Star-Geiger André Rieu: „Meine Konzerte sind wie Sex“
Er ist der „König des Walzers“, hat in Fußballstadien gespielt, bei Autorennen performt und war 2023 sogar beim Papst. In diesem Jahr ist André Rieu (76) auf großer Europatournee. 13 Konzerte wird der niederländische Star-Geiger zusammen mit seinem rund 60-köpfigen Orchester in Deutschland spielen. Die MOPO sprach mit ihm in seinem Schloss in Maastricht.
MOPO: Sie leben in einem Schloss, gelten aber als absolut bodenständiger Mensch. Was ist für Sie Luxus? Ungestört durch Maastricht zu gehen?
André Rieu: Ach, in Maastricht geht das ganz gut. Zeit ist für mich Luxus. Ich werde oft gefragt: „Warum wohnst du nicht in London oder Paris?“ Aber der Verkehr in London ist furchtbar. In Maastricht brauche ich zehn Minuten zum Flughafen und zehn Minuten zu meinem Studio. Das ist prima so.
1995 nahm Ihre Karriere Fahrt auf. Damals spielten Sie in Amsterdam in der Halbzeitpause des Spiels Ajax gegen den FC Bayern. Sie sollen vorher gesagt haben, dass Sie den Rasen nur betreten, wenn Ajax führt.
Stimmt. Zum Glück stand es schon 3:1. Da waren die Fans bereits zur Pause euphorisch. Ich bin großer Ajax-Fan. Ich spielte den berühmten Second Waltz von Schostakowitsch. Das Album hat sich mehr als 900.000 Mal in den Niederlanden verkauft. Das war mein Durchbruch.
Wie gehen Sie mit dem Star-Rummel um? Manchmal halten die Busse mit den Touristen direkt vor Ihrem Schloss.
Während der Konzerte im Juli haben wir Hunderte von Nationalitäten auf dem Vrijthof-Platz in der Innenstadt. Viele reisen mit Bussen an, halten direkt vor der Tür und hoffen, dass ich komme. Manchmal ist das schon ein bisschen viel. Aber ich beklage mich nicht, die Fans sind alle lieb.
Ein Konzert von André Rieu zeichnet sich nicht nur durch die Musik aus, sondern auch durch eine opulente Bühnenkonstruktion und aufwendige Kostüme.
In den meisten Orchestern sitzen die Musikerinnen in schwarzen Kleidern auf der Bühne und spielen die schönste Musik, die es gibt. Aber sie gucken oft, als ob sie schon tot wären. Ganz am Anfang meiner Karriere trug mein Orchester auch Schwarz, das fand ich schade. So ist es viel fröhlicher und schöner. Und die Musikerinnen lieben ihre Kleider, in die ich auch viel investiere.
Wie laufen die Vorbereitungen für eine so große Tour wie 2026 ab?
Ich bin der Boss, sehe und höre bei den Proben alle Details, achte darauf, was nicht stimmt und was wir verbessern können. Ich bin Perfektionist. Bis zum ersten Konzert ist immer noch Anspannung da.

Was mögen Sie an Deutschland?
Vieles. Und ich schaue fast nur deutsches Fernsehen und liebe Talkshows. In Deutschland lässt man sich ausreden, was ich sehr schätze. In den Niederlanden ist das ganz anders; dort reden alle durcheinander, das finde ich nicht schön. Und ich mag die Disziplin. Ohne Disziplin geht bei mir gar nichts, 8 Uhr ist für mich 8 Uhr. Die kombiniere ich dann mit niederländischer Spontaneität.
Wie halten Sie sich fit?
Ich mache jeden Tag Sport und ernähre mich gesund. Auf Tournee haben wir einen Fitnesstrainer und einen Arzt dabei. Ebenso einige Köche. Ich trage Verantwortung für meine Leute. Mit eigenen Köchen ist es fantastisch. Wir sind wie ein Wanderzirkus, und das Essen muss top sein. (lacht)
Sie haben Ihr Orchester nach Johann Strauss benannt. Ihr aktuelles Album heißt „Thank You, Johann Strauss“ – was bewundern Sie an ihm?
Für mich hat kein anderer Komponist der Welt so viel Freude geschenkt. Strauß‑Walzer haben eine beinahe magische Wirkung auf das Publikum und bringen die Menschen sofort zum Tanzen. Das habe ich bereits im Alter von fünf Jahren in einem Konzert meines Vaters, der Dirigent war, gespürt.
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Mit mehr als 40 Millionen verkauften Alben, mehr als 500 Platin-Auszeichnungen, Milliarden von Aufrufen auf YouTube und jährlich mehr als 700.000 Besuchern bei über 80 Konzerten weltweit gehören Sie zu den erfolgreichsten Live-Acts der Welt. Wie gehen Sie mit diesen Superlativen um?
Ich bin dankbar, dass es so gut läuft. Ich habe 120 Leute fest angestellt und noch mal 120 Freelancer. Sie und ihre Familien leben von unseren Ticketverkäufen. Aber ich glaube nicht, dass mich der Erfolg als Mensch verändert hat. Ich bin noch immer sehr emotional. Ich spiele Musik, die mein Herz berührt, und dann weiß ich, dass sie auch die Herzen des Publikums berührt. Die Musik ist das Wichtigste.
… und Ihre Familie. Sie haben zwei Söhne und fünf Enkel, mit Ihrer Frau Marjorie sind Sie seit 50 Jahren verheiratet.
Marjorie und ich denken oft dasselbe, bei allen wichtigen Entscheidungen waren wir uns immer einig. Wir haben uns stets respektvoll behandelt und konnten uns auch loslassen. Wenn man das alles beachtet, funktioniert es ziemlich gut.
Was macht André Rieu privat am liebsten?
Am liebsten schlafe ich! Marjorie sagt immer zu mir: „Du arbeitest, du rennst oder du schläfst.“
Heute verfolgen viele Zuschauer ein Konzert fast nur noch durch ihr Handy. Wie denken Sie darüber?
Ich rege mich darüber nicht auf. Ich baue das Konzert auf, und irgendwann kommt die Explosion, der Höhepunkt. Meine Konzerte sind wie Sex. Und während der Zugaben reißen wir die Leute so mit, dass sie nicht mehr filmen.
Was macht ein Konzert von André Rieu einzigartig?
Die fröhliche Atmosphäre, wenn es gelingt, dass ich mit dem Publikum in gutem Kontakt bin. Ich habe einmal in einer Stadt zwei Konzerte gegeben, beim ersten hatte ich das Gefühl, die Tickets wurden an eine Bank verkauft – die Stimmung war nicht schön, ganz anders als beim zweiten Abend. Daher gebe ich fast nie Konzerte auf Einladung. Ich möchte nicht, dass in den ersten Reihen geladene Gäste sitzen. Die Plätze sind für die Fans.
Was wünschen Sie sich?
Ich möchte gesund bleiben und 140 Jahre alt werden.
Wirklich?
Irgendwann wird es Medikamente geben, die das möglich machen. Am wichtigsten für mich: Das Glas ist immer halb voll, nicht halb leer. Diese Einstellung ist wertvoll. Ich stehe jeden Morgen mit viel Energie auf und frage mich: „Was machen wir jetzt?“
Barclays-Arena: 26.2., 19.30 Uhr (Einlass 17.30 Uhr), Karten für 66,25-131,25 Euro, Tel. 80 60 20 80

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