Mann umarmt eine lachende Frau

Gestrandet in der Provinz: Irina Arkadina (Bettina Stucky) und der Arzt Dorn (Samuel Weiss) in „Die Möwe“ Foto: © Lucie Jansch

So viele tragische Existenzen: „Die Möwe“ am Schauspielhaus mit glänzendem Ensemble

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„Vita brevis, ars longa“: Das Leben ist kurz, die Kunst aber überdauert. Das ist zumindest die Theorie in diesem altgedienten Aphorismus. Anders ausgedrückt: Wir alle sterben bald, aber was bleibt dann von unserer armseligen Existenz? Das zweifelnde und bisweilen verzweifelte Ringen um den Kern des menschlichen Daseins ist eines der tragenden Themen von Anton Tschechows „Die Möwe“. Der russische Autor verpackt diese abgründige Seelenzergliederung in einen eher flachen Handlungsbogen: Das echte Drama spielt sich in den Köpfen der Figuren ab.

Auf dem Landgut ihres Bruders in der Provinz trifft Schauspielerin Irina Arkadina (Bettina Stucky) zusammen mit ihrem Freund, dem erfolgreichen Schriftsteller Trigorin (Daniel Hoevels) ein. Ihr Sohn Kostja (Paul Behren) hingegen quält sich mit seinen literarischen Versuchen; er liebt Nina (Josefine Israel), die eines Tages auf der Bühne groß herauskommen möchte.

Figuren offenbaren die Tragik des Mensch-Seins

Großes Schauspieler:innen-Theater: das „Möwe“-Ensemble © Lucie Jansch
Das Ensemble von „Die Möwe“
Großes Schauspieler:innen-Theater: das „Möwe“-Ensemble

Drum herum versuchen weitere Frauen und Männer mit den Enttäuschungen klarzukommen, die das Leben auf sie schleudert: ein Lehrer, ein Arzt, eine Trinkerin und Gutsbesitzer Sorin (Josef Ostendorf). Der sitzt mittlerweile im Rollstuhl und blickt bedauernd auf seine verfehlte Biografie: „Dann ist das Leben vorbei und ich hab’ nicht richtig gelebt.“ Die Arkadina beschimpft ihren Sohn („Du Nobody, du Versager!“), Trigorin nimmt Nina mit in die große Stadt. Nach zwei Jahren haben sich zwar einige Umstände verändert, aber die Grundstimmung verharrt in Moll.

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Regisseurin Yana Ross inszeniert zum ersten Mal im Schauspielhaus, und sie hat ein sehr feines Gespür für die Zerrissenheit des Personals. Die Figuren bilden ein ganzes Panoptikum an Gefühlen ab und offenbaren damit die Tragik des Mensch-Seins. Diese düstere Sicht erzeugt in der holzvertäfelten Bühnenkonstruktion einen leichten, leisen und einnehmenden Sog. Dabei entstehen wunderbare Momente, atmosphärisch stark und emotional überzeugend. Die Schlussszenen, in denen Wolfgang Herrndorfs Gedanken vor seinem eigenen Suizid über Kostjas Freitod gelegt werden, während das funkelnde Ensemble langsam tanzt, ist große Bühnenkunst.

Schauspielhaus: 19./24.2., 1./3.3., diverse Uhrzeiten, 11-64 Euro, Tel. 24 87 13, schauspielhaus.de

Der Plan7 vom 13. Februar 2026 MOPO
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