Vier Männer stehen vor einer mit Graffiti besprühten Wand.

Die Macher des Punk-Buches: Klaus Abelmann, Detlef Max, Sebastian Moock und Hollow Skai(v.l.) Foto: Bureau Sebastian Moock, Lisa Kittelmann

„Punk ist kein Vorrecht der Jugend“: Talk über radikale Zeiten und Straßenschlachten

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Der Punk wird 50! Der Sound-Urknall der 70er ließ auch in Deutschland eine Subkultur erblühen; in Hannover fanden die berüchtigten Chaostage statt, dort gründete sich die bis heute aktive Anarchistische Pogo Partei Deutschland. Wird Punk heute noch gelebt oder gehört er ins Museum? Diesen und anderen Fragen gehen Klaus Abelmann, Detlef Max, Sebastian Moock und Hollow Skai in dem Buch „Hey Ho! Let’s Go! 50 Jahre Punk in Hannover“ nach. Die MOPO wollte von den Autoren wissen, ob die einst radikale Jugendkultur mehr als eine nostalgische Erinnerung ist.

MOPO: Punk war die ultimative Provokation. Das Bürgertum sah in Punks die Sendboten der Apokalypse. War Punk wirklich gefährlich für die Gesellschaft?

Hollow Skai: Die Punks glaubten nicht, dass es ein Morgen geben wird, was angesichts der Stationierung von Pershing-2-Raketen und der Gefahr eines Atomkriegs auch nahelag. Es herrschte die Meinung vor, dass der Untergang nicht mehr aufzuhalten ist.

Klaus Abelmann: Neulich stieß ich in einem Songtext der Band Blitzkrieg auf die Zeile: „Wir sind die letzte Generation.“ Kommt mir bekannt vor, ist aber aus dem Jahr 1979.

In der „Punker-Kartei“ sammelte die Hannoveraner Polizei Anfang der 80er Jahre Daten über die lokale Punk-Szene, weil sie sie mit der RAF in Verbindung brachte. Ein wilder Haufen Punks versetzte daraufhin die Stadt in Aufruhr. Wie haben Sie das erlebt?

Abelmann: Unsere Fanzines wurden intensiv gelesen und ausgewertet. Wir haben aber auch dazu beigetragen, dass wir unter Beobachtung standen. Die anarchistische Idee war den Punks nicht fern. Von daher haben wir es eher goutiert, dass wir so viel Beachtung fanden.

Wie radikal war die Szene damals?

Hollow Skai: Die Berliner Band Katapult hat einmal auf einem Festival in Hannover gespielt und bei mir übernachtet. Da wurde diskutiert, ob man sich in den bewaffneten Untergrund begeben sollte. Bei einem Spaziergang haben sie eine Knarre in einem Tümpel entsorgt – ich war geschockt. Damals hätte man den Schritt in den Untergrund leicht machen können.

Wie sehr hat die Ablehnung durch den Staat die Punkszene politisiert?

Abelmann: Es gab Verfolgungsdruck seitens der Behörden, was die Szene nicht unberührt ließ. Es bestand eine große Schnittmenge zwischen Autonomen und Punks. Es gab gewalttätige Demonstrationen, man ist nach Berlin gefahren, um den Kollegen auf der Straße auszuhelfen. Dafür hat man harte Strafen kassiert, bis hin zu Knast.

Im August 1984 standen sich in Hannover 2000 Punks und Autonome und 3500 Polizisten bei den „Chaostagen“ gegenüber. Wollte man die Stadt wirklich in Schutt und Asche legen?

Abelmann: Anfang der 80er war ich aus dem Punk-Alter raus. Ich habe die Chaostage nicht verstanden, aber die Ankündigung, alles niederzubrennen, war nur Großmäuligkeit. Es wurde da in erster Linie gesoffen und ab und zu ein Stein geschmissen. Davon hielt ich nichts, und die anderen Chaostage waren nur blöde Wiederauflagen.

Bei den „Chaostagen“ 1996 gab es mehr als 1000 Festnahmen und rund 800.000 Mark Sachschaden. Mussten Leute aus der Punkszene dafür geradestehen?

Abelmann: Ich hatte mir das angeschaut. Vor dem Sprengelgelände (es diente den Punks als Rückzugsort, die Red.) bauten Punks in aller Seelenruhe meterhohe Barrikaden auf. Die Polizei rührte sich nicht. Erst als die Punks fertig waren, ging es los. Das war unnötig und blöd. Die, die da festgesetzt wurden, waren vor allem welche, die ein bisschen Cannabis in der Tasche hatten. Es wurde alles gnadenlos aufgebauscht. Da wurde in der Boulevardpresse von Blutbädern gefaselt, die es nie gab.

Gibt es Parallelen zu „Fridays for Future“ oder der „Letzten Generation“?

Hollow Skai: Ich würde sagen, dass die Punks von damals inhaltlich mit den Zielen von „Fridays for Future“ übereinstimmen.

Abelmann: Was mir nicht gefällt, ist, dass gefühlt 60, 70 Prozent aller britischen und 100 Prozent aller irischen Postpunkbands das Thema Palästina für sich entdeckt haben und völlig unreflektiert vor sich hertragen. Es wird nicht differenziert zwischen der Hamas, den Palästinensern, der israelischen Regierung und dem israelischen Volk. Das ist oft schierer Antisemitismus.

Ist Punk eine Frage des Alters?

Abelmann: Er ist jedenfalls kein Vorrecht der Jugend. Natürlich ist Punk zusammen mit seinen Protagonisten alt geworden, aber auch früher gab es schon ältere Punks; die Cramps-Sängerin Poison Ivy war damals schon über 50. Punk hat Musik, Film, Literatur und Mode beeinflusst. Es gibt tausend Möglichkeiten, sich mit dieser Haltung auszudrücken.

Lesung und Talk im Nochtspeicher: 4.3., 20 Uhr, Tickets ab 22,60 Euro

Der Plan7 vom 27. Februar 2026 MOPO
Der Plan7 vom 27. Februar 2026
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