Rock-Feuerwerk mit türkisem Bass: Die „Queen of Rock’n Roll“ zu Gast in Hamburg
Auf den Konzerttickets von Suzi Quatro steht gleich unter ihrem Namen der Zusatz „The Queen of Rock’n’Roll“. Für ihren Auftritt am Samstagabend im CCH lässt sie sich standesgemäß von einem Ansager auf die Bühne bitten, während ihre Band das Publikum mit Klatschrhythmen schon mal auf den Abend einschwört. „Welcome Suzi Q“, heißt es da unter dem Jubel ihrer Anhänger. Ein Abend wie ein Rock-Feuerwerk!
Die US-amerikanische Sängerin, Komponistin und Bassistin Suzi Quatro (50 Mio. verkaufte Platten) gehörte in den 1970ern nicht nur zu den ersten, sondern auch zu den erfolgreichsten Rockmusikerinnen – besonders in Europa. Dass sie ihr Licht nicht unter den Scheffel stellt und mit ihren 75 Jahren keineswegs altersmilde geworden ist, macht schon ihr stolzer, strammer Schritt auf die Bühne deutlich.
Suzi Quatro im CCH: Ihr türkisfarbener Bass ist mit dabei
Natürlich mit dabei: ihr (türkisfarbener) Bass. Noch bevor sie die ersten Akkorde darauf spielt, streckt die 1,53 Meter große Powerfrau im glitzernden Jeans-Anzug dem Publikum ihr Hinterteil entgegen. Sie kann es sich immer noch leisten und muss auch den Vergleich mit der jungen Suzi nicht scheuen, deren Konterfei übergroß die Spielfläche dekoriert.
Und dann geht es auch schon los mit „The Wild One“ – dem ersten Hit des Abends aus ihrer 61 Jahre währenden Musikkarriere. Miss Q ist immer noch ein unbändiges Energiebündel, das ihre Band voll im Griff hat. Das Bläsertrio (Quatro: „My horny boys“), ihr Gitarrist und der Rock’n’Roll- und HonkyTonk-spielende E-Pianist setzen immer wieder Akzente; ihr junger Drummer, der zurecht auf einem Podest in der Bühnenmitte thront, ist überragend und gibt den kraftvollen Beat vor. Zwei junge Backgroundsängerinnen beleben das Geschehen zusätzlich mit Tanzeinlagen.
Suzi Quatro in Hamburg: Nur warme Worte für die Hansestadt
Quatros Stücke sind druckvoll, melodiös und mitreißend – selbst wenn man nicht alle ihrer älteren Songs kennt. Ihre Stimme sitzt so gut wie ihr mittlerweile ergrauter Pony. Ihre Ansagen sind sympathisch und humorvoll, selbstbewusst, kühn und frech. Besonders Männer bekommen ihr Fett weg. „Für den nächsten Song muss ich einen Mann finden, für den ich ihn singen kann“, sagt sie und erwählt einen Herren aus der ersten Reihe. „Dieses Lied ist für dich. Es heißt ‚Mama’s Boy‘.“ Die Lacher hat sie damit auf ihrer Seite. Zum Stück „48 Crash“ erklärt sie: „Auch Männer haben die Menopause. Die ist viel schlimmer als die der Frauen. Because we own it!“ Dazu macht sie die Faust.
Quatro war schon in den 1970ern das, was man heute als Badass-Woman bezeichnet. Für Hamburg, seit Dekaden ihr Zweit-Wohnsitz dank ihres hier geborenen und aufgewachsenen Mannes und Managers Rainer Haas, findet sie nur warme Worte. Es sei ihre Lieblingsstadt in Deutschland, so Miss Q. „Und das sag ich nicht nur so. I never bullshit“, bekräftigt sie.
Suzi Quatro im CCH: Intimer Schlussmoment der ersten Konzerthälfte
Dass ihr derzeit eine neue Popularitätswelle widerfährt und sie auch in Australien wieder die XL-Hallen füllt, führt sie auf den riesigen Charterfolg des Covers von „Stumblin‘ In“ des australischen DJs Cyril zurück, die sie amüsiert als „Technoversion“ bezeichnet und kurz einspielt. „Hier kommt das Original“, läutet Quatro ihren großen Hit von 1979 ein – statt mit Chris Norman singt sie es im Duett mit ihrem Gitarristen.
Auch einige jüngere Songs wie „No Soul/No Control“, das sie zusammen mit ihrem Sohn Richard geschrieben hat, bringt sie auf die Bühne. „Bevor wir mit den Aufnahmen starteten, fragte ich ihn aber erst mal: ‚Hast du auch dein Zimmer aufgeräumt?‘“, witzelt sie.
Der intime Schlussmoment der ersten Konzerthälfte gehört ihrer Familie, weshalb sie ihre Musiker von der Bühne befiehlt. „Go, exit, quickly!“, so Quatro, um sich dann hinter das E-Piano zu setzen und alleine das Stück „Can I Be Your Girl?“ für ihre längst verstorbenen Eltern zu spielen. „Meine Mutter schenkte mir das Leben, mein Vater die Karriere“, sagt sie und fügt mit Blick nach oben hinzu: „Ich vermisse euch!“.
Erster Nummer 1 Hit von Quatro von 1973 wird in Hamburg gefeiert
Im zweiten Teil gibt es Quatro in ihrem kultigen Leder-Bodysuit, der ihr immer noch passt, dazu noch mehr Hits und viele biografische Stationen. Mit „Rock Hard“ widmet sie einen Song ihrer einstigen Heimatstadt Detroit und erzählt von der Gründung ihrer ersten Girlband gemeinsam mit ihrer Schwester – da war sie gerade mal 14 Jahre alt. „Niemand wollte den Bass spielen. Da hat das Universum es gefügt. Ich habe ihn seit damals nicht mehr aus der Hand gegeben“, so die Künstlerin. Immerhin sieben Jahre lang blieb die Gruppe zusammen, bis man Quatro einen Solovertrag anbot.
Mit „Can The Can“ landete sie 1973 ihren ersten Nummer-1-Hit. Das CCH feiert den Titel, der bei älteren Semestern für Nostalgie-Schübe sorgt. „Ihr habt alle ein Licht. Findet euer Licht, schaltet es ein und lasst es nicht zu, dass es irgendwer dimmt“, so die Sängerin als Überleitung zum Lied „Shine A Light“, das sie 2023 mit KT Tunstall schrieb und zu dem nun alle ihre Handylichter schwenken.
„Too Big“: Ein rockiges Mee-Too-Statement von 1974
Quatro erzählt von Musical-Rollen (in „Annie Get Your Gun“), von einem Preis als Radio-Präsentatorin des Jahres, woraufhin sie eine Kostprobe ihrer „Radiostimme“ gibt. Acht Bücher hat sie geschrieben, eine Dokumentation über sich selbst veröffentlicht, und von der Universität in Cambridge erhielt sie den Ehrendoktor-Titel in Anerkennung ihrer Verdienste um die Musik. „Ich bin eine stolze 75-Jährige, die immer noch ihren Arsch zeigen kann“, meint sie und wackelt mit ihrem Hinterteil. Jubel total. Nur bücken könnte sie sich in dem engen Lederoutfit nicht, scherzt sie.
Mit dem Titel „Too Big (To Be Abused)“ – zu deutsch: zu groß, um missbraucht zu werden – hat sie schon 1974 ein rockiges Me-Too-Statement mit ironischem Unterton abgegeben. Für das darauffolgende Bass-Solo nimmt sie ihr Instrument zwischen die Beine, so als habe sie Sex damit, und grinst dazu schelmisch. Auch an den Drums macht sie eine gute Figur. „Wenn ihr jetzt sitzen bleibt, seid ihr älter als ich“, richtet sie sich fordernd ans Publikum. Alles springt von den Sitzen und feiert die Queen of Rock’n’Roll, die immer unbändiger wird.
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Es fühlt sich mittlerweile an wie ein Stadionkonzert im CCH.„Ich sehe euch, ich fühle euch!“, sagt Quatro. Als sie am Ende das Chuck-Berry-Cover von „Sweet Little Rock’n‘Roller“ darbietet (Quatro: „Die kleine Rock’n’Rollerin werde ich immer bleiben!“) und mit „Singing With Angels“ ihre einst in Nashville aufgenommene Hommage an ihr Idol Elvis Presley intoniert, schwelgen die Hamburger längst im Glück. Was für ein großer Abend mit Suzi Quatro.