Comedy-Projekt „Freche Möwe“: „Statt aalglatter Unterhaltung suchen wir Reibung“
Ein noch junger, bunter und lustiger Vogel erobert Hamburger Spielstätten. Die „Freche Möwe“ bietet Newcomern und „alten Hasen“ eine Bühne für ihre Comedyprogramme. Hinter dem Label stecken Comedian und Moderator Phil Stadelmann sowie Veranstaltungsorganisatorin Franziska Ziemann. Mit der MOPO sprachen die beiden über ihr vergangenes Jahr gegründetes Unternehmen.
MOPO: Beruflich kommen Sie aus völlig anderen Ecken. Wie sind Sie in der Comedy-Szene gelandet?
Phil Stadelmann: Ich bin gleich nach dem Abitur in die Gastronomie gegangen und, seit ich 2014 nach Hamburg kam, Fan der Poetry-Slam-Szene in der Stadt. Doch es hat noch mal sechs Jahre gebraucht, bis ich selber auf die Bühne gegangen bin. Ich liebe Interaktionen mit dem Publikum und Spontaneität. Deshalb ist die sehr aktive Comedy-Szene genau mein Ding.
Franziska Ziemann: Kennengelernt haben Phil und ich uns letztes Jahr in einem Comedy-Club auf der Reeperbahn. Ich jobbte dort, nachdem ich den sehr herausfordernden Beruf der Erzieherin gegen ein Studium getauscht hatte. Schnell war uns klar, dass wir privat und beruflich in dieselbe Richtung wollten, also Comedy auf einer hauptberuflichen Ebene anstrebten.
Startrampe, Spielwiese, Experimentierfeld – was ist die „Freche Möwe“?
Franziska: Alles das. Jeder und jede, die Lust haben, als Stand-up-Comedian aufzutreten, kann bei uns einen Spot spielen. In jeder Show treten acht Comedians und Comediennes auf. Alle, vom Newcomer, der noch nie ein Mikro in der Hand hatte, bis zur erfahrenen Künstlerin, die neue Gags testen möchte, können dabei sein.
Was sind die Voraussetzungen?
Phil: Wir haben eine offene Stand-up-Bühne. Wer uns schreibt, bekommt in der Regel einen Spot bei unseren Open Mics. Die meisten Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind uns schon bekannt. Schön ist, wenn Leute aus anderen Städten das allererste Mal in Hamburg auftreten. Das sind dann auch für uns überraschende Momente. Allerdings schauen wir nicht nur darauf, wie die Newcomer auf der Bühne agieren, sondern auch auf ihr soziales Verhalten.
Was ist darunter zu verstehen?
Franziska: Uns ist sehr wichtig, dass sich alle Mitwirkenden auf der Bühne und backstage ins Team einfügen. Zusammen mit anderen Hamburger Comedy-Clubs (Schnack Stand-Up, Stand up Komitee, Get Up Stand Up, Candid Comedy) haben wir gemeinsam ein Awareness-Konzept entwickelt, auf welches wir großen Wert legen und wonach wir handeln.
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Phil: Damit sind klare Regeln geschaffen, um für alle eine einladende Atmosphäre zu schaffen. Übergriffiges Verhalten, Sexismus, Rassismus, Diskriminierung, werden von uns nicht toleriert. Wir heißen alle willkommen und möchten, dass alle miteinander eine geile Zeit erleben.
Ihre Geschäftsidee ist nicht ganz neu. Wie unterscheidet sie sich von den Konzepten anderer Veranstalter?
Phil: Die Bühne ist für mich ein Ort, an dem auch Scheitern erlaubt sein muss. Klar ist es klasse, wenn Vorstellungen reibungslos laufen und unsere Gäste vor Begeisterung ausrasten. Aber in unseren Shows möchte ich auch diejenigen auftreten lassen, die anderswo vielleicht keine Bühne finden, weil sie gerade nicht zum Hype passen. Statt aalglatter Unterhaltung wie vor der Glotze suche ich Reibung. Und gebe alles dafür, dass unsere Gäste selbst aus einer Veranstaltung, auf der nicht alles funktionierte, das Gefühl mitnehmen, sie haben einen tollen Abend erlebt.
Inzwischen kann man die „Freche Möwe“ bereits in sechs unterschiedlichen Stadtteilen antreffen. Wird es weitere Spielstätten geben?
Franziska: Auf jeden Fall. Vor Kurzem haben wir auf der Plattformbühne des Ernst-Deutsch-Theaters Premiere gefeiert, im nächsten Jahr starten wir in einem weiteren Kulturzentrum in Altona. In Stadtteilkulturzentren zu gehen hat sich absolut bewährt. Im Kulturschloss Wandsbek gibt es mittlerweile schon ein Stammpublikum. Die Shows sind quasi immer ausverkauft, die Stimmung ist jedes Mal auf dem Höhepunkt. Also, wir wollen gar nicht nur die großen Bühnen, sondern immer auch nachbarschaftlich unterwegs sein.
Phil: Wichtig ist uns auch, finanzielle Barrieren abzubauen. Wer die „Freche Möwe“ trotz knapper Kasse besuchen möchte, kann uns das schreiben, dann wird er oder sie eingeladen. Am fehlenden Eintrittsgeld dürfen Kunst- und Kulturerlebnisse eigentlich nicht scheitern. Vielmehr sollten sie selbstverständlich zu unserem Alltag dazugehören.
„Freche Möwe“ im Indra-Musikclub: 1.12., 19 Uhr, Tickets 17 Euro, Infos und weitere Termine unter freche-moewe.de

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