Provokationen und Hängebrüste: Peaches rockt die Große Freiheit
Die kanadische Musikerin Peaches lieferte in der Großen Freiheit alles, wofür sie berüchtigt ist – und noch viel mehr.
Dass jemand so viele verschiedene Songs über Geschlechtsteile schreiben kann! Wenn Sie jetzt glauben, das wäre sarkastisch gemeint: nee, nee. Das ist ernsthafte Bewunderung!
Es ist einfach, in der Musikerin Peaches bloß eine Skandalnudel zu sehen. Das wird aber in keiner Weise dem gerecht, was die Kanadierin auf der Bühne abliefert. Wer das einmal selbst hat, wird von da an bloß Mitleid mit allen empfinden, die sich der „Peaches Experience“, wie die Musikerin es selbst nennt, bisher verweigert haben.
Peaches kommt im Bigfoot-Kostüm
Denn ein Konzert der 59-Jährigen ist zur Hälfte Kunst-Performance, zur Hälfte Techno-Party und zur Hälfte (Dinge haben drei Hälften, richtig?) eben: Peaches. Und das bedeutet: Ungefähr Lady Gaga zu Beginn ihrer Karriere, wenn die furchtloser und weniger karriereorientiert gewesen wäre. Das, was da am Montag auf der Bühne der Großen Freiheit 36 passierte, war jedenfalls ambitionierter als so manche große Arena-Show der letzten Jahre.
Peaches kam zum ersten Song, „Hanging Titties“, in einer Art Bigfoot-Kostüm, das jedoch aus vielen kleinen Hängebrüsten bestand, auf die Bühne. Im Hintergrund schwingen ihre (fantastischen!) Tänzer währenddessen deutlich größere Varianten selbiger umher. Mit jedem folgenden Song schält sich die Sängerin aus einer Schicht Kostüm, bis sie in barbiefarbener Lingerie dasteht und bei „Rub“ dem Publikum das Popöchen entgegenstreckt und erstmals an diesem Abend freimütig Masturbation simuliert.
Apropos Publikum: Wenn wir gerade schon die Mathematik ignoriert haben, dann machen die Fans direkt noch eine Hälfte der „Peaches Experience“ aus. Nicht nur waren die von der ersten Sekunde an zu allem bereit, voller Euphorie und absolut textsicher – sie alle hatten sich auch sichtlich Mühe mit Style und Outfits gegeben und sorgten dafür, dass die Freiheit an diesem Abend voll schöner Menschen war.
Tänzer in Vagina-Kostümen und ein gigantischer Kunstpenis
Die es einfach unheimlich lustig fanden, als schließlich zwei Tänzer in überlebensgroßen Vagina-Kostümen auf der Bühne die Hüften wippten. Man könnte so etwas als alberne Provokation beiseiteschieben, aber Peaches muss hier niemanden provozieren – jeder im Saal liebt sie wegen genau solcher Gimmicks. Später wurde auch noch ein gigantischer, zweiendiger Kunstpenis auf der Bühne aufgeblasen.
Aber diese Späße reichten der 59-Jährigen nicht. Sie legte nach fast jedem zweiten Song einen Kostümwechsel hin, blieb trotz pausenloser Tanzeinlagen bei Stimme (und später auch beim waghalsigen Crowdsurfen durch die Menge!). Erst als Zugabe gab es nach fast anderthalb Stunden drei ihrer größten Hits – und jemand merkte erstaunt an: „Oh, mir ist gar nicht aufgefallen, dass sie das noch gar nicht gespielt hat!“ Vor lauter Show hatte einfach niemand Gelegenheit, etwas zu vermissen. Jetzt aber: „Dick In The Air“, „Fuck The Pain Away“ und das Titelstück des neuen Albums: „No Lube So Rude“.
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Eine Provokation erlaubte sich die Sängerin dann aber doch genüsslich: Als die Fans sie auch nach der Zugabe nicht gehen lassen wollten, kam sie noch einmal auf die Bühne. Diesmal aber ohne Techno-Beats und Stoff-Penisse. Zum Abschied sang sie das gefühlige „People“ aus dem 60er-Jahre-Musical „Funny Girl“.
Vielleicht, um ihre enorm gute Stimme unter Beweis zu stellen. Vielleicht, um einmal alle Erwartungen zu konterkarieren. Der Applaus war ohrenbetäubend und wollte gar nicht mehr aufhören. Und draußen, vor der Freiheit, rief bereits jemand enthusiastisch: „Wo ist jetzt die Afterparty?“