ist wichtig, dass wir lernen, das Leben wirklich zu erleben. Ich würde niemals ein Foto von Charlotte posten, weil sie das später selbst entscheiden soll.
Sie sind heute eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist angenehm. Ich komme aus Georgien und bin in den 90er Jahren dort aufgewachsen. Natürlich habe ich auch von einer großen Karriere geträumt, aber es war damals eine schwere Zeit mit viel Kriminalität und Krieg. Die finanzielle Lage war für die meisten Georgier einfach schrecklich. Ich erinnere mich, dass es oft weder Strom noch Wasser gab. Karriere war nicht das Wichtigste für mich war, mein Freiheitsgedanke stand über allem. Und wenn man diese innere Freiheit von Anfang an besitzt, ist man frei – auch wenn man keine Karriere macht.
„Die Beyoncé des Klaviers“, schrieb mal „France 2“ über Sie. Ein schöner Vergleich?
Das ist ein schönes Kompliment im Sinne eines sexy Feminismus (lacht). Es gefällt mir, weil viele Menschen Beyoncé mögen. Ich definiere mich nicht selbst; ich lasse andere Menschen denken, was sie möchten. Es freut mich, wenn ich Komplimente bekomme, aber genauso wenig stört mich Kritik. Ich habe schon in jungen Jahren gelernt, unabhängig von beidem zu sein.
Auf Ihrem neuen Album beschäftigen Sie sich ausschließlich mit Wolfgang Amadeus Mozart. Warum erst jetzt?
Seit ich denken kann, liebe ich Mozart. Es war ein großes emotionales Erlebnis, als ich mit sieben Jahren zum ersten Mal seine Musik hörte. Der musikalische Geschmack wird in der Kindheit geprägt, und bis heute liebe ich Mozart genauso wie damals. Es gibt Dinge, die sich nie ändern. Ich habe auch den Film „Amadeus“ von Miloš Forman gesehen und mich vollkommen in diesen Film und die Hauptfigur verliebt. Der Film hat meine Sicht auf die Welt beeinflusst und lässt mich die Dinge noch heute durch die Augen meiner Kindheit betrachten. Danke an Miloš Forman.
Es gab auch Ausflüge in die Popmusik. So haben Sie mal mit Coldplay zusammengearbeitet. Wie war das?
Es war eine wunderbare Erfahrung! Chris Martin ist jemand, der stets nach neuen Klängen sucht. Das war sehr erfrischend. Besonders die alten Coldplay-Songs mag ich sehr. Die Zusammenarbeit war spannend; es war kein Crossover, sondern einfach gemeinsames Musizieren.
„Ich war eigentlich immer ein braves Mädchen“, haben Sie einmal gesagt …
Brav vielleicht nicht, aber ich hatte immer ein starkes Verantwortungsgefühl – für meine Familie und für soziale Themen. Wenn man bemerkt, dass die Welt etwas braucht, aber nicht bei sich selbst anfängt, ändern sich nicht einmal die kleinen Dinge.
Laeiszhalle: 12.12., 19.30 Uhr, Karten ab 47 Euro, Tel. 35 76 66 66
Elbphilharmonie: Konzert am 24.3.26 und Konzert am 11.5.26

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