Wieder in seinem Revier: Müller-Westernhagen reißt Hamburger von den Sitzen
Er ist wieder hier, in seinem Revier… Marius Müller-Westernhagen schaute am Freitag auf seiner „75Live“-Tour in seiner alten Heimat Hamburg vorbei und riss in der restlos ausverkauften Barclays-Arena Jung und Alt von den Sitzen. Dabei halfen ihm Ehefrau Lindiwe Suttle, herzliche Ansagen, ein wenig Arschwackeln und reichlich Hits für die Ewigkeit.
Um 20.15 Uhr geht der Vorhang hoch, und Marius Müller-Westernhagen steht in einer weiß-beigen Anzugkombination und mit zurückgegelten Haaren auf der Bühne der vollbestuhlten Barclays-Arena. Nur sitzen will gerade keiner!
Marius Müller-Westernhagen in Hamburg: Dieser Mann ist einfach Kult!
Westernhagen eröffnet mit „Alphatier“, und da ist es wieder: Dieses Röhren, dass nur er so kann. Dieser Mann ist nicht nur deutsches Kulturgut, sondern einfach Kult! Er ist eine Marke für sich, weshalb er oft einfach nur als MMW bezeichnet wird. Von der Arroganz, die ihm in seinen Hochphasen gerne mal nachgesagt wurde, ist mit 75 nichts zu spüren. Westernhagen wirkt tiefentspannt, nippt immer mal wieder an seiner Teetasse, lächelt beseelt, wenn das Publikum ihn feiert und erfreut sich offenbar auch selbst an der Spielfreude seiner Band. Sieben Musiker und drei Background-Sängerinnen zaubern einen geerdeten bluesigen Sound auf die Bühne. Besonders herrlich ist es seiner Perkussionistin beim Eindreschen auf die Bongos zuzusehen. Und wenn Marius die Köpfe mit seinem coolen Gitarristen Brad Rice zusammensteckt, dann erinnert das an das Doppel Mick Jagger und Keith Richards.
Mit „Ich will raus“ vom letzten Studioalbum „Das eine Leben“ bringt er für die Länge eines Songs den Frust der Pandemie zurück und begleitet sich an der Akustikklampfe. Später greift er auch zur Mundharmonika. Seine Tanzgebärden können sich immer noch sehen lassen: Wenn Marius mit Händen an den Hüften wie ein Gockel über die lange Bühne stolziert, ist das mindestens so unterhaltsam wie wenn er den Zuschauern bei „Es geht mir gut“ den Rücken zudreht, um für sie mit dem Allerwertesten zu wackeln.
Das Publikum tanzt und singt mit – „ich bin so unglaublich dankbar dafür“
Das Publikum lässt es sich nicht nehmen, zu der Nummer kollektiv mitzutanzen und zu singen. „Vor der Tour kam der Tourpromoter zu mir und sagte: ‚Bitte, Marius, animiere die Leute nicht aufzustehen und an die Bühne zu kommen.‘ Also ich tu gar nix! Ich bin vollkommen unschuldig! Aber ich freue mich natürlich“, meint MMW beim Blick in die Arena. „Ihr wisst es vielleicht, ich habe 35 Jahre in dieser Stadt gewohnt… Ich hab hier im Onkel Pö gespielt, ich hab hier im Audimax gespielt, ich hab in der Markthalle 100 Mal gespielt. Ich hab auf dem Heiligengeistfeld gespielt. Ihr wart jedes Mal unglaublich. Ich bin so unglaublich dankbar dafür. Vielen, vielen Dank!“
Das könnte Sie auch interessieren: Sasha in Hamburg: Große Show, große Gefühle – und ein Kuss
Dann gesellt sich seine Frau Lindiwe Suttle zu ihm. Er nennt sie liebevoll „meine Chefin“. Als sie erwähnt, dass ihre Deutschlehrerin im Publikum sitzt, kommentiert Marius etwas schroff: „Die Lehrerin sollte sich was schämen, sie spricht ja immer noch kein Wort (Deutsch).“ Bevor die Stimmung kippt, singen beide „Luft um zu atmen“ als Duett auf Barhockern.
Duett auf Barhockern – dann zieht MMW das Tempo wieder an
Im Anschluss zieht Marius das Tempo wieder an: „Sexy“, sein Überhit aus dem Jahr 1998 , beschreibt auch seine Frau ganz gut. Er rennt zu dem Mitgrölsong wie von der Tarantel gestochen über die Bühne, um danach im Schneidersitz mal kurz durchzuschnaufen und zum melancholischen „Alles in den Wind“ über Alkoholmissbrauch zu sinnieren. Mit „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ gibt es einen weiteren Klassiker aus Westernhagens Repertoire. Das dazugehörige Album begründete 1978 seine einzigartige Karriere. „Ich spiele jetzt einen Song, den ihr alle gut kennt“, ist er sich sicher. „Ich hoffe, dass ihr ihn hier mit mir singt.“ Natürlich zeigt sich Hamburg bei „Wieder hier“ textsicher. Wie schön, dass Westernhagen für diesen Abend zurückgekehrt ist!
Eine Hymne für die Freiheit – Gänsehaut pur!
In der ersten von zwei Zugaben gibt es Hits wie „Lass uns leben“ und „Schweigen ist feige“. Bei letzterem werden Bilder von Demonstrationen und Vorkämpfern wie Martin Luther King Jr. und Greta Thunberg eingeblendet. „Habt ihr noch immer nicht genug?“, fragt Marius und kredenzt „Weil ich dich liebe“ und „Johnny W.“
„Wir spielen jetzt noch einen Song, den ich eigentlich nicht mehr singen wollte. Manchmal gelingt es Menschen, solche Lieder zu schreiben, die dann ihren Weg nehmen und für viele Menschen etwas bedeuten.“ Aber ihn deswegen immer wieder runternudeln? Das ist MMW zu „inflationär“. „Aber ich glaube, dass im Augenblick die politische Lage, die gesellschaftliche Lage, das einfach zur Pflicht machen. Wir müssen wieder anfangen, miteinander zu reden!“ Die Bühne ist in Blau getaucht, als Westernhagen den Text von „Freiheit“ anstimmt. Zum Refrain breitet er weit die Arme aus. „Kommt jetzt, Hamburg, kommt!“, fordert er zum Mitsingen auf, während eine Friedenstaube über die Leinwand flattert. Gänsehaut pur! Gegen Ende geht das Lied in eine Gospel-Version über. Was für ein perfekter Schluss für ein großes Konzert.