Nick Cave bringt die Elphi zum Beben: „Shut the fuck up“ – und alle lieben ihn dafür

NIck Cave gibt auch optisch einmal mehr den Fürsten der Finsternis.
Nick Cave gibt auch optisch einmal mehr den Fürsten der Finsternis.

Oh, diese Stimme! Kaum hat sich Nick Cave hinter sein Klavier gesetzt, um mit „Girl In Amber“ den ersten (dunklen!) Song des Abends zu kredenzen, da umarmt er die Zuschauer mit dem warmen, sonoren Timbre seiner Bariton-Stimme. Dieser Mann könnte aus dem Telefonbuch vorsingen, und man würde ihm trotzdem gern dabei zuhören! Und zusehen: Seine zurückgegelten schwarzen Haare, der schlanke lange Körper im dunklen Anzug, die weißen Socken zum glänzenden Schuh, die langen Finger, die über die Tasten gleiten – Cave gibt auch optisch einmal mehr den Fürsten der Finsternis.

Noch im Oktober 2024 rockte er mit seiner Band The Bad Seeds die Barclays Arena. Wenn er an diesem Wochenende für gleich zwei Konzerte im Rahmen seiner Solo-Tour nach Hamburg in den großen Saal der Elbphilharmonie zurückkehrt, geschieht das aus gutem Grund. „Wir spielen auf dieser Tour nur Städte, die wir mögen“, so der australische Musiker, Texter, Schauspieler und Drehbuchautor beim ersten der zwei Shows am Samstag. Klar, erntet er mit dieser Einführung den ersten Jubel. Mit „wir“ ist auch Bassist Colin Greenwood gemeint, Gründungsmitglied der britischen Erstliga-Band Radiohead. Er begleitet Cave bei den Konzerten behutsam.

Nick Cave: „Songs zurück zu ihrer wesentlichen Natur bringen“

Cave erklärt das Konzept für die Zusammenkunft: „Wir wollen diese riesigen Songs nehmen, die sonst mit vier Backgroundsängerinnen und einer fetten Band gespielt werden, und sie zurück zu ihrer wesentlichen Natur bringen; so, wie sie waren, als ich sie im Studio den Bad Seeds präsentierte, bevor sie dann zu den wunderschönen Monstren wurden, die sie heute sind.“

Alte Regel: Ein guter Song funktioniert in jedem musikalischen Gewand. Wenn man das zugrunde legt, dann hat Cave jede Menge gute Songs geschrieben. Das weiß er auch: Immer wieder schwärmt er von den eigenen Liedern als „amazing“ und „beautiful“ und muss manchmal selbst darüber lachen. Aber wo er Recht hat … Insgesamt seien bisher 250 bis 300 Lieder aus seiner Feder entstanden, wird er später zu Protokoll geben. Auf dem Notenständer liegen als Hilfestellung Textblätter, teils aus dem Computer, teils handschriftlich verfasst. Und immer, wenn er einen Song fertig gesungen hat, lässt er das Papier über seine linke Schulter zu Boden segeln. Am Ende werden 22 Blätter dort liegen.

Nick Cave widmet Lied seiner Frau – und erwähnt verstorbene Kinder

Cave präsentiert „Jesus Of The Moon“ über einen Typen, der seine Freundin verlässt und sich einerseits über die gewonnene Freiheit freut, den aber gleichzeitig auch das Gefühl beschleicht, einen schrecklichen Fehler begangen zu haben. „Ich kenne das Gefühl“, grinst Cave. Seit 1999 ist er allerdings mit seiner Frau Susie in zweiter Ehe verheiratet, die sich immer mal wieder in seine Songs schleicht. Auch ihr widmet er an diesem Abend ein Lied.

Mehrmals erwähnt der vierfache Vater seine Kinder. Seine Söhne Arthur und Jethro starben 2015 bzw. 2022 tragisch. Aber das soll an diesem Abend nicht Thema sein. Mit „O Children“ setzt er sich mit der Unfähigkeit der Erwachsenen auseinander, ihre Kinder zu beschützen. „Besonders in diesen Zeiten, wo so viel Schlimmes in der Welt geschieht“, so Cave. Den Song „Papa Won’t Leave You, Henry“ hätte er vor 30 Jahren im damals von Korruption und Gewalt geprägten Brasilien geschrieben, während er seinen Jungen auf dem Arm wiegte. „Ich kann auch Multitasking“, gibt Cave preis. Mit wie viel Leben und Dynamik er das Stück am Klavier darbietet, ist mitreißend. Dazu macht er dramatische Posen mit den Armen.

Colin Greenwood: „Es ist ein Privileg, mit diesem Mann spielen zu dürfen“

Und wie niedlich ist bitte Colin Greenwood? Wenn er bei einem Song nicht gebraucht wird, steht er einfach nur da, guckt dem Meister zu, grinst, klatscht und hebt die Daumen hoch wie ein Fanboy. Bei Radiohead steht er eher in der Unschärfe des Bühnengeschehens, vielleicht ist er den lautstarken Beifall für seine Person einfach nicht gewohnt. Denn wenn ihm selbst tosender Applaus zuteilwird, hält er sich gern die Ohren zu. Sein Spiel auf dem Bass ist nie zu dominant, er ist eher den Songs dienlich. Neben einigen Umarmungen gibt es von Cave viel Lob: „Es ist ein Privileg, mit diesem Mann spielen zu dürfen“, meint er.

Nick Cave und Colin Greenwood auf der Bühne der Elbphilharmonie.
Nick Cave und Colin Greenwood auf der Bühne der Elbphilharmonie.

Beim Song „Balcony Man“ wird es interaktiv – „shut the fuck up“

Interaktiv wird es bei „Balcony Man“, mit dem Cave sonst Leute auf den schlechteren Plätzen tröstet. „Aber an diesem lustigen Ort hier gibt es ja nur Balkone“, stellt er fest und lacht. Immer, wenn das Wort „Balcony“ im Song vorkäme, sei es überall auf der Welt das Gleiche: Die Leute auf den Rängen „lose their fucking shit“. Für die Leute im Parkett hat er auch ein paar Worte übrig: „You just shut the fuck up.“ Cave grinst und macht mit dem Publikum ein paar Trockenübungen. Der Song wird zum lauten Miteinander und macht allen Spaß.

Die Interaktionen wollen danach nicht mehr aufhören. Ein Mann, dem nur der Blick auf Caves Rücken bleibt, schreit rein: „Turn around the piano!“ Cave macht mit dem Körper eine 90-Grad-Drehung auf dem Klavierhocker. „Ich bin versucht“, so Cave trocken. „Ihr da drüben habt meine gute Seite.“ Ein anderer ruft: „We love you.“ „I love you too“, entgegnet Cave. Nicht nur seine weißen Socken erinnern in diesem Moment an Michael Jackson.

Fans springen von den Sitzen – Hommage an Leonard Cohen

Von einem weiblichen Fan lässt sich Cave einen Brief nach vorne an die Bühne bringen. Und es gibt jede Menge Musik: Cave spielt „The Mercy Seat“, „The Ship Song“ („Das ist unser Hit“), „The Weeping Song“ und „Skeleton Tree“. Die Leute springen von den Sitzen. Auf der Bühne umarmen sich die Zwei einmal mehr.

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In der Zugabe liefert Cave mit „Avalanche“ eine Hommage an Leonard Cohen und reist damit in die eigene Biografie zurück. „Als 14-Jähriger lebte ich in einem kleinen primitiven Dorf in Australien. Da war kein Raum für Melancholie“, so Cave. „Aber ein Freund meiner Schwester spielte mir 1971 die Platte „Songs Of Love And Hate“ von Leonard Cohen vor. Das sprach zu mir. ‚Avalanche‘, der erste Song darauf, wurde zum ersten Song, den die Bad Seeds jemals aufnahmen.“ Auch dem „wundervollen Texter“ Marc Bolan von T. Rex huldigt der Musiker mit einer Coverversion von „Cosmic Dancer“. Dabei verschmelzen Caves Klavier und Greenwoods Bass aufs Herrlichste. Ohne die schwermütige Ballade „Into My Arms“, die Cave allein auf der Bühne darbietet, kann er das Konzert natürlich nicht beenden. Ganz Hamburg singt den Refrain mit. Ein wunderschöner Moment für die Ewigkeit.

Oh, diese Stimme! Kaum hat sich Nick Cave hinter sein Klavier gesetzt, um mit „Girl In Amber“ den ersten (dunklen!) Song des Abends zu kredenzen, da umarmt er die Zuschauer mit dem warmen, sonoren Timbre seiner Bariton-Stimme. Dieser Mann könnte aus dem Telefonbuch vorsingen, und man würde ihm trotzdem gern dabei zuhören! Und zusehen: Seine zurückgegelten schwarzen Haare, der schlanke lange Körper im dunklen Anzug, die weißen Socken zum glänzenden Schuh, die langen Finger, die über die Tasten gleiten – Cave gibt auch optisch einmal mehr den Fürsten der Finsternis.